Pro: Reich-Ranicki hat völlig Recht

Nachdem Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt hat, diskutiert ganz Deutschland: Wie schlecht ist unser Fernsehen? Es scheint, als habe der große alte Mann der Literaturkritik in seiner fulminanten Rede ausgesprochen, was viele denken: Der Blödsinn regiert das Programm. Die Verleihung des Fernsehpreises war bis auf den Auftritt von "MRR" unerträglich langweilig. Das immergleiche Personal marschierte auf und spulte sein Programm routiniert wie immer ab.

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Auch die Anbiederung an die junge Zielgruppe misslang: der ZDF-Fernsehpreis verbuchte dort müde 6,3 Prozent Marktanteil. Aber gegen viele der ausgezeichneten Sendungen, kann man noch nicht einmal etwas haben. Vielleicht ist das Problem, dass das Fernsehen nicht selbstbewusst genug mit sich und dem Umgang mit dem Publikum ist. Als bester Fernsehfilm wurde „Contergan“ ausgezeichnet, da wird es kaum Einspruch geben. Beste Doku wurde das viel gelobte „Schweigen der Quandts“ usw. Es gibt also gute Sendungen, das Problem ist nur, hinter dem allgegenwärtigen Getöse des Blöden, werden sie kaum wahrgenommen. Wder in de Quoten-Top-Tens noch in der öffentlichen Wahrnehmung. Und die werbetreibende Industrie scheint sich auch zu selten zu fragen, wer eigentlich diese Millionen sind, die sich „DSDS“, „GZSZ“ und die tägliche Seifenparade im Ersten anschauen.

Okay, okay, über Veronica Ferres als „Frau vom Checkpoint Charlie“ und „Deutschland sucht den Superstar“ als beste Unterhaltungsshow, kann man streiten. Da hätte nicht sein müssen, aber im Durchschnitt lässt sich über die ausgezeichneten Programme beim Fernsehpreis eher wenig kritisieren. Das ist gar nicht das Problem, wie auch Reich-Ranicki in seiