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„Da wurde auf ein indisches 9/11 spekuliert“

Der frühere G+J-Vorstand Rolf Wickmann ist der Terrorwelle in Mumbai um Haaresbreite entkommen. Mit Freunden war der Hamburger Medien-Consultant auf einer Indienreise im Taj Mahal abgestiegen. Das Attentat überlebte die Gruppe, weil sie sich spontan zum Abendessen in einem ein Kilometer entfernten Restaurant entschloss. Kurz danach fielen im Taj Mahal die tödlichen Schüsse. In MEEDIA schildert Rolf Wickmann seine Erlebnisse.

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Was haben Sie am Abend des Attentats gemacht?
Wir hatten nach einer längeren Bus-Reise ins Landesinnere für zwei Tage im Taj Mahal gebucht. Mumbai als Ort des sprudelnden, modernen Indiens sollte Kontrapunkt zu den Eindrücken des ersten Reiseabschnitts sein. Am Mittwochabend habe ich mit meinen Freunden das Taj gegen halb neun verlassen. Wir sind mit einer Kutsche in ein etwa ein Kilometer entferntes Restaurant gefahren. Normalerweise hätten wir im Hotel gegessen, denn die indische Küche ausserhalb der internationalen Hotel-Restaurants ist für europäische Mägen sehr gewöhnungsbedürftig und riskant. Dass wir uns an diesem Abend anders entschieden hatten, ging auf eine Insiderempfehlung zurück und war unser großes Glück. Ein Gottesgeschenk.
Wie haben Sie erfahren, dass etwas Schlimmes passiert?
Kurz vor zehn Uhr abends kam ein Kellner an unseren Tisch und sagte „Das Taj-Hotel brennt“. Kurz danach erklärte der Besitzer des Restaurants, es seien überall Schüsse gefallen und mehrere terroristische Anschläge auf die großen Hotels verübt worden. Es wäre besser, wenn wir im Restaurant blieben und abwarteten. Die indischen Gäste hatten bereits das Lokal fluchtartig verlassen. Das dramatische Geschehen konnten wir dann bruchstückhaft im indischen TV auf Hindi verfolgen. Außer unserer Gruppe und dem Personal waren nur noch einige Mitglieder einer EU-Kommission im Restaurant. Diese telefonierten über Handy aufgeregt mit Kollegen, die im Taj geblieben waren und den Terroristen durch umsichtige Hilfe des Hotel-Personals entkommen konnten. Dennoch brauchten diese Hilfe. Dies wurde über das deutsche Generalkonsulat organisiert, zu dem wir auf diese Weise auch Kontakt erhielten. Die Straßen waren menschenleer, im Radio wurden alle aufgefordert, nicht hinaus zu gehen. Gegen halb sechs nachts kam, nachdem er zuvor noch eine deutsche arg in Bedrängnis geratene EU-Abgeordnete eingesammelt hatte, der deutsche Generalkonsul persönlich mit seinem Fahrer und hat uns zusammen mit einigen anderen Deutschen abgeholt und privat bei seinen deutschen Konsulatskollegen untergebracht. Meine Frau und ich erhielten gemeinsam mit einigen EU-Mitarbeitern beim höchst engagierten, umsichtig agierenden und gastfreundlichen Generalkonsul „Notunterkunft“.
Wie war die Reaktion bei Ihnen und Ihren Freunden?
Im ersten Moment will man so etwas nicht wahrhaben. Man denkt: Das kann mir doch gar nicht passieren oder in meiner unmittelbaren Nähe. Wenn die Realität sich dann als unausweichlich erweist, dann fühlt man eine intensive Betroffenheit und begreift auch, was für ein Riesenglück man gerade hatte. Dennoch bleibt ein beklemmendes, bedrohliches Gefühl.
Hätten Sie auch nur entfernt damit gerechnet, in so etwas hineinzugeraten?
Nein. Ich bin nach Indien geflogen, um ein wenig mehr über dieses Land zu lernen. Ich war vorher nie dort gewesen. Ich habe mich vorab informiert und eine Menge gelesen. Natürlich war mir klar, dass dies kein klassischer Urlaub sein würde. Sondern eine Reise, die herausfordert und auf der man sich mit Gegensätzen auseinandersetzen muss. Das liegt schon daran, dass die Schere zwischen arm und reich dort ganz andere Dimensionen hat als bei uns. Einerseits hat das Land ein hohes Wirtschaftswachstum, andererseits ist das unvorstellbare Ausmaß der Armut schon sehr bedrückend. Die Probleme, die aus dem Bevölkerungswachstum und den unterschiedlichen Religionen erwachsen, waren mir ansatzweise bekannt. Ich ahnte natürlich nicht, dass sich dies derartig entladen könnte.
