Mumbai im Web 2.0: Der mediale Overkill

Es sind Szenen der Machtlosigkeit: Die Bänder der indischen Überwachungskameras dokumentieren den Auftakt zu der 60-stündigen Terrorwelle, die die Welt vergangene Woche in Atem hielt. Auf YouTube finden sich mittlerweile fast 27.000 Videos zum Thema. Selbst Indiens Filmstars rufen über die Plattform zum Frieden auf. Kein Ereignis wurde derart durch das Internet abgedeckt. Erstmals hat das Web 2.0 die Berichterstattung eines weltweiten Ereignis beherrscht.

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Schüsse peitschen durch die Luft, Menschen feuern aufeinander und Touristen suchen hinter Vitrinen Schutz. Diese wenigen Aufnahmen der Überwachungskameras aus dem Bahnhof Chatrapathi Shivaji zeigen, wie machtlos die Sicherheitskräfte und die gesamte indische Staatsgewalt in den ersten Stunden der Terrorattacken waren. Zu sehen sind wilde Schiessereien sowie die Suche der Attentäter nach einem Fluchtauto. Kurz darauf sind alle verschwunden, und zwei Polizisten gehen mit veralteten Gewehren vor der Übermacht der Terroristen in Deckung.

Diese Bilder haben dank YouTube längst die ganze Welt erreicht. Rund 27.000 Clips zu Mumbai sind seit den Anschlägen auf der Videoplattform zu finden. Mumbai hat gezeigt, dass das Web 2.0 längst im Mainstream angekommen ist. Auf Twitter, Flickr und YouTube konnte jeder sekundengenau verfolgen, was in der indischen Hafenstadt passierte. In Indien wurde produziert, im Rest der Welt konsumiert und kommentiert.

Aufnahmen gingen um die Welt

Die „Washington Post“ nannte es „Terrorismus im Digitalzeitalter“. Das Material aus den Bändern der Überwachungskamera tauchte zuerst bei der Nachrichtenagentur AP auf. Dennoch sind diese wenigen Bilder symbolträchtig. Denn die indische Exekutive hatte nicht nur mit den Terroristen, sondern auch der omnipräsenten Berichterstattung der Medien. Journalisten schienen teilweise ihre Angst zu vergessen und wagten sich gefährlich nahe an das von Terroristen belagerte Hotel „Taj Mahal“.

Erst als gezeigt wurde, wie indische Anti-Terror-Einheiten sich von Helikoptern auf das Dach des jüdischen Zentrums abseilten, schritt die Stadtregierung von Bombay ein. Sie stoppte die Live-Übertragung für 45 Minuten. Der News-Sender „Times Now“ erhielt daraufhin rund 1000 SMS.

Der mediale Overkill

Auch YouTube spielte eine wichtige Rolle bei der Berichterstattung. Eine Flut von Terror-Videos reiht sich ein zwischen indischen Musikclips und Fernsehshows. Aktuell listet das Videoportal rund 27.000 Videos zu Mumbai. Neben Amateuraufnahmen von Bränden und panischen Menschenmassen haben auch die international aufgestellten Nachrichtensender wie CNN und BBC ihre Berichterstattung ins Netz gestellt.

Die Terroranschläge von Mumbai haben gezeigt, dass das Web 2.0 längst nicht mehr nur für kurzweilige Privatvideos taugt. Fernsehsender nutzen die Netzwerke als Quellen und die Videoportale als Verteiler für ihre Inhalte. Über Twitter konnte jeder hautnah mitverfolgen, was im von Terroristen besetzen Hotel „Taj Mahal“ geschah. Auf Flickr luden Augenzeugen ihre Handyfotos hoch. YouTube belegt aber aufgrund seiner Multimedialität immer noch den ersten Platz der Web-2.0-Dienste.

Auf einen Beitrag‚>antworteten jetzt auch Indiens Schauspielgrößen Amir und Sha Rhuk Khan, die in Deutschland vor allem durch ihre Bollywood-Filme bekannt sein dürften. Darunter finden sich Kommentare von deutschen Usern. Obwohl Menschen in ihren Weltanschauungen auseinanderdriften, wächst die globale Web-Community anscheinend immer stärker zusammen.

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