„Wir sind gegen jegliche Schwarzmalerei“

“Ach Sie wollen zum Konstantin? Da brauchen sie keinen Zettel”, ruft der Pförtner im Glaspalast des Neven-DuMont-Hauses in Köln und winkt durch. Der Name des Jung-Verlegers Konstantin Neven DuMont öffnet Türen. Zumindest im eigenen Verlag. Sein Vater Alfred Neven DuMont hat das Haus von “Kölner Stadt-Anzeiger” und “Express” zu einem der größten Zeitungsverlage in Familienbesitz ausgebaut. MEEDIA sprach mit Konstantin Neven DuMont, der sich und seiner Branche in stürmischen Zeiten Mut macht.

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M.DuMont Schauberg ist geradezu der idealtypische Fall eines mittelständischen Zeitungshauses, das mit dem Wandel von Print hin zum Digitalen zurechtkommen muss. Die Probleme der DuMonts sind die von den meisten Zeitungsverlegern im Lande: weniger junge Leser, bröckelnde Auflagen, erodierende Anzeigenumsätze, neue Online-Angebote, von denen aber unklar ist, wie sie Geld verdienen sollen. 2007 hat der Kölner Verlag, zu dem neben dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, dem „Express“ und der „Kölnischen Rundschau“ auch die „Mitteldeutsche Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“ gehören, ein Ergebnis von 67,6 Millionen Euro erwirtschaftet. Im Jahr davor waren es noch 72,5 Millionen Euro. Schuld waren in erster Linie Verluste aus der Abschreibung des Briefzustellers Pin West Mail. Im Gespräch mit Jungverleger Konstantin Neven DuMont (39 Jahre) ist von Krisenstimmung freilich wenig zu spüren. In Köln ist die Zeitungsverlegerwelt noch in Ordnung. Zumindest möchte er diesen Eindruck vermitteln. Los geht’s mit der Fragerunde:

Banken, Autohäuser rufen nach Geld vom Staat. Gruner +Jahr-Chef Kundrun hat bereits angeregt, die Mehrwertsteuer für Presseprodukte abzuschaffen. Wann wird der erste Zeitungsverleger bei der Kanzlerin auf der Matte stehen und konkret Staatsgelder für die notleidende Zeitungsbranche fordern?

Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Medien sollen ja neben Exekutive, Legislative und Judikative die vierte Gewalt im Staate sein. Und wenn Staatsgelder fließen würden, würde automatisch befürchtet, dass vielleicht Einfluss von politischer Seite genommen werden könnte. Zeitungen sind ja immer noch das glaubwürdigste Medium. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sitzen Politiker in den Kontrollgremien und man sieht, was bisweilen dabei herauskommt. Nein, wir sind ganz froh, dass wir frei von solchen Einflussnahmen sind.

Wenn Sie gerade den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ansprechen – da gab es ja durchaus Annäherungsversuche. Was halten Sie von dem Kooperationsangebot der öffentlichen Sender, Bewegtbild-Inhalte an die Websites von Verlagen weiterzureichen?

Hier sind einige rechtliche Fragen noch nicht final geklärt. Diese betreffen ordnungsrechtliche Punkte und man sollte abwarten, wie es weitergeht. Die Inhalte von ARD und ZDF sind ja bereits gebührenfinanziert. Darum ist generell fraglich, inwieweit diese Inhalte weiter kommerziell vermarktet werden dürfen. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen Sendern nur noch ein Angebot zu produzieren und im Internet auszustrahlen.

Kollegen von Ihnen konnten sich für die Offerte von ARD und ZDF erwärmen. Halten sie das für verwerflich?

Das würde ich so nicht sagen. Man muss erst einmal abwarten, bis der rechtliche Aspekt geklärt ist. Wir können uns eher vorstellen, irgendwann eine Plattform zu schaffen, bei der sowohl unsere eigenen Beiträge als auch die von Dritten eingestellt werden.

Befinden wir uns Ihrer Meinung nach in einer Medienkrise?

Fakt ist, dass es mit der Konjunktur bergab gehen soll. Wir sind hier bei DuMont aber gegen jegliche Schwarzmalerei. Unsere Gattung ist nach wie vor sehr stark. Wir erreichen einen großen Teil der Bevölkerung. Es gibt kaum einzelne Medien-Anbieter, die so viele Menschen auf einmal erreichen wie wir.

Und was ist mit dem Fernsehen?

