Fall Kundrun: Die fünf wichtigsten Fragen

Publishing Einen Tag vor dem Jahreswechsel herrscht im Fall Kundrun immer noch Schweigen. Während in der Medienöffentlichkeit die Nachfolge-Diskussion geführt wird, gibt es weder von Bertelsmann noch vom Hamburger Verlag oder der Familie Jahr als Minderheitsgesellschafter einen Kommentar zur Zukunft des G+J-Vorstandschefs. Kundrun selbst ist offenbar im Urlaub und äußert sich ebenso wenig. MEEDIA stellt fünf Fragen, die für die Weichenstellung 2009 entscheidend sind – und sucht nach Antworten.

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Die Lage am Baumwall ist im mutmaßlichen Mega-Krisenjahr 2009 ernster als bei anderen Großverlagen. Als klassisches Magazin-Medienhaus mit zahlreichen Premium-Titeln werden Gruner + Jahr weitere Anzeigeneinbrüche empfindlicher treffen, weil der Anteil der Vertriebserlöse geringer ist als etwa bei Burda, Bauer oder auch Springer. Mit 10 bis 20 Prozent Rückgang gegenüber dem ohnehin schwachen Jahr 2008 rechnen Insider inzwischen. Zudem muss Gruner + Jahr die ehrgeizigen Pläne zur Sanierung der Wirtschaftsmedien im Frühjahr noch realisieren, damit „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ weiter erscheinen können. All das verlangt nach einer starken, unumstrittenen Führung.
Doch davon scheint Gruner + Jahr derzeit weit entfernt. Branchenkenner spekulieren bereits, ob Bernd Kundrun nach dem Eklat um seinen Rücktritt als Bertelsmann-Vorstand einen Tag vor Heiligabend im Januar überhaupt an seinen Schreibtisch zurückkehren wird. Die Lage ist verworren. Hier die wichtigsten Fragen:
Wie lange kann sich Bernd Kundrun als G+J-Vorstandschef halten?
Es ist davon auszugehen, dass Kundrun selbst mit einer zeitnahen Demission rechnet, die nach dem Enzug des Vertrauens durch den Hauptgesellschafter unabwendbar ist. Er selbst hätte seinen Chef-Posten in Hamburg nicht niederlegen können, ohne Gefahr zu laufen, seine Abfindungsansprüche zu verwirken. Dass sich der Machtkonflikt (und das damit verbundene Machtvakuum) über einen längeren Zeitraum hinziehen, ist allenfalls dann denkbar, wenn sich die Jahr-Holding einer raschen Lösung verweigert und aufgrund der Sperrminorität ihrer Unternehmensanteile ein taktisches Veto einlegen würde. Eine solche Konstellation kennt Kundrun übrigens bestens, hatte er doch als Minderheitsgesellschafter des Spiegel-Verlags im April die Entlassung von Geschäftsführer Mario Frank monatelang blockiert.
Wie steht die Familie Jahr zu Bernd Kundrun?
Diese Frage kann derzeit nur historisch beantwortet werden. Aktuell gibt es, auch hinter vorgehaltener Hand, keine Information, wie die Gründer-Familie und vor allem G+J-Aufsichtsrats-Mitglied Angelika Jahr sich zu ihrem Vorstandschef und dessen Verhalten in den letzten Wochen positionieren. Als der vor acht Jahren an die Spitze von Gruner + Jahr rückte, galt er eher als Mann der Gütersloher, als „Ziehsohn“ des damaligen Bertelsmann-Chefs Mark Wössner, der sich die Gunst der Hamburger Unternehmerfamilie erst noch verdienen musste. Das Verhältnis, so versichern langjährige Kenner der Hamburger Medienszene, sei im Laufe der Jahre zwar nicht herzlich, aber durchaus intakt gewesen. Von einem Zerwürfnis mit der Jahr-Familie könne keine Rede sein. Ob sich dies in den vergangenen Wochen oder speziell in den vergangenen Tagen durch Kundruns Verhandlungen mit ProSiebenSat.1 oder seinen Rückzug aus dem Bertelsmann-Vorstand grundlegend geändert hat, ist nach wie vor unbekannt. Viel wird davon abhängen, wie die Hamburger die Linie von Bertelsmann gegenüber dem Verlagshaus einschätzen. Letztlich wird auch dabei die Zukunft von Gruner + Jahr an erster Stelle stehen.
Wie plausibel sind die Spekulationen über die Rücktrittsgründe Kundruns?
In einer Mail an enge Mitarbeiter soll der G+J-Vorstandschef die zu hohen Renditeerwartungen von Bertelsmann als Grund für die Aufgabe seines Vorstandsmandats in Gütersloh angeführt haben. Diese hätten dringend notwendige Investitionen und unternehmerisches Wachstum behindert oder unmöglich gemacht. Hier stellt sich die Frage, welche Investitionen Kundrun meint. Die Gründung der deutschen „Financial Times“, die Übernahme der gesamten Stuttgarter Motorpresse, die Einführung von „Neon“ und „Park Avenue“, der Kauf von Chefkoch.de, die Übernahme des 50 Prozent-Anteils an der „Financial Times“ von britischen Pearson-Grupp, die Kosten für die millionenschwere Sanierung der Wirtschaftspresse und die Trennung von „Minderleistern“ – all diese Investitionen wurden in Gütersloh abgenickt. Beim Bieter-Verfahren für das milliardenteure niederländische Fachzeitschriften-Konsortium Reed Elsevier zog Kundrun im September wegen des Anzeigeneinbruchs und offenbar geschönter Bilanzen selbst den Stecker, und handelte damit nach Einschätzung der Branche richtig. Dass Gruner + Jahr in den vergangenen Jahren eine Milliarde Euro an Bertelsmann (enthalten sind darin wohl auch die Anteile für den Minderheitsgesellschafter) abgeführt habe, wie Kundrun offenbar intern argumentierte, erscheint auf den ersten Blick viel. Bei einem Jahresumsatz von 2,7 bis 2,8 Milliarden Euro relativiert sich die Summe.
Wer wird Nachfolger von Bernd Kundrun?
Eine ganze Reihe von Namen wurden in den vergangenen Tagen vermeldet und diskutiert: von Zeitschriften-Vorstand Bernd Buchholz über externe Kandidaten wie Andreas Wiele (Springer) oder Paul-Bernhard Kallen (Burda) bis hin zu Bertelsmann-Managern wie Fernando Carro. Wer hat die größten Chancen? Mit Blick auf die Gesamtsituation sicher vor allem ein Kandidat, der rasch verfügbar ist. Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski wird schnell und entschossen handeln müssen, um auch nach außen seine Autorität zu wahren. Externe wie Burda-Manager Kallen (der auf MEEDIA-Anfrage versicherte: „Mit mir hat keiner gesprochen“) oder Springers Zeitschriften-Vorstand Andreas Wiele, der selbst mal in G+J-Diensten stand, würden kaum kurzfristig antreten können. Deshalb spricht alles für eine Inhaus-Lösung, also einen Kandidaten, der bereits für Bertelsmann oder G+J tätig ist. Ob der eloquente und durchsetzungsstarke Bernd Buchholz Aussichten hat, hängt davon ab, wie groß in Gütersloh seine Nähe zu Bernd Kundrun und dessen zuletzt umstrittener Unternehmenspolitik eingeschätzt wird. In Gütersloher Kreisen hatte man von einem „Bruch der Unternehmenskultur“ gesprochen und sich damit auf die von Buchholz verkündeten Massenentlassungen bezogen. Auslandschef Torsten-Jörn Klein werden trotz starker Bilanzen von namhaften Insidern keine großen Chancen eingeräumt; ein interessanter „Exot“ unter den genannten Namen scheint Friedrich Wehrle als Chef der profitablen Stuttgarter Motorpresse zu sein: sicher kein Lautsprecher, aber ein effektiv zu Werke gehender Manager.

