Nils allein zu Haus: Ikeas Web-Experiment

Publishing Mit einer aktuellen Werbeaktion geht Ikea in Deutschland neue Wege: In "Warte bis September" können Internet-Zuschauer einen jungen Mann in einem fast leeren Zimmer rund um die Uhr live beobachten. Über Telefon, E-Mail und Twitter-Tweet können sie ihn kontaktieren. Die interaktive Big Brother-Adaption soll nicht nur auf den Herbstkatalog des Möbel-Konzerns aufmerksam machen. Mit der viralen Werbung der Hamburger Agentur Nordpol wagt Ikea ein offenes Experiment.

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Ein Mann sitzt in einem Zimmer, bis auf einen Sessel zwei hässliche Stühle und einen Tisch gibt es keine Möbel. Telekommunikationsgeräte stehen herum: Telefon, Laptop, Faxgerät. Doch es geht um das, was man nicht sieht. Ganz klar fehlen hier Möbel. – Fehlende Möbel? Im September erscheint der neue Katalog von Ikea. Beim Warten darauf schauen wir zu.

Die Situation erinnert nicht nur an Big Brother, sondern auch an die Schlangengruben oder Terrarien voller Skorpione, in denen Jahrmarktskünstler früher Tage oder Wochen ausgeharrt haben. Im Fall von Nils – so heißt der Mann – sind es allerdings nicht hunderte von Reptilien, deren Anwesenheit zur Qual werden; Es ist die Langeweile und eine Flut von Telefonanrufen, E-Mails und Twitter-Tweets, mit denen die Zuschauer Nils – und damit sich selber – malträtieren. Dazu kommen Features wie Voting, Best-of der vergangenen 24 Stunden und ein Gästebuch.
„Für die einen ist es Werbung, für andere eine interaktive Dokusoap oder sogar Web-Kunst“, sagt Nora Krückel von der Hamburger Werbefirma Agentur Nordpol, die das Konzept ersonnen hat und betreut. Am 21. August um 20 Uhr wurde das Internet-Wohnzimmer mitten in Hamburg freigeschaltet. Seinen Bewohner Nils hat Ikea engagiert, im wirklichen Leben ist er Experimental-Künstler und Schauspieler. Mit dem Live-Stream von „Warte bis September“ hat Ikea Banner bei diversen Portalen wie AOL, Yahoo und Web geschaltet. Virale Werbung mit den Mitteln des Internet.

Das Projekt ist auf drei Wochen angelegt. „Doch das Ende ist offen“, so Nora Krückel, „sowohl zeitlich als auch inhaltlich.“ Nils hat in Bezug auf das, was er macht oder wem er begegnet, „absolute Selbstbestimmtheit“. Er kann auch gehen. Doch zuvor werden ihn reale Freunde besuchen kommen und „er wird mit seiner richtigen Mutter telefonieren“. Selbst Ikea weiß nicht, worauf es hinausläuft. Finanziellen Druck gibt es nicht. Es ist ein Experiment.

Derweil passiert vor den beiden Kameras nichts. Die meiste Zeit tippt Nils in sein Laptop. Alle paar Sekunden klingelt das Telefon, dann springt der Anrufbeantworter an. Nils tippt weiter. Und pfeift. Manchmal geht er ans Telefon. Nils sagt dem Anrufer: „Ich muss noch 180 E-Mails beantworten“. Oder: „Ich warte.“

Es entspinnen sich kurze Dialoge. Nils: „Nach September kommt der November?“ – Anrufer: „Ja genau.“ – Nils: „Und wo ist der Oktober hin?“ – Anrufer: „Der ist weg“ – Nils: „Der ist weg? Das ist ja krass!“
Die Leere des Zimmers breitet sich aus. Sie verödet die Gespräche, kriecht durch die Telefonleitung, durch die Webcam hinaus zu den Zuschauern. Die bemerken mit einem Frösteln: So sehen wir alle aus, von einer Webcam beobachtet, Kommunikationsmaschinen zeigen uns banal, einsam, isoliert. Alle warten auf etwas, während die Hoffnung unmerklich schwindet.
Doch trotzdem bleibt der Zuschauer dran. Denn wie in der 60 Jahre alten Vorlage von Samuel Beckett zu dieser neuen Form der Internetwerbung könnte das Etwas im nächsten Augenblick eintreten. Um die potentielle Botschaft nicht zu verpassen, werden viele Computernutzer permanent online dabei bleiben. „Warte bis September“ ist nicht nur ein schöner Titel. Das Experiment hat auch das Zeug zu einem großen Hype.

P.S.: Und tatsächlich – am Freitag um kurz nach drei kommt vorübergehend Leben in die Ödnis: Nils bekommt Besuch. Ein Freund hat einen Helikopter mitgebracht, nicht größer als eine Zigarettenschachtel und ferngesteuert. Für den Mini-Hubschrauber ist das leere Zimmer eine ideale Flugumgebung. Man weiß eben nie, was zwischen Nils‘ weißen Wänden als nächstes passiert. Und das kann süchtig machen.

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