Aus für Condé Nast-Chef Bernd Runge!

Spektakulärer Abgang bei Condé Nast: Verlagschef Bernd Runge, 47, verlässt das Haus. Der "Medienmann des Jahres 2003" war nach Jahren des Erfolgs zuletzt immer mehr in die Kritik geraten. Vor allem die teure Neueinführung der wöchentlichen "Vanity Fair" brachte nicht den gewünschten Erfolg. In einer Mail an die Mitarbeiter schrieb Runge, dass er diesen Schritt seit langem geplant habe. Jonathan Newhouse, Chef des US-Mutterkonzerns, bedauerte die Entscheidung: "Es gibt niemanden, der ihm gleichkommt."

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„Es gibt Zeiten im Leben, in denen Innehalten, Reflektion und das Suchen nach neuen Herausforderungen immer mehr an Bedeutung gewinnen“ schrieb Runge weiter. Er verlasse darum Condé Nast nach elf Jahren und einem „unermüdlichen Aufbau“ des Geschäfts, das mit dem Start der russischen „Vogue“ vor elf Jahren begann. „Kürzlich informierte er mich über seinen Entschluss, eine Pause machen zu wollen und somit von seinen Aufgaben zum Ende dieses Jahres zurücktreten zu wollen“, schreibt Newhouse. „Eine Entscheidung, die ich bedaure aber akzeptiere“.

Zweifel an der offiziellen Version sind angebracht. Angeblich will Runge ab 18. Dezember ein Jahr lang „Urlaub machen“. Die Mitarbeiter waren von der Mitteilung völlig überrascht. Völlig offen ist, wer neuer Deutschlandchef wird. Auf den Nachfolger warten zahlreiche Baustellen. Mit Ausnahme des Titels „myself“ war vor allem das Anzeigengeschäft des Verlages deutlich zurückgegangen (siehe unten).
Problem Nummer eins war aber das jüngste und ambitionierteste Zeitschriftenprojekt: Die Verkaufszahlen von „Vanity Fair“ entwickelten sich 2008 schleppend. Gestiegen sind seit der ersten IVW-Meldung im dritten Quartal 2007 vor allem die Bordexemplare (im Quartalsvergleich III / 2008 im Vergleich zum Vorjahres-Quartal um 162 Prozent auf 61.839 Stück) sowie die Lesezirkel-Hefte um 80 Prozent auf 21.162 Stück. Im Einzelverkauf ging es hingegen von 106.951 auf 90.986 abgesetzte Hefte hinunter. Die Abonnentenzahl ist von 26.607 auf 40.818 gestiegen. Auch der Anzeigenverkauf läuft nicht rund.
Der gebürtige Rostocker Runge studierte vor der Wende in Berlin und Moskau internationalen Journalismus. Als einer seiner ersten Jobs arbeitete er als Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN in Ungarn. Nach dem Fall der Mauer begann er erst eine Trainee-Ausbildung bei Axel Springer, um dann zu Gruner + Jahr zu wechseln. Bei den Hamburgern übernahm Runge den Posten als Chefredakteur der französischen Gala. Auch dort blieb er nicht lange und heuerte als Geschäftsführer beim Jahreszeiten Verlag an. Sein dortiges Engagement endete abrupt. Seit 1997 wirkte Runge bei Condé Nast und hatte dort mit den Lifestyle-Formaten „GQ“ und „Glamour“ Erfolg. Dazu baute er das Osteuropa-Geschäft des Verlages auf.
2004 geriet die Karriere des Erfolgsmanagers in eine gefährliche Schieflage. Auf fünf Seiten brachte der „Focus“ einen Artikel über die angebliche Stasivergangenheit des früheren ADN-Korrespondenten, auch der „Spiegel“ berichtete über Stasi-Verstrickungen. Runge konnte sich halten, der US-Mutterkonzern bekannte sich öffentlich zu seinem Deutschland-Chef. Jonathan Newhouse, Chairman von Condé Nast, sprach ihm seinerzeit „sein Vertrauen aus“. Die Presseveröffentlichungen und Akten über Jahrzehnte zurückliegende Kontakte von Bernd Runge, „der ehemaliger DDR-Bürger ist“, mit dem DDR-Geheimdienst seien für die Zusammenarbeit mit Condé Nast „nicht relevant“.
Seither war es eher ruhig geworden um Runge. Doch der MEEDIA-Analyzer zeigt, dass die Probleme des Münchner Medienhauses beträchtlich sind. Hier der Überblick:
„Glamour“ verkauft sich am Kiosk zwar noch 251.092 mal – das ist allerdings die geringste Verkaufszahl in einem dritten Quartal seit der Umstellung der Erscheinungsweise auf 14-täglich im Jahr 2003. Immerhin: Die Zahl der Abonnentinnen erreichte mit 28.466 Rekordstand. Bei den ZAS-Zahlen sieht es schlecht aus: Mit einem Minus von 8,6% auf 1.408,5 gedruckte Anzeigenseiten ist „Glamour“ im Verlag der größte Verlierer im aktuellen Jahr.
„GQ“ war schon immer das Lieblingskind der Werbungtreibenden, bei den Lesern spielte das Magazin nie eine riesige Rolle. Im dritten Quartal kauften im Durchschnitt 63.320 Leute am Kiosk eine „GQ“, hinzu kamen 16.585 Abonnenten. Die Abo-Zahl ist ordentlich, der Einzelverkaufs-Wert der schlechteste in einem dritten Quartal seit vier Jahren. Beim Anzeigenverkauf gingen zwar 4,0% der Seiten aus dem Jahr 2007 verloren, mit einem Anteil von über 40% am Gesamtumfang ist „GQ“ aber immer noch ein Umsatzbringer.
„Vogue“ verkaufte sich am Kiosk im dritten Quartal 69.107 mal, zusätzlich 22.758 mal per Abo – beides sind im Vergleich mit der jüngeren Vergangenheit in etwa Durchschnittswerte. Im Geschäft mit der Werbung gab es Einbußen: Mit einem Minus von 0,7% auf 1.521,9 gedruckte Anzeigenseiten und einem Werbe-Anteil von fast 46% am Gesamtumfang des Magazins geht es der „Vogue“ aber vergleichsweise gut.
„myself“ ist der einzige der Condé-Nast-Titel, dessen Pfeil im Anzeigenverkauf nach oben zeigt. 848,8 der 2.544 im Jahr 2008 gedruckten Seiten waren Reklame, 19,4% mehr als im Jahr 2007. Bei der IVW gingen im Vergleich zum dritten Quartal 2007 zwar Verkäufe verloren, doch die rund 200.000 per Abo und Einzelverkauf abgesetzten Magazine sind einer der besten Werte seit Start.
– Beim „AD Architectural Digest“ sind die Verkaufszahlen laut IVW relativ stabil, allerdings besteht die Mehrheit der im dritten Quartal verkauften 96.965 Stück aus Lesezirkel-Heften, Bordexemplaren und sonstigen Verkäufen. Das Anzeigengeschäft geht wie bei fast allen Condé-Nast-Titeln deutlich zurück: 2008 wurden 8,3% weniger „AD“-Anzeigenseiten gedruckt.

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