Wie geht es bei Gruner + Jahr jetzt weiter?
Aus Sicht des Managements muss zunächst das Projekt der Zentralredaktion für alle Wirtschaftsmedien angepackt werden. Zum 1. März soll der Newsroom am Baumwall seine Arbeit aufnehmen, ein ehrgeiziger Zeitplan. Dabei unterlief den Beteiligten nach MEEDIA-Informationen bereits ein teurer Patzer: Aufgrund eines Formfehlers konnten die Kündigungsschreiben an die 110 Mitarbeiter von „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ entgegen den Verlagsplanungen im Dezember nicht mehr verschickt werden. Offenbar waren die Entlassungen dem Arbeitsamt nicht rechtzeitig angezeigt worden. Damit verlängern sich die Fristen der individuellen Kündigungszeiten. Auf den Verlag kommen jetzt auch noch die Kosten für nicht kalkulierte Lohnfortzahlungen zu. Und auch eine Einigung über einen Sozialplan gibt es noch nicht, nachdem die zur Entlassung anstehenden Mitarbeiter fordern, bei der Kündigung finanziell nicht schlechter gestellt zu werden als die jüngst mit hohen „Turbo-Prämien“ abgefundenen „Minderleister“.
MEEDIA-Prognose: Der Nachfolger von Bernd Kundrun wird aus dem Hause Bertelsmann oder von Gruner + Jahr kommen. Die Personalie wird sehr schnell geregelt werden, alles andere wäre weder im Interesse von Bertelsmann und noch von Gruner + Jahr. Deshalb erscheint es wenig realistisch, dass die Familie Jahr den Personalwechsel blockieren könnte.

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