„New York Times“: Ende der Gratis-Website?

Rund zehn Millionen Dollar erlöste die "New York Times" jährlich mit ihrer Website - bis 2007. Damals öffnete man das Angebot für alle Leser und versprach sich dabei höhere Werbeeinnahmen durch die wachsende Reichweite. Aus heutiger Sicht ein Irrtum. Jetzt hat Chefredakteur Bill Keller einen Strategiewechsel angedeutet: Die Leser sollen wieder für Inhalte zahlen, wie es etwa bei Murdochs "Wall Street Journal" der Fall ist. Drei Szenarien werden bei der krisengeplagten "Grey Lady" diskutiert.

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Bill Keller, Chefredakteur der „New York Times“
Vor einigen Wochen hatte ich geschrieben, dass führende US-Zeitungsverlage überlegen, ihre Websites in diesem Jahr wieder kostenpflichtig zu machen.  

Diese Möglichkeit hat gestern Bill Keller, der Chefredakteur der „New York Times“, in einer Frage- und Antwort-Runde mit Lesern seiner Zeitung bestätigt. 
Keller sprach dabei davon, dass es innerhalb vom Verlag der New York Times eine „lively, deadly serious discussion“ darüber gäbe, wie man den Online-Leser zur Kasse bitten könne. Vor allem prüfe man 3 Möglichkeiten: 

– ein Abo-Modell, wie es heute beim Konkurrenten „Wall Street Journal“ und auch bei der „Financial Times“ in London praktiziert wird. Die Frage dabei sei allerdings, wie viel und welchen Inhalt macht man nur den Abonnenten zugänglich macht. Nachteil: die Reichweite der Website und damit auch das Anzeigengeschäft dürften deutlich zurückgehen.  
– ein sog. Micro-Payment-Modell. Hier würden die Kunden „a few pennies“ für jede Seite der New York Times zahlen, die sie anklicken. Je mehr die User also online lesen, umso so teurer wird es. 
– new reading devices. Hiermit ist die kostenpflichtige Verbreitung der Zeitung über neue mobile Geräte wie z.B. Amazons „Kindle“ gemeint. Eine ähnliche Möglichkeit bietet heute auch schon der Times Reader an, mit dem man am Notebook die ganze Zeitung downloaden und dann lesen kann. (Dieser Service ist ähnlich wie in Deutschland das E-Paper vom „Spiegel“).  

Keller: „Really good information, often extracted from reluctant sources, truth-tested, organized and explained – that stuff wants to be paid for“.  

Im September 2005 hatte die „NY Times“ bereits ein Online-Abomodell mit Namen „Times Select“, bei dem einige Meinungs-Artikel und das Archiv „behind the wall“ lagen und nur zahlenden Kunden zugänglich waren. Dieses Modell bescherte dem Verlag immerhin Einnahmen von 10 Mio. Dollar. Dies hat man dann zwei Jahre später wieder abgeschafft, weil man glaubte, dass man mit einer komplett kostenlosen Website mehr durch Werbung als durch Abogebühren erlösen könnte. Keller: „The lesson of this experiment was not that readers won’t pay for content“. 
Wie es jetzt bei der New York Times weitergeht?  

  • meiner Meinung nach wird man lange brauchen, zu einer Entscheidung zu kommen. Was der „Gray Lady“ leider fehlt, ist ein entschlossener, mutiger Verleger. Konkurrent „Wall Street Journal“ ist da mit Rupert Murdoch deutlich im Vorteil. Der fehlende Mut an der Spitze kann die New York Times in ernsthafte Gefahr bringen  
  • letztendlich wird die Frage sein, wie lange die Rezession in den USA andauert. Je länger und härter sie wird, um so eher wird die „New York Times“ versuchen, ihre Website auch von Lesern und nicht nur von der Werbung finanzieren zu lassen
  • Am meisten Sinn würde für die „New York Times“ vermutlich ein kombiniertes Abo-Modell für Print und Online machen, weil man so die Printauflage stützen könnte, die ja weit mehr an Werbeeinnahmen bringt als die Website.

Stay tuned.

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