„Wir riskieren alles für das Klima-Magazin“

Mitten in die sich abzeichnende Medienkrise hinein will eine alte "Bild"-Gang um Uwe Dulias, Werner Köster und Ex-Chefredakteur Udo Röbel als Beirat ein neues Magazin starten: das "Klima-Magazin". Als Blattmacherin ist Ex-"BamS"-Chefreporterin Christel Vollmer an Bord. Die Druckauflage des Magazins zum Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit beträgt 100.000 Exemplare, kosten wird es 4,80 Euro, starten soll es in diesem Jahr. Im MEEDIA-Interview gibt sich Uwe Dulias euphorisch.

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Sie wollen mitten in der Finanzkrise und der heraufziehenden Medienkrise eine Zeitschrift starten. Sind Sie verrückt?

Ja! Nur Verrückte sind in der Lage, herausragende Konzepte zu entwickeln. Wer heute nicht gegen den Strom schwimmt, trudelt doch hilflos durch die Zeit. Der Klimawandel und seine Folgen sind das zentrale, wenn nicht gar wichtigste Thema unserer Zeit. Verrückt finde ich, dass sich bisher kein Verlag das Thema unter den Nagel gerissen hat. Übrigens: Erfolgreiche Magazine muss man generell antizyklisch entwickeln.

Was soll im „Klima-Magazin“ stehen?

Inhaltlich basiert das Konzept auf drei Säulen. Wir starten im vorderen Teil mit einem News-, Analyse- und Reportage-Teil. In der Heft-Mitte befindet sich ein monothematisches Dossier. 16 Seiten, auf denen wir die großen wichtigen klimapolitischen Auseinandersetzungen führen wollen. Zum Beispiel ein Streitgespräch zum Thema Atomenergie. Mit Befürwortern, Gegnern und Betreibern von Kernkraftwerken. Die zweite Hälfte des Magazins soll Ratgeber-Funktionen erfüllen. Wohnen, Nahrung, Gesundheit, Reisen, Investieren, Auto – der Klimawandel prägt doch inzwischen alle Teile unseres Lebens.

Ist das Thema Klimawandel für ein ganzes Magazin nicht ein wenig eng gefasst?

Eng? Wenn wir das Geld hätten, würden wir sofort monatlich erscheinen. Wir haben in den vergangenen Wochen für die erste Ausgabe ein Thema nach dem anderen bestellt. Am Ende hatte wir plötzlich 380 Seiten – ohne die Themen, die wir ohnehin schon für die zweite Ausgabe angeleiert hatten. Also mussten wir wieder streichen, streichen und kürzen. Und Ideen haben wir schon für die nächsten 50 Ausgaben. Zudem glaube ich persönlich, dass dieses Thema die Welt noch lange in Atem hält. Es geht nicht nur um das Abschmelzen der Polkappen, den Kampf um wertvolle Energie-Ressourcen, die Frage, wo wir Hunderte von Millionen Klimaflüchtlinge in den nächsten 20 Jahren unterbringen sollen oder die Konflikte, die im Kampf um immer knapper werdende Wasser-Ressourcen entstehen werden. Es geht um unseren Alltag. Um das Leben hier und morgen. Schauen sie sich die Preisentwicklung bei Gas, Öl und Strom an. Viele Deutsche werden das bald nicht mehr bezahlen können. Oder das Thema Reiz-Klima. Für viele Pollen-Allergiker ist das Leben jetzt schon zur Hölle geworden. Und zwar das ganze Jahr lang. Oder Autos. Es geht jetzt schon nicht mehr um die Frage „wie teuer ist das Auto“ sondern „wie viel Benzin verbraucht das Auto“. Mit uns können die Leute echt Geld sparen.

Woher kam die Idee?

Aus einer Kneipe in Zürich. Kein Witz. Heiko Gebhardt, Udo Röbel und ich haben gemeinsam ein paar Glas Bier getrunken. Udo tischte plötzlich die Idee auf und dann haben wir uns besoffen geredet. Von der ersten Sekunde an waren wir alle davon überzeugt, dass dieses eine grandiose Idee ist.

Sind Sie schon einmal einem Angehörigen der so genannten LOHAS-Zielgruppe in freier Wildbahn begegnet?

