Die immensen Probleme von Condé Nast

Die deutsche Variante von "Vanity Fair" lief vom Start weg nicht rund. Aber auch der US-Mutterkonzern Condé Nast hat ein ebenso ehrgeiziges wie erfolgloses und kostenträchtiges Projekt im Angebot: das ambitionierte Wirtschafts- und Lifestyle-Magazin "Portfolio". Weil die Amerikaner sich entschlossen haben, daran festzuhalten, scheinen die Chancen für den deutschen Titel gering. Denn das schillernde Medienhaus des 81-jährigen Konzernchefs Si Newhouse hat in der Krise immense Probleme.

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Kaum ein Verlag war in den letzten 10 Jahren in Deutschland erfolgreicher als Condé Nast. Das ist ein Verdienst von Geschäftsführer Bernd Runge. Aber er scheint jetzt an „Vanity Fair“ gescheitert zu sein. Und auch daran, dass für den US-Konzern der Heimatmarkt wichtiger ist als Deutschland
Über den „überraschenden“ Rücktritt von Bernd Runge – „Knall auf Fall“ – dürfe gerätselt werden, schrieb die „Süddeutsche“. Dabei scheinen die Gründe eigentlich relativ offensichtlich zu sein:

  • Runge, einer der besten Zeitschriften-Manager Deutschlands, ist an seinem ehrgeizigen, aber letztendlich chancenlosen „Vanity Fair“-Engagement gescheitert. Es wäre ein Wunder, wenn das Wochenblatt die nächsten Monate überleben würde. Vieles spricht dafür, dass die Einstellung von „VF“ bzw. die Umstellung zum Monatsblatt praktisch beschlossen ist, Runge seinen Abschied aber nicht parallel mit dem Ende vom „Vanity Fair“ bekannt geben wollte.
  • der US-Konzern Condé Nast hat einmal mehr gezeigt, dass ihm der Heimatmarkt USA wichtiger ist als Deutschland. Neben dem deutschen „VF“ hat Condé Nast nämlich noch ein zweites großes Problemkind in seiner Familie, das US-Wirtschaftsmagazin „Portfolio“. Und das soll auf Wunsch vom Newhouse-Clan unbedingt überleben, obwohl es keinen Deut chancenreicher sein dürfte als die deutsche „Vanity Fair“.

Ganz offensichtlich hat sich der New Yorker Konzern angesichts der weltweiten Rezession entschieden, nicht mehr beide ambitionierte Neueinführungen durchzuziehen. Insider schätzen, dass man in „Portfolio“ zwischen 100 bis 150 Millionen Dollar investiert hat, während „Vanity Fair“ eher 100 als 50 Millionen Euro gekostet haben dürfte. Und was dann für „Portfolio“ und gegen „Vanity Fair“ spricht: der US-Markt ist der Kernmarkt für den Konzern. Hier verlegt er 25 Zeitschriften, hier macht man seinen Hauptumsatz, hier ist man zuhause. 
Nach langem Ringen hat Condé Nast Anfang November in den USA zwei Entscheidungen getroffen: 

  • „Men’s Vogue“ (317.000 Verkauf) wird als eigene Zeitschrift eingestellt und liegt zukünftig nur noch zweimal im Jahr der „Vogue“ bei.
  • aber viel wichtiger: „Portfolio“, das als einer der größten Flops in der US-Pressegeschichte gilt, wird weiter fortgeführt, wobei die Erscheinungsweise von 12 auf 10mal im Jahr reduziert wird.

Und damit war das Aus der deutschen „Vanity Fair“ und auch das Ende von Bernd Runges Karriere bei Conde Nast vorgezeichnet. Das Problem des Konzerns ist, dass er zwar fast 5 Milliarden Dollar Umsatz macht, dabei aber nur einen relativ bescheidenen Gewinn erzielt. Und dass er mehr als jeder andere Verlag vom Anzeigengeschäft lebt. Wenn es der Wirtschaft gut geht, profitiert der Konzern überproportional. In schlechten Zeiten trifft es ihn aber auch härter als andere… 

Jahrelange hieß das Erfolgsrezept von Condé Nast: „Spend Money to Make Money“. Condé Nast war bekannt dafür, höhere Gehälter und bessere Honorare als die Konkurrenz zu zahlen. Aber diese Zeiten haben sich geändert. „Belt Tightening“ heißt die neue Devise im supermodernen Time Square-Hauptquartier. 

In den nächsten Jahren kommen auf Condé Nast immense Probleme zu:

– da ist erst einmal die Nachfolge-Frage für die beide Newshouse-Brüder, die den Konzern lenken. Der 80jährige Si kümmert sich ums Zeitschriften-Geschäft, der ein Jahr jüngere Donald ums Zeitungsgeschäft. Alle möglichen Nachfolge-Modelle sind im Gespräch, entschieden scheint nichts. 
– dann hat der Konzern, wie so viele andere Verlage, den Zug ins Internet ziemlich verschlafen. Zwar hat man einige schöne Websites („Epicurious“, „Style“), aber die große Musik wird im Internet anderswo gespielt. Konkurrent Murdoch ist da mit seiner „MySpace“-Beteiligung deutlich weiter. 

– und schließlich ist die Print-Palette sehr einseitig aufs Anzeigengeschäft ausgelegt. Die Nachteile zeigen sich in diesen Jahren. Und die Neugründungen waren allesamt erfolglos, siehe „Portfolio“, siehe „Vanity Fair“. 

Unter Bernd Runge hat Condé Nast in Deutschland in den letzten 10 Jahren soviel Erfolg gehabt wie kaum ein zweiter Verlag. Runges Stärke: er hat ein Händchen für die Produkte. Eine Eigenschaft, die unter Managern keine Selbstverständlichkeit ist. 
Warum er trotzdem gescheitert ist: 

  • Im großen Stil eine neue Zeitschrift einzuführen ist in der heutigen Medienlandschaft fast unmöglich. Die Jugend hockt vorm Internet und der Anzeigenmarkt für Print wird immer schwieriger.
  • Condé Nast war einfach zu übermütig, hat aus den Fehlern der Konkurrenz nichts gelernt. Wer viel Erfolg hat, will offensichtlich immer mehr. Eine Spirale, an deren Ende fast immer das Scheitern steht.

 Runge muss seit vielen Monaten gewusst haben, daß er mit „Vanity Fair“ keine Chance mehr hat. Er hat den Chefredakteur ausgewechselt, das Blatt schneller und lesbarer gemacht, den Copypreis niedrig gehalten. Nichts hat wirklich geholfen. Und am Ende dürfte er in zwei Jahren „Vanity Fair“ mehr verloren haben als er zuvor in zehn Jahren für Conde Nast verdient hat.

Eine Überraschung ist Runges Abgang insofern eigentlich nicht…

MEEDIA: Aus für Condé Nast-Chef Bernd Runge

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