„Verlage leiden an Ideen-Armut“

Mitten in der kriselnden Print-Branche gibt es das eine oder andere junge Zeitschriftenprojekt, das Anlass zur Hoffnung gibt. Das Auto-Kulturmagazin "ramp" wurde gerade ein Jahr alt und bereits mit Preisen überhäuft, unter anderem dem Lead Award. Macher und Chefredakteur Michael Köckritz ist eigentlich Chef einer Reutlinger Werbagentur. Vom Erfolg von "ramp" beflügelt erzählt er im MEEDIA-Interview von seinen neuen Zeitschriftenprojekten, zum Beispiel einem Kulturmagazin, und den Fehlern der Großverlage.

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Das neue „ramp“-Heft hat das Titel-Thema „Nach dem Auto?“ Was kommt denn „nach dem Auto“?

Dieser Titel hat eine Geschichte. Ganz am Anfang von „ramp“ haben wir gesagt, jetzt machen wir vier Hefte und schauen mal, was daraus wird. Deshalb stand schon ganz zu Beginn fest, dass das vierte Heft als Titelzeile „Nach dem Auto?“ haben würde. Das ist auch die Ungewissheit, ob es das Heft weiter geben wird aber natürlich ist es auch die Frage, wie geht es mit dem Auto weiter. Es geht darum, was vom Auto bleibt, wenn wir in ein paar tausend Jahren über die Erde wandeln. Wir zeigen unter anderemZukunftsstudien von Fahrzeugen und überlegen, wie sich die Individualmobilität entwickeln könnte. Es geht um Fragen der Umweltverträglichkeit von Autos, um Ressourcen, Auto-Konzepte wie Smart to go, bei dem man ein Auto an jeder Ecke mieten kann. Wir haben den Titel „Nach dem Auto?“ aber auch frei interpretiert. Bei einer Porsche-Präsentation sind wir einfach mal mit dem Auto abgehauen, nach dem Motto „Nach dem Auto“ kann auch heißen: „Das Auto ist weg.“

Und wie hat Porsche reagiert, als das Auto weg war?

Die blieben cool, weil die ein Ortungs-System in dem Wagen installiert hatten und ständig wussten, wo wir sind. So konnten wir ganz nebenbei dieses technische Feature, dass man das Auto orten kann, gleich mit in die Geschichte einbauen.

Die Autobranche steckt in der Krise. Die Print-Branche auch. Da müsste ein Automagazin die Krise hoch 2 erleben…

Die Autokrise werden wir natürlich auch bei „ramp“ merken. Die Budgets sind knapp und wir sind ein etxremes Nischenprodukt. Auf der anderen Seite glaube ich, dass ein Medium gefehlt hat, das die Emotionalität des Autos auf zeitgemäße Art authentisch vermittelt. Wir benutzen das Auto als Träger für Geschichten aus einer spannenden Welt. Das Heft hat eine Grundhaltung. Wir verehren nicht einfach nur teure Luxusautos. Uns gefällt die Idee des Autos und was man damit machen kann. Ganz egal ob Mini, Smart oder Rolls Royce.

Was machen Mainstream-Verlage falsch?

Es gibt auf jeden Fall eine Ideen-Armut. Man darf heute nicht mehr mit extrem hohen Erwartungen von 200.000 bis 300.000 an die Auflage herangehen. Ich glaube, Magazine werden in Zukunft immer kleinere Auflagen haben und sie werden sich immer stärker in Nischen spezialisieren. Man muss einfach mal anfangen, probieren und schauen, was passiert. Das kann man mit einem kleinen Produkt wie „ramp“ natürlich viel besser, wie mit einem teuren Projekt in einem Großverlag.

Wie hoch ist die Auflage von „ramp“?

Die Startauflage war 50.000, jetzt drucken wir ca 35.000 Exemplare.

Und wieviel verkaufen Sie davon?

Sagen wir mal so: Wir haben schon mit der ersten Ausgabe mehr verkauft als „Autofocus“ und da waren wir stolz drauf. Aber allzu viel verkaufen wir noch nicht.

„Autofocus“ von der Motor Presse aus Stuttgart hat im 3. Quartal etwas über 8.300 Exemplare in Einzelverkauf und Abo abgesetzt. Aber Sie haben mit 15 Euro ja auch einen Hammer-Verkaufspreis…

Eigentlich müssten wir noch viel teurer sein. Wir haben eine riesigen Umfang, eine extrem hohe Papier- und Fotoqualität.

Auf mich wirkt „ramp“ ohnehin weniger wie ein klassisches Magazin, sondern eher wie eine Mischung aus Bildband, Magazin, Kundenzeitschrift und Hochglanzprospekt. Sehe ich das falsch?

Es ist ein Bilder-Lesemagazin. „ramp“ ist eine Form, wie man heute das Medium Magazin spielen kann. Verlage sind bei ihre Titeln natürlich ganz anderen Zwängen unterworfen. Dort wird immer nur das entwickelt, was auf jeden Fall funktionieren soll, denn niemand möchte seinen Stuhl verlieren. Es gibt immer große Gremien und alles wird nivelliert. Man versucht immer nur, alte Konzepte in einer neuen Variante zu bringen. So kann man aber nicht kreativ an neue Projekte rangehen.

Haben Sie schon Anfragen von Großverlagen bekommen, die sich für „ramp“ interessieren?

