Der Fake als Medien-Tradition

Gerade eben eine alte Ausgabe vom „stern“ durchgeblättert. Titelthema: Das neue Steuerrecht. Na ja, schnell Schwamm drüber und weiter zur Serie 60 Jahre Bundesrepublik. Die finde ich nicht schlecht. In dem Heft: die 70er Jahre. Der „stern“ peppt die Reihe immer wieder mit eigenen Covern auf, die in jenen Jahren für Furore sorgten. In der […]

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Gerade eben eine alte Ausgabe vom „stern“ durchgeblättert. Titelthema: Das neue Steuerrecht. Na ja, schnell Schwamm drüber und weiter zur Serie 60 Jahre Bundesrepublik. Die finde ich nicht schlecht. In dem Heft: die 70er Jahre. Der „stern“ peppt die Reihe immer wieder mit eigenen Covern auf, die in jenen Jahren für Furore sorgten. In der Serie über die 70er kommt so das berühmte Cover mit den Frauen, die abgetrieben haben, zu neuen Ehren. Auf dem Titel waren damals eine Reihe von Frauen abgebildet mit der Schlagzeile „Wir haben abgetrieben“. Damals kämpfte die Frauenbewegung gegen den Paragrafen 218, der eine Abtreibung unter Strafe stellte. Alles gut und fein, aber was sehe ich da: Eine dieser Damen auf dem damaligen Cover, eine gewisse Eleonore Möding, war gar nicht schwanger, hatte demnach auch nicht abgetrieben! Es kommt noch besser, bzw. schlechter: In dem „stern“-Artikel wird sie als „Hausfrau“ bezeichnet. Heute erzählt die gereifte Eleonore Möding, dass dies damals in ihrem Elternhaus für Aufregung sorgte. Die Mutter habe gefragt, ob sie denn in Berlin einem Mann den Haushalt führen würde. Die Antwort der damals studierenden Tochter: „Gott bewahre, nein!“ Es hätten eben nicht bloß Studentinnen, Schauspielerinnen und Journalistinnen als Unterzeichnerinnen des Manifests gegen Paragraf 218 auftreten sollen. Aha, so war das also. Es war ein Fake.

Warum mir das auffiel? Nun, vor wenigen Tagen sah ich online den Video-Verriss von Oliver Gehrs über das neue Familienmagazin „Wir“ der „Süddeutschen Zeitung“. Dort, so Gehrs, seien eine Frau und eine Tochter in einer Bilderstrecke als Mutter und Tochter vorgestellt worden, die gar nicht Mutter und Tochter sind. Er, Gehrs, wisse das, weil er die betreffende Frau zufällig kenne. Das faken und Hindrehen von kleinen Geschichtchen, so dass es halt schön zu Story passt, ist also beileibe keine Domäne der unseligen so genannten Dokus im Privat-TV. Es ist leider eine sehr lebendige Tradition der Medien.

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