Ja. Bereits vor 19 Jahren. Mitten im Großstadt-Dschungel. Habe mich sofort verknallt und sie auf der Stelle mitgenommen. Ich kann ihnen versichern, man kommt wunderbar mit ihnen klar. Ich bereue keinen einzigen Tag. Das Exemplar heißt Carolin und ist einfach nur klasse. Alles was ich über Umweltbewusstsein, gesundes und bewusstes Leben weiß, habe ich von ihr gelernt. Ohne sie wäre ich heute ein Umwelt-Idiot. Spaß beiseite. LOHAS bedeutet „Lifestyle of Heath and Sustainability“. Das heißt, dass sie ihren Lebensstil sehr stark an dem Thema Gesund und Nachhaltigkeit ausrichten. Die „New York Times“ hält sie für die am schnellsten wachsende Zielgruppe der Welt.

Burda hat sein LOHAS-Projekt „Ivy“ bereits in der Testphase beendet. Das spricht nicht gerade für die Nachhaltigkeit eines solchen Konzepts. Was wollen sie anders machen?

Das war Hubert Burdas Entscheidung. Aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung. Bei „Ivy“ war alles falsch. Der Titel, das Konzept, die Themen, das Layout. Ich hätte mich genauso entschieden wie Hubert Burda. Was wir besser machen wollen? Alles. Und alles ganz anders. Wie schon gesagt: Wir haben einen ganz anderen Cocktail, den wir da servieren wollen. Und wir haben mit Christel Vollmer den besten Chefredakteur, den man für so ein Projekt finden kann. Eine News-Jägerin und Blattmacherin mit dem richtigen Gespür, für das was die Leser wollen.

Wie soll sich das „Klima-Magazin“ finanzieren?

Gute Frage. Im Moment finanzieren wir das Magazin mit unserem eigenen Geld. Es ist seit Jahren wieder das erste Mal, dass Journalisten und andere Medienleute mit ihrem eigenen Geld ein Verlags-Projekt starten. Wir riskieren alles für dieses Projekt. Sieben Gesellschafter haben bisher 250.000 Euro in das Projekt gesteckt. Alle Gesellschafter arbeiten ohne Honorar. Viele Kollegen haben auf Honorare verzichtet oder arbeiten für kleinste Beträge. Das gilt auch auf unsere festen Mitarbeiter. Ein Super-Team. Die arbeiten Tag und Nacht. Jeder Verlag wäre stolz und hätte längst Hunderttausende von Euros an Entwicklungskosten zahlen müssen. Christel Vollmer, Werner Köster, Udo Röbel, Jörn Muder, Jürgen Garnitz, Uwe Kehlenbeck, Stefan Meinking, Tom Weber, Olga Frick – welches Start-up kann sich diese Namen leisten. Das ist unbezahlbar. Dazu unterstützt uns ein Beirat aus Top-Experten. Professor Hohmeyer vom Weltklimarat, Professor Graßl vom Max Planck Institut, Professor Leal von der HAW , Professor Schellnhuber vom Potsdamer Klima-Institut – keiner wollte von uns auch nur einen einzigen Cent annehmen. Wir sind alle Überzeugungs-Täter. Wir glauben an die Idee und wir riskieren alles.

Zusätzlich zum Heft ist ein Online-Auftritt geplant. Wie soll der das Heft ergänzen?

Der Online-Auftritt wird für uns ganz wichtig. Schon zum Start wird es das Magazin als Print-Version und als E-Paper geben. Wer in Sachen Klimawandel und Nachhaltigkeit Akzente setzen will, der muss natürlich davon träumen, irgendwann kein Papier mehr bedrucken zu müssen sondern seine komplette Auflage als E-Paper verkaufen zu können. Dazu wollen wir natürlich eine große Online-Community aufbauen. Die Online-Strategie basiert ebenfalls auf drei Säulen. Die tägliche News Selection mit den klassischen Energiespar-Tools und Reportagen, ein ganz neuer Klima-Weltalarm-Melder, der von führenden Experten aus der ganzen Welt gefüttert wird und dem Bereich, den man heute wohl Social Networking nennt. Wir fordern unsere User auf, mitzumachen. Als Klima-Reporter können sie bei uns ihre Tipps zum Energiesparen veröffentlichen. Wir bitten die User, Umwelt- und Klima-Sünden zu dokumentieren. Dafür bekommen sie von uns auch einen Ausweis als „Klima-Guard“. Dr Uwe Kehlenbeck, ein erfahrener AOL-Mann, hat das Konzept entwickelt und baut jetzt den Channel auf. Er ist erst ab November voll an Bord. Deshalb werden viele Elemente des Online-Auftritts erst im Frühjahr funktionieren. Rom ist ja auch nicht an einem Tag erbaut worden. Mit dem Online-Auftritt wollen wir besonders die jungen Leser für das Thema gewinnen.