Ja. Die Idee zu „ramp“ kam sogar von einem Großverlag, der mich gefragt hat, ob ich für sie ein Automagazin entwickeln könnte. Wir werden demnächst auch mit einem Großverlag gemeinsam ein Sonderheft auf den Markt bringen.

Sagen Sie, mit wem?

Nein, das geht nicht. Ich war bereits erfolgreich mit dem „Lamborghini Magazin“, damit habe wir Preise abgeräumt ohne Ende. Deshalb kamen sehr viele Verlage auf uns zu. Die Offenheit bei den großen Verlagen für Neues ist durchaus da, aber es will niemand einen Fehler machen. Am liebsten hätte man etwas völlig Neues, das aber vor 30 Jahren in Dänemark schon Mal ein Hit war. So eine Art eingebaute Erfolgsgarantie. Das geht aber nicht. Man muss seinem Bauch vertrauen und einfach etwas riskieren.

Schreibt „ramp“ schwarze Zahlen?

Das Heft ist ein reines Hobby von mir. Wir hatten eine relativ geringe Anfangsinvestition, aber langsam greift es. Die Autoindustrie ist begeistert, die Luxus- und Erlebnisindustrie auch. Es sieht so aus als ob wir mit dem nächsten Heft hauchdünn die schwarzen Zahlen erreichen.

Würde „ramp“ in einer höheren Erscheinungsfrequenz als vierteljährlich funktionieren?

Ich glaube, viermal im Jahr reicht völlig, allein was den Umfang betrifft. Das aktuelle Heft ist mit 320 Seiten fast schon ein bisschen zu dick geworden. Wir müssen ja auch nicht aktuell sein.

Welche weiteren Titel haben Sie in Vorbereitung?

Es wird bei „ramp“ Sonderhefte geben. Im März 2009 machen wir ein ganzes Heft zur Mercedes E-Klasse. Das ist ja ein vermeintlich langweiliges Auto. Da haben wir richtig Freude, mit diesem Vernunft-Auto emotional umzugehen. Insgesamt soll es pro Jahr zwei bis drei solcher Sonderhefte geben.

Wird das E-Klasse-Heft dann auch von Mercedes bezahlt, quasi als Kundenmagazin?

Nein, eben nicht. Beim Kundenmagazin redet der Auftraggeber ja immer mit. Bei uns ist das eher eine Jam-Session unter Kreativen. Wir sagen OK, wir nehmen uns dem Thema an, da bekommen wir auch eine redaktionelle Hilfe, aber können machen was wir wollen.

Sind bei Ihnen Redaktion und Anzeigen strikt getrennt?

Wir nehmen auch bei „ramp“ gerne Produktionshilfen aus der Industrie in Anspruch. Aber wir bewahren uns die Freiheit, genau die Geschichten zu machen, die wir wollen. Wir würden nichts machen, was wir nicht gut finden. Wir nehmen auch nicht alles an. Wir haben auch schon Anzeigen abgelehnt, weil die einfach zu grauenhaft aussahen.

Aber Mercedes garantiert schon ein bestimmtes Volumen an Anzeigenschaltungen, sonst würden Sie so ein Heft ja wohl kaum machen, oder?

Ja, die Finanzierung ist abgesichert. Außerdem haben wir ein Highend-Kulturmagazin in Planung, das einen starken Fokus auf Literatur und Bücher haben wird. Bücher sind ein mindestens ebenso emotionales Produkt wie Autos und die bisherigen Literaturmagazine gehen das Thema doch meist sehr intellektuell an. Wir wollen mit dem Thema Kultur ebenso frischumgehen, wie wir das bei „ramp“ mit dem Thema Auto machen.

Wie soll das Magazin heißen?

Wir befinden uns gerade dabei die Rechte an einem Namen zu sichern, darum kann ich dazu noch nichts sagen.

Soll das Kulturmagazin regelmäßig erscheinen?

Ja, viermal pro Jahr. Wobei die erste Ausgabe erst im zweiten Quartal 2009 erscheinen wird.

Wird das neue Heft auch so dick wie „ramp“?

Nicht ganz, aber über 200 Seiten werden es schon.

Welche Themen könne Sie sich noch als Zeitschrift vorstellen?

Ein Männermagazin für die Zielgruppe der 35- bis 70-jährigen. Das wäre im Prinzip das fehlende Best-Ager-Männermagazin im Markt. Hefte wie „GQ“ oder „Men’s Health“ sprechen eine wesentlich jüngere Zielgruppe an. „GQ“ macht einen tollen Job, aber ist sehr kommerziell. Was mir fehlt ist ein Männermagazin mit Substanz für etwas ältere Männer, denen man nichts mehr vormachen muss, die nicht die x-te Zigarren- oder Rotwein-Geschichte brauchen, sondern ein Titel, der sich mit Männer-Welten, Männer-Erlebnissen und Männer-Werten beschäftigt.

Was wäre denn eine beispielhafte Geschichte für so ein Magazin?

Zum Beispiel ein Interview mit einem Mann, der gerade einen großen Misserfolg erlebt hat, Porträts von Fotografen, Buchauszüge und vieles mehr. Das Männermagazin wollte ich ursprünglich vor dem Kulturmagazin machen. Aber dann erschien mir das Konzept des Kulturmagazins viel wichtiger. Männermagazine gibt es schon einige, aber ein Kulturmagazin, wie wir es vorhaben, das gibt es weltweit in dieser Form noch nicht.

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