Nur bei einzelnen Großereignissen. Zum WM-Finale sitzen natürlich alle vor dem Fernseher und schauen denselben Sender. Aber wenn sie sich die täglichen Quoten anschauen, dann verteilt sich das doch sehr stark auf viele verschiedene Sender. Wir haben den Vorteil, dass wir gerade in den Regionen in besonderem Maße zur politischen und kulturellen Meinungsbildung beitragen können, weil wir dort noch verhältnismäßig viele Menschen erreichen. Bei der werbetreibenden Wirtschaft haben wir den Vorteil, dass wir Bevölkerungsschichten mit höherem Einkommen erreichen. Bei uns erreicht die Werbung die kaufkräftigen Teile der Bevölkerung. In der Vermarktung haben wir uns bisher in Print, Online und Mobil noch unter Wert verkauft. Unsere Angebote waren vielleicht einfach noch nicht attraktiv genug.

Ist die Krise Ihrer Meinung nach also nur ein Marketingproblem?

Man muss auch an die Vermarktung ran. Für jede Abteilung, egal ob Redaktion, Anzeigenverkauf oder Werbebanner-Verkauf, haben wir professionelle Onlinekompetenz eingekauft. Diese unterstützen die klassischen Verkäufer in der crossmedialen Vermarktung. Nur so sind wir in der Lage, in den digitalen Medien professionelle Angebote zu entwickeln. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum Beispiel produziert das Print-Angebot, das Online-Angebot, Bewegtbilder, ein Mobil-Angebot und es gibt eine Community . Das ist ein ganzer Blumenstrauß an Aktivitäten, die alle aus einer Redaktion heraus betreut werden.

Haben Sie den Eindruck, dass die Krise teilweise auch als Vorwand genutzt wird, um längst fällige Strukturanpassungen unter dem Deckmantel der Krise durchzuführen?

Bei M. DuMont Schauberg haben wir das immer gemeinsam mit Mitarbeitern und Betriebsrat gelöst und so, dass die Kreativität der Mitarbeiter nicht darunter gelitten hat. Wir sind schon durch einige Stahlbäder gegangen und haben immer bewusst auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Genau dann, wenn es am schwierigsten ist, muss man gleichzeitig neue Produkte auf den Markt bringen und kreativ sein, um mithalten zu können. Das klassische Geschäft muss spannender gestaltet werden und gleichzeitig müssen neue Produkte auf den Markt. Wenn man dann Unsicherheiten bei den Mitarbeitern schürt, führt das nicht zu der notwendigen Kreativität.

Macht Ihnen das stetige Sinken der Auflagen Angst?

Das macht uns insofern Sorge, weil die Wirtschaftlichkeit der Print-Auflagen bisher weit über dem lag, was man digital erzielen konnte. Wir laufen nun Gefahr, dass die Erlöse im Print schneller zurückgehen, als die Online-Erlöse steigen. Wir haben zwar Online enorme Zuwächse, aber wir müssen unsere ungenutzten Potenziale heben.

Und wie wollen Sie nun das Problem der sinkenden Auflagen anpacken?

Wir haben schon versucht, neue Produkte auf den Markt zu bringen, die dann aber nicht funktioniert haben. Ein Beispiel war die Tabloid-Zeitung „Direkt“, die für junge Leute gedacht war. Sie kostete 50 Cent und ist von der jungen Zielgruppe gut angenommen worden. Wenn man die Zeitung verschenkt hätte, wäre „Direkt“ von noch viel mehr Menschen gelesen worden. Wir haben das aber bewusst nicht getan, um unseren Bestand an Kauf- und Abo-Zeitungen nicht zu gefährden. Wir wissen aus dem Ausland, was passiert, wenn eine Gratiszeitung auf den Markt kommt. Da geraten klassische Zeitungen sehr stark unter wirtschaftlichen Druck. Die absolute Masse einer Marke wie „Kölner Stadt-Anzeiger“ ist für Werbungtreibende aber immer noch sehr attraktiv. Darum liegen auch trotz aller Krisen große Chancen vor uns, weil wir eben Zielgruppen, die in der einen Mediengattung verloren gehen, in der anderen wieder einfangen können.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach redaktionelle Qualität für den Erfolg einer Zeitung?

Eine extrem große Rolle. Das sieht man in den USA. Amerikanische Tageszeitungen sind in der breiten Masse unter der Kontrolle der Wall Street. Die setzen stark auf eine kurzfristige Steigerung der Renditen. Dort wurde die klassische kleine Regionalzeitung sehr stark ausgepresst. In der Folge waren die Inhalte nicht mehr so informativ, spannend und fesselnd und die Leser haben sich abgewandt. Die Qualität ist das A und O. Nur wenn ich als Leser einen wirklichen Mehrwert durch die Zeitung bekomme, gebe ich auch Geld dafür aus. Deswegen werden wir auch stark in die Redaktionen investieren. Uns ist bewusst, dass es heute nicht reicht, Agenturmeldungen eins zu eins ins Blatt zu heben, weil viele diese am Vortag bereits gelesen haben.

Qualität ist wichtig, sagen Sie. Gleichzeitig muss gespart werden. Wie passt das zusammen?

