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G+J-Wirtschaftspresse wird lachsrosa

Unruhe bei der G+J Wirtschaftspresse: Dass Klaus Schweinsberg, Chefredakteur von "Capital" und Herausgeber von "Impulse", den Verlag verlässt, wird offiziell bestätigt. Hintergrund sind angeblich Pläne, die Wirtschaftspresse am Standort Hamburg weitgehend zusammenzulegen. Hierzu gibt es von G+J keinen Kommentar. Was würde eine Zentralisierung der traditionsreichen Kölner G+J Wirtschaftstitel am Standort Hamburg bedeuten? Antwort: die defizitäre, lachsrosa "FTD" würde mit allen Mitteln gestützt.

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Der G+J Wirtschaftspresse stehen unruhige Zeiten bevor. Dass Klaus Schweinsberg, Chefredakteur von „Capital“ und Herausgeber von „Impulse“ den Verlag im kommenden Jahr verlässt, wird mittlerweile offiziell bestätigt. Hintergrund sind angeblich Pläne, die Wirtschaftspresse am Standort Hamburg weitgehend zusammenzulegen. Hierzu gibt es auf MEEDIA-Anfrage von G+J allerdings keinen Kommentar. Was würde eine Zentralisierung der traditionsreichen Kölner G+J Wirtschaftstitel am Standort Hamburg bedeuten? Die Antwort ist klar: die lachsrosa und defizitäre „FTD“ würde mit allen Mitteln gestützt werden.

Es sieht also ganz danach aus, als wollten G+J Vorstandschef Bernd Kundrun und sein Zeitschriften-Vorstand Bernd Buchholz, der „große“ und der „kleine“ Bernd, wie manche im Verlag sie gerne nennen, bei der Wirtschaftspresse die ganzen großen Synergiehebel in Bewegung setzen. Bei nüchterner Betrachtung der Sachlage bleibt nur eine Lesart. Gesetzt den Fall, der Umzug der Wirtschaftsblätter nach Hamburg kommt tatsächlich, so ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Belegschaft aus Köln und München (dort sitzt „Börse Online“) im Wortsinne nicht mitziehen wird. Auf diese Weise, würde der Verlag zahlreiche Planstellen von langjährigen, sprich teuren, Redakteuren einsparen können. Allein am Standort Köln beschäftigt die G+J Wirtschaftspresse laut Verlagsangaben rund 80 Mitarbeiter. Am Standort Hamburg nun sitzt die chronisch defizitäre „Financial Times Deutschland“, die auf keinen Fall eingestellt werden soll. Weil Bernd Kundrun sie aus der Taufe gehoben hat, weil es schlecht fürs Image wäre, weil man schon so viel investiert hat etc.pp. So ungefähr sind die Gründe. Nun glaubt aber kein Mensch, dass Gruner + Jahr im Raum Hamburg in großem Stil Wirtschaftsjournalisten anwerben wird, um die neu zugezogenen Redaktionen mit Personal auszustatten. Der Verlag muss schließlich sparen, hat ein Einstellungsstopp verkündet und versucht mit Abfindungsprogrammen Leute loszuwerden. Die logische Schlussfolgerungen: Wahrscheinlich sollen die drei Magazine in einem Redaktionspool mit der „FTD“ zusammen produziert werden.

Sollen doch Qualität und Profil der Titel sinken, ein bisschen was an Vertriebs- und Anzeigenerlösen kann man immer zusammenkratzen. Und gemeinsam mit den drei Zeitschriften in einer Bilanz verrührt, hätte vielleicht sogar die „FTD“ eine Chance aus den roten Zahlen rauszukommen. In Bertelsmann-Sprech würde man etwas von Synergien, gemeinsamen Vermarktungsmöglichkeiten und integrierter Produktion murmeln.

Überlegt sich eigentlich irgend jemand in den Führungsetagen bei G+J, wie so etwas auf die Mitarbeiter wirken würde? Gibt es noch so etwas wie die Verantwortung eines Unternehmers seinen Leuten gegenüber? Große Worte schon klar, aber es ist doch logisch, dass ein langjähriger Mitarbeiter am Standort Köln, eventuell mit Familie, Haus, persönlichem Umfeld, nicht wegen eines taktischen Spar-Winkelzugs seine Siebensachen packt und von Köln nach Hamburg zieht. Vielleicht fällt den Verlagsmanagern ja in sechs Monaten wieder was ganz Anderes ein und dann steht man da mit Mitte 40 und einem Scherbenhaufen von Privatleben. Genau dasselbe gilt übrigens für den bereits beschlossenen, kaltschnäuzigen Umzugsbefehl, den der ProSiebenSat.1-Vorstand an die Berliner Sat.1-Mitarbeiter ausgegeben hat. Ergo: Man bleibt lieber, wo man ist und sucht sich so gut es geht was Neues. Dass dabei gerade die guten, die erfahrenen Mitarbeiter von Bord gehen, scheint niemanden zu jucken.

Die Manager stellen sich hin und sagen, man hat den Leuten ja eine Stelle am neuen Standort angeboten. Wer nicht umziehen will, ist selbst schuld und hat die so genannten Regeln des Medienkapitalismus offenbar nicht kapiert. Dass erfahrene Mitarbeiter schon längst gemerkt haben, dass solche Regeln es nicht wert sind beachtet zu werden, sieht in den Chefetagen kaum jemand. Gruner + Jahr tun alles, um Einstellungen von Titeln und Entlassungen zu vermeiden. Man muss sparen, man steht unter Druck, aber man will es auf Teufel komm raus geräuschlos machen. Hier eine Abfindung, dort eine Synergie. „Der Verlag scheut den Sozialplan wie der Teufel das Weihwasser“, sagte ein erfahrener Gewerkschafter am Standort Hamburg und ehemaliger Gruner-Mitarbeiter neulich.

Dabei wäre es zwar vielleicht schmerzhaft und unschön, aber der ehrlichere und auf Dauer auch gesündere Weg, harte Maßnahmen konsequent durchzuziehen. Und einmal ganz davon abgesehen: Die Redaktion des „stern“, des größten Umsatzbringers des Hauses Gruner + Jahr, hat die eigenen Bosse in einer Resolution scharf kritisiert. Das Sparen nach dem Rasenmäherprinzip sei ein Zeichen von „hilflosem Management“, schrieben die Redakteure. Und: „Bei einer Abschwächung der Anzeigenkonjunktur müssen die Anteilseigner auch einmal niedrigere Renditen hinnehmen.“ Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen: Warum ist ein Haus wie Bertelsmann augenscheinlich nicht bereit, in Krisenzeiten für einige Zeit rote Zahlen einzukalkulieren? Falls die Konjunktur wieder anzieht, hätte man Mitarbeiter, die wissen, dass Ihre Gesellschafter und Manager in schwierigen Zeiten hinter ihnen stehen. Wie heißen noch gleich die Bücher, die G+J-Besitzer Reinhard Mohn geschrieben hat: „Menschlichkeit gewinnt“, „Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers“ und „Erfolg durch Menschlichkeit und Freiheit“.

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