Haben Sie eine Erklärung, warum die Attentäter die Hotels als Ziele wählten?
Die beiden Hotels bilden das Kommunikationszentrum schlechthin für die indische Geschäftswelt, und Mumbai ist Indiens Tor zu den globalen Märkten. Ins Taj und ins Oberoi geht man zum Essen, da trifft man sich, das sind die Zentren des gesellschaftlichen Lebens in Mumbai. Es sind ja zwei Hotels, die dicht nebeneinander liegen und hohe Gebäude sind. Da könnte man schon die spekulierte Absicht eines indischen 9/11 kommen.
Wie ging es für Sie weiter?
Die Konsulatsmitarbeiter haben sich hervorragend um uns gekümmert. Wir konnten ja nicht zurück ins Hotel, wo unser ganzes Gepäck noch lag; es gab immer noch Kämpfe. Zum Glück hatte ich meinen Pass dabei, aber die anderen brauchten neue Papiere, was in Indien eine komplizierte Angelegenheit ist. Denn Sie brauchen, wenn Sie Ihr Visum verloren haben, eine Ausreiseerlaubnis von der indischen Ausländerbehörde. Die Mitarbeiter des deutschen Konsulats haben das für alle kompetent und kreativ geregelt. So konnten wir schnellstmöglich nach Deutschland zurück.
Hatten Sie Kontakt zu anderen Europäern, die im Hotel wohnten?
Ich habe mit einem Ehepaar aus Südtirol gesprochen, einer deutschen Frau und EU-Mitarbeitern. Sie alle aßen im Taj-Hotel, als der Überfall geschah. Hotelangestellte haben sie durch die Küche, zum Teil durch Lagerräume und Kellergänge aus dem Gebäude gebracht. Die waren deutlich mehr geschockt, weil sie ja die Schüsse förmlich im Rücken hatten und in letzter Sekunde entkommen sind.
Wie war die Berichterstattung in den indischen Medien?
Ich empfand sie als verwirrend und nicht sehr informativ. Das indische Fernsehen zeigte Endlosschleifen von Attentatsfilmen, wobei nie klar wurde, ob die Ausschnitte aktuell oder vom Vortag waren. Die einheimische Presse verbreitete teils widersprüchliche Meldungen. Man wusste nie, ob ein Hotel inzwischen von Terroristen wirklich gesäubert war oder auch, wie viele Terroristen am Anschlag beteiligt waren. Die Botschaft war stets, es seien 10 Terroristen, von denen denn am Ende einer gefangen und 9 getötet waren – keiner aber stellte die Frage, wie es denn relativ zeitgleich zu elf, wenn auch unterschiedlich dimensionierten ‚Aktionen‘ kommen konnte. Das hat die deutsche Presse, als ich sie heute las, erhellender aufgearbeitet, wie auch die Diskussion darüber, wer hinter den Anschlägen stecken könnte beziehungsweise, welche Motive zu beachten sein könnten. Bei den indischen Medien hatte ich das Gefühl, dass man schnell die Botschaft verbreiten wollte, die Situation sei unter Kontrolle.
Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die globalisierte Geschäftswelt ein?
Die Welt hat leider lernen müssen, mit Terroranschlägen zu leben und dagegen zu kämpfen. Dieser Anschlag hat eine neue Qualität, in dem gleich mehrere internationale Hotels quasi militärisch, also nicht durch Selbstmord-Attentäter, angegriffen werden. Dennoch glaube ich, dass die Geschäftswelt schnell wieder zur Tagesordnung übergeht, sofern keine weiteren eskalierenden Dinge passieren. Das sollte auch so sein, denn wenn es anders wäre, würde man den Terroristen den Erfolg geben, den sie nicht verdienen dürfen.
Der prosperierende Tourismus in Indien wird sicherlich vorübergehend einen kleinen Rückschlag erleiden – schade, denn Indien ist ein vielfältig interessantes Reiseland.

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