Richtig ist, dass jede Abteilung auf den Prüfstand gestellt und aufgefordert wird, sinnvoll zu sparen. Gerade aber in den Redaktionen kann nicht mehr proportional mit allen anderen Abteilungen gespart werden. Zusätzlich muss man Synergien nutzen. Wir haben zum Beispiel den Vorteil, verschiedene Tageszeitungen in unserer Gruppe zu haben. Wir haben das Projekt Syndication aufgebaut, bei dem die Redaktionen die Inhalte von den anderen Titeln nutzen können. Davon wird rege Gebrauch gemacht.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ könnte also Artikel der „Frankfurter Rundschau“ übernehmen und umgekehrt?

Wenn die Redaktionen das möchten, ja. Die Redaktion hat die Freiheit, ins Blatt zu heben, was sie will. Über unser Intranet wird frühzeitig angekündigt, welcher Kollege was wann schreibt, so dass dies in den Planungen berücksichtigt werden kann. Das wird tagtäglich praktiziert. Die Leser unserer Zeitungen sind sehr unterschiedlich. Deswegen halte ich auch nichts von einer Zentralredaktion, bei der jedes Blatt das übernehmen muss, was diese Zentralredaktion produziert.

Meinen Sie jetzt die WAZ, die ihre Mantelredaktionen zentralisieren möchte?

Zur WAZ möchte ich mich nicht näher äußern, da arbeiten aber auch gute Leute. Wir stellen uns auf die schwierigen Rahmenbedingungen schrittweise ein, und zwar so, dass wir die Redaktionen mitnehmen. Und wir versuchen diesen Weg gemeinsam mit den Mitarbeitern zu gehen.

Sie wollen sich ja gerade wieder von Mitarbeitern trennen. Wie wird denn das aktuelle Abfindungsprogramm bei DuMont angenommen?

Ganz gut. In Köln werden wir den Personalstand um 40 bis 60 Leute reduzieren können. Das ist natürlich etwas schwieriger als noch vor ein paar Jahren. Die Arbeitsmarktsituation für Verlagsmitarbeiter in Deutschland ist ja nicht gerade einfach.

Ihr Vater, Alfred Neven DuMont, hat Verleger-Kollegen zugerufen, die Redaktions-Etats aufzustocken. In welcher Größenordnung wird der Redaktions-Etat denn bei DuMont aufgestockt?

Wenn alle anderen Abteilungen sparen müssen und die Redaktion in einigen Teilen davon verschont bleibt, kann man das auch als investieren verstehen.

Nach dem Motto: Wer weniger abgibt, hat auch irgendwie mehr?

Nicht nur. Punktuell haben wir auch wieder kreative Köpfe eingekauft.
Außerdem zieht die „Frankfurter Rundschau“ Anfang 2009 in ein neues, hervorragendes Gebäude um. Ein altes Bahn-Depot, das wir nach modernsten Gesichtspunkten modernisieren.

Stichwort „Frankfurter Rundschau“. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der Zeitung?

Mit der Auflagenentwicklung sind wir zufrieden. Nachholbedarf haben wir in Frankfurt bei den digitalen Angeboten. Seit wir dort eingestiegen sind, hatten wir viel zu tun. Man kann nicht alles an einem Tag verändern. Im kommenden Frühjahr werden wir mit einem neuen digitalen Angebot für die „FR“ auf den Markt kommen.

Können Sie sich denn vorstellen, im kommenden Jahr eine weitere Zeitung zur Gruppe hinzuzukaufen?

Das wäre natürlich gut. Details möchten wir aber nicht nennen. Wenn Abschlüsse in trockenen Tüchern sind, werden wir uns äußern. Wir wollen auf jeden Fall als Käufer auftreten und nicht als Verkäufer.

Eine Groß-Investition, die das Haus DuMont gerne getätigt hätte, hat jedenfalls nicht geklappt. Die Kölner waren beim Bieterverfahren um die Mehrheit des Süddeutschen Verlages bis in die finale Runde gekommen, neben Goldman Sachs, 3i und der Südwestdeutschen Medien-Holding, die ein Vorkaufsrecht besaß und den Zuschlag auch erhielt. Dass die DuMonts sich aber zutrauen, selbst die „Süddeutsche“ zu kaufen, zeugt vom Selbstbewusstsein, das in Köln herrscht. 70 Prozent des Reingewinns soll investiert werden, in Deutschland und auch International. Hierzulande würden die DuMonts offenbar gerne beim Zeitungsverlag Aachen („Aachener Nachrichten“) einsteigen, der zum Verkauf steht. Aber die Düsseldorfer „Rheinische Post“ hat dort ein Vorkaufsrecht.

Investieren will der junge Herr DuMont aber auch weiter ins Online-Geschäft. Wie sich der Traditionsverlag für die digitale Zukunft rüstet, lesen Sie im zweiten Teil des MEEDIA-Interviews mit Konstantin Neven DuMont.

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