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‚Ich möchte, dass die Menschen resignieren‘

Im Herbst 2008 ereignete sich bei dem Satire-Magazin "Titanic" ein spektakulärer Führungswechsel: Es gelang dem Praktikanten Leo Fischer, den alten Chefredakteur Thomas Gsella zu entmachten und selber dessen Position einzunehmen. MEEDIA und seine Leser haben Fischers Karriere von Anfang an begleitet. Heute, nach drei Monaten an der Spitze des wichtigsten deutschen Print-Magazins, spricht Fischer (27) über seine wahren Motive und seine Ängste.

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Sie sind jetzt 100 Tage im Amt. Wie halten Sie diesen ungeheuren Stress, die extremen Belastungen aus?
Mit vielen Drogen – Alkohol, Schnaps besonders. Ich habe früher nicht sehr viel getrunken, aber das gehört jetzt mittlerweile zum Berufsbild, zum Anforderungsprofil dazu.

Da muss doch die Dosierung ständig erhöht werden…
Ja, das stimmt – wo ist das Problem?

Der Pegel von gestern Abend wird nicht mehr so lange vorhalten – wann muss man das erste Mal wieder nachladen?
Wir fangen hier recht früh damit an, zur ersten Mittagskonferenz. Und dann setzt sich das immer weiter fort, in den Nachmittag hinein…

Als Sie die Stelle als Titanic-Chefredakteur angetreten hatten, erkannten Sie schnell, dass die alten zynischen Redakteure Sie als Kanonenfutter verheizen wollten. Aber Sie sind immer noch da. Hat man sich in Ihnen getäuscht?
Ich fürchte, ich habe doch etwas höherere Widerstandskräfte, als von diesen manipulativen und intriganten Persönlichkeiten erwartet wurde. Ich führe das auf den erwähnten Drogenabusus und einen gewissen Stumpfsinn meinserseits zurück. Ich merke das eigentlich gar nicht, dass ich aufgespießt und fertiggemacht werden soll. Dazu bin ich einfach zu grob, kleingeistig und von zu engem Horizont.

Das heißt, Sie nehmen die ständigen Verletzungen gar nicht mehr wahr?
Das gehört, glaube ich, zu dem sozialdarwinistischen Arbeitsethos, dem wir hier bei „Titanic“ unterstehen. Jeder ist des Nächsten Wolf und versucht, den anderen wegzubeißen, Pöstchen zu ergattern und den anderen zu zerstören.

Viele unserer Leser fragen sich, wie – und wie lange – hält der Mann das durch?
Ich habe in einem anderen Interview gesagt, dass ich nur mit der Perspektive angetreten bin, mich schamlos zu bereichern. Ich habe mir das Ziel gesetzt, Millionär zu werden mit „Titanic“. Das habe ich bislang nicht erreicht. Die aktuellen Auflagen- und Abozahlen lassen aber dieses Ziel in greifbare Nähe rücken. Ich bin sehr zufrieden und werde in den kommenden Monaten mein Gehalt sukzessive auf Kosten der Gehälter meiner Mitarbeiter erhöhen.

Wie ertragen Sie den Druck, immer witzig sein zu müssen?
Ich sehe diese Notwendigkeit gar nicht. Ich reagiere ganz natürlich auf meine Umwelt. Das ist kein Zwang, sondern liegt in unseren verschrobenen, verbohrten und kaputten Mentalitäten begründet.

Es ist durchaus möglich, einen ganzen Tag zu schweigen und böse zu schauen?
Ja. Tatsächlich passiert das hier sehr oft. Insbesondere wenn uns nichts einfällt, wenn die Abgabetermine immer näher rücken… Dann baut sich hier so eine subtile Aggression auf, die oft über Wochen hin aufrecht erhalten bleibt und die jegliche Kreativität lähmt.

Bedrückend.
Wirklich!
Was halten Sie für die wichtigste Charaktereigenschaft eines Chefredakteurs unter solchen Bedingungen?
(Atmet schwer ein, dann endlich:) Starrsinn. Und Geduld.

Gibt es moralische Grenzen für ein Satire-Magazin?
Sie meinen, Sachen, die wir nicht machen? – In unserem Heft erscheint vieles nicht, Sachen, die wir uns verbieten, weil sie einerseits zu schlecht sind, andererseits, weil sie nicht schlecht genug sind.

Im aktuellen Heft stellen Sie Veronica Ferres als hochintelligente Frau dar, die genau weiß, dass „Ficksahne“ kein Schlankheitsmittel ist. Guido Westerwelle hingegen machen Sie auf dem Titel zum Gegenstand eines ausgesprochen groben Pennälerwitzes. – Wie reagieren die Prominenten auf so etwas?
Bis jetzt haben wir auf diese Witze noch keine Reaktionen erhalten, was ich ein bisschen bedauerlich finde.

Und Leserbriefe?
Nein, bisher gar nichts.

Alle Zeitschriften und Zeitungen kämpfen gegen den Untergang – nur die sprichwörtliche „Titanic“ schwimmt oben. Sie haben zwar eine verkaufte Auflage von 63.000. Aber praktisch keine Einnahmen aus Anzeigen. Helfen Ihnen noch Gönner, Spender oder Sponsoren?

Ich bin sicher, dass es irgendwo graue Eminenzen gibt. Ich weiß nicht, wer diese Leute sind. Eventuell werden die von uns sogar versehentlich beleidigt. Ich gebe den Ausruf heraus: BITTE MELDET EUCH, ZEIGT EUCH, WIR MÖCHTEN GERNE WISSEN, WOHER DAS GELD KOMMT! WIR MÖCHTEN EUCH VERHERRLICHEN!

Welche Herausforderungen gibt es jetzt eigentlich noch für Sie?
Ich möchte mich nach meinem Posten als Chefredakteur ins gemachte Nest setzen, ich möchte Netzwerke aufbauen und dann in einer schleimigen Agentur landen. Ich rufe alle interessierten Agenturen auf, mich zu buchen. Ich mache für Geld wirklich alles. Alles!

Die Menschen da draußen haben unterdessen Angst, alles zu verlieren – was raten Sie ihnen?
Ich glaube es ist falsch, immer Optimismus und Frohsinn verbreiten zu wollen. Ich möchte, dass die Menschen resignieren, dass sie an ihrer Existenz verzweifeln und die Krise als das verstehen, was sie wirklich ist, nämlich der Untergang. Mein Rat: Lassen Sie sich unterkriegen, lassen Sie sich von der Krise fertig machen.

Gibt es eine Frage, auf die Sie bei allen Interviews gefasst waren, die aber nie gestellt wurde – und die Sie trotzdem beantworten möchten?
Nein, aber eine Frage, mit der ich immer rechne, ist eine Frage zu meinem Allgemeinwissen, das auf die Probe gestellt werden soll. Ich denke tatsächlich darüber nach, ob mich das nicht völlig überraschen und von den Socken hauen würde.

Also eine Frage, die das kleine Einmaleins betrifft, oder Geografie…
Geografie ist ein Problem, Vogelkunde. Und Botanik. Da habe ich nicht die geringste Ahnung. Auch Geschichte. Eigentlich sind alle Wissenschaften problematisch, wenn es darum geht, etwas zu wissen.

Kennen Sie diese Träume, in denen man ohne Hose auf einer Bühne steht und genau solche Wissensleistungen vor Publikum zu erbringen hat?
Genau. Solche Träume habe ich vor jedem Interview.

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