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Grosso-Zoff: Schön sachlich bleiben!

Die Verteilung von Zeitschriften an Kioske und den Einzelhandel erhitzt die Gemüter. Axel Springer legt sich mit einzelnen Grossisten an, Verleger-Tochter Yvonne Bauer stellt das ganze Grosso-System in Frage. Für MEEDIA analysiert der ehemalige G+J Vorstand für Zeitschriften, Rolf Wickmann, die Lage. Er erklärt, warum Grosso und Medienhäuser trotz allem Säbel-Gerassel aufeinander angewiesen sind. Und warum mancher Verlag beim verbalen Steinewerfen vergisst, dass er im Glashaus sitzt.

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Zur Klärung der Bauer/Grosso-Diskussion einige sachliche(!) Anmerkungen: Alle Verlage profitieren vom Grosso-System – auch die beiden Vertriebsmarktführer – und übrigens auch die Grossisten! Der Eigenvertrieb für einzelne große Verlage würde für diese deutlich teurer. Außerdem bliebe voraussichtlich das Dispositionsrecht gegenüber dem Einzelhandel mit dramatischen Folgen für die gesamte Presse, auch für Titel der Großverlage, auf der Strecke.

Die rechtlichen und wirtschaftlichen Vertriebs-Privilegien der Verlage und das Alleinauslieferungsrecht der Grossisten in „ihrem Gebiet“ sind nur zu rechtfertigen, wenn das System auch für kleinere Titel vorbehaltlos offen ist. Übrigens: unverkäufliche Titel werden ohnehin automatisch ausgesteuert. Auch „Lisa“ und „Laura“ waren bei der Einführung Billigheimer und sind auch heute noch vergleichsweise niedrigpreisige Titel, die die lukrativeren höherpreisigen Wochen- Blätter wie „Tina“, „Frau im Spiegel“ etc. Auflage gekostet haben.

In Verdrängungskämpfen und bei Neueinführungen haben sich in der Vergangenheit vornehmlich Großverlage der Niedrigpreis-Strategie bedient. Besonders der Bauer- und der Springer-Verlag haben in den vergangenen 30 Jahren massiv zunächst rein auflagenabhängige Grosso-Handelsspannen-Tabellen durchgesetzt – warum wohl? Diese wurden erst im Laufe der Zeit vor allem durch Widerstand von Gruner + Jahr und anderen Verlagen ein Stück in Richtung Umsatzorientierung modifiziert. Gleichwohl ist das Ergebnis, dass kleine Titel heute bis zu 20 Prozentpunkte mehr Handelsspanne zahlen als die hochauflagigen. Mehr geht doch in einem System, das Pressefreiheit und -vielfalt ermöglichen soll, wirklich nicht.

Titel mit höheren Auflagen haben automatisch und beinahe zwangsläufig durch die höhere Menge die bessere Auslage im Einzelhandel. Dabei sollte keiner aus den Augen verlieren, dass auch ein sogenannter hochauflagiger Titel meist nicht mehr als einen Verkaufsdurchschnitt von zehn Exemplaren pro Einzelhändler hat. Das produziert bei vielen „großen“ Titeln dieser Kategorie für den durchschnittlichen Einzelhändler etwa zwei Euro Handelsspanne pro Woche! Daraus folgt die Frage: Was kann der Einzelhandel dafür eigentlich titelbezogen leisten? Anders gesagt: Nur im Gesamt-Sortiment ist die Presse stark bzw. für den Einzelhandel interessant! Vom Grosso werden größere Verlage ohnehin besser als kleinere bedient, die in der Regel über die National-Vertriebe der großen Häuser ausgeliefert werden. Die National-Vertriebe haben zum Beispiel in der Regel einen kleinen (oder keinen) Außendienst für sehr viele Titel, während die Großverlage größere Außendienst-Mannschaften für vergleichsweise wenige Titel haben und schon deshalb mehr Leistung durchsetzen und kontrollieren können. Für kleine Titel wird im Grosso nur – schon aus nachvollziehbaren wirtschaftlichen Gruenden – automatisierte Standard-Leistung erbracht, während bei größeren Blättern/Verlagen mehr individuelle Grosso-Hand angelegt wird – ohne Zusatz-Berechnung, versteht sich(!). Kleine Verlage werden hingegen für jeden Handgriff meist auch zusätzlich vom Grosso zur Kasse gebeten.

Und es sei die Frage gestattet: Warum unterhalten denn reklamierende Großverlage überhaupt eigene ND’s, wenn sie doch unter den kleinen Titeln wegen der Regalverstopfung so leiden?Dennoch bleibt die unbefriedigende Situation, dass Zeitschriften mit Super-Niedrig- bzw. Dumping-Preisen durch ihre zu niedrigen absoluten Handelsspannen die Grosso-Leistung – übrigens auch den Einzelhandel – nicht angemessen vergüten. Dadurch entsteht indirekt eine Subventionierung dieser Billigtitel durch andere Zeitschriften, die zum Teil auch noch durch die billigen Meetoo-Produkte be- bzw. verdrängt werden!

Dabei wäre doch die Lösung sehr einfach: Das Grosso definiert eine betriebswirtschaftlich begründete Mindestvergütung pro Exemplar nach Auflagen/Umsatz-Größenklassen als absoluten Wert. Läge dieser zum Beispiel bei ca. 15 bis 20 Cent – auch für den Einzelhandel wäre ein analoges Vorgehen denkbar –, spätestens dann wäre es wirtschaftlich nicht mehr machbar, Zeitschriften mit 40 bis 50 Cent Copypreis in mittleren Auflagendimensionen anzubieten. Das Thema würde sich von selbst erledigen. Schließlich: Die Grosso-Betriebe zeigen ein höchst unterschiedliches individuelles Leistungsbild. Die Spannweite vom leistungsstärksten zum schwächsten Glied der Kette ist gewaltig. Hier müssten die starken Großverlage und das Grosso ansetzen. Gerade in den für Print schwieriger werdenden Zeiten ist intensive Marktbearbeitung und Ausschöpfung im Einzelhandel und großes persönliches Engagement der Grossisten wichtiger denn je – zum Nutzen der großen und der kleinen Titel sowie des Handels
. Die überhohen und noch steigenden Remissionsberge könnten durch effizientere Vertriebssteuerung ohne Verkaufsverluste bzw. durch Mehrverkäufe reduziert werden. Leistungssteigerung auf der Großhandelsstufe ist das Gebot der Stunde! Und das geht nur mit gegenseitigem Vertrauen und einer selbstbewussten spürbaren Marktoffensive aller Grossisten.

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