Sie müssen ja wohl gezwungenermaßen an die Zukunft der Gattung Print glauben, sonst würden sie kein Heft gründen. Warum sind ihrer Meinung nach all die Nachrufe auf Print verfrüht?

Es gibt keine Krise des Prints. Wenn überhaupt, dann haben wir eine Qualitäts-Krise der Print-Produkte. Viele Magazine und Zeitungen werden einfach immer schlechter. Und das liegt nicht daran, dass die Kollegen nicht schreiben können. Das liegt daran, dass die Bedingungen, unter denen sie Zeitungen und Magazine machen müssen, immer schlechter werden. Das liegt an diesen Excel-Fuzzies, die dem Qualitäts-Journalismus in diesem Land die Schlinge um den Hals gelegt haben und ihn erdrosseln. Wenn Verlage von Kontrolleuren und nicht mehr von Verlegern regiert werden, darf man sich doch nicht wundern, wenn man in so eine Krise rutscht. Diese angeblichen „Manager“ halten ihre Leser doch für blöde. Da werden Marketing-Activities gestartet, aber keine Print-Produkte mehr kreiert. Außer Hubert Burda und Mathias Döpfner haben wir doch in Deutschland keinen fähigen Verleger mehr. Ein Mann wie Dirk Manthey fehlt dem Print-Markt.

„Klima-Magazin“ ist sicherlich ein Arbeitstitel – haben sie den richtigen Namen schon gefunden?

Das ist der Titel! Und es gibt keinen besseren für das Magazin, das wir machen wollen. Online haben wir diese Web-Adresse in vielen Sprachen schützen lassen. Der Online-Auftritt soll zeitlich sehr nah auch in englischer Sprache live gestellt werden. Wir setzen bereits jetzt zusätzlich auf das Lizenz-Geschäft. Und natürlich auf IP-TV. Das wird der nächste Schritt. Natürlich nicht morgen. Aber wir haben das im Auge. Es ist schon verrückt, dass noch kein Verlag auf der Welt dieses Thema besetzt hat.

Wie ist die Resonanz aus der Media- und Anzeigenbranche auf das Projekt?

Mit Rainer Gierke haben wir einen der besten Anzeigen-Manager gefunden, den man sich wünschen kann. Ein absoluter Glücksfall, dass er gerade jetzt auf dem Markt war. Die ersten Agentur-Besuche, die ich jetzt mit ihm gemacht habe, waren klasse und haben uns total in unserer Arbeit bestätigt. Auch Rainer, der schon unzählige solcher Gespräche beim Aufbau von so starken Produkten wie „Max“, „TV Spielfilm“ oder „Tomorrow“ mitgemacht hat, war völlig verblüfft. Die wollen uns tatsächlich alle helfen, alle finden das Thema wichtig, alle fanden unser Konzept, unsere Layouts einfach nur geil.

Werden wir konkret: Haben Sie schon Anzeigenkunden an Bord?

Rainer Gierke hat mir beigebracht, dass man über seine Kunden nicht redet. Aber ich bin schon sehr stolz, dass ein großer deutscher Autokonzern eine der Umschlagsseiten gebucht hat. Voll bezahlt! Wie gesagt: Alle wollen uns helfen.

Wie hoch wir die Druckauflage des „Klima-Magazins“ sein und wie viel wird es kosten?

Wir gehen mit 100.000 Exemplaren an den Start, 95.000 werden an die Kioske ausgeliefert, 5.000 an Institute, Hochschulen und Meinungs-Führer. Den Vertrieb organisiert Springer. Lutz Zimmermann hat uns sehr geholfen, alle Vertriebshürden zu überwinden. Mit ihm haben wir den Preis entwickelt. Wir starten mit 4,80 Euro. Viel Geld. Aber mit jeder Ausgabe können die Leute auch mehr viel Geld sparen. Wenn sie sich an die Tipps in unserer ersten Ausgabe halten, bestimmt ein paar hundert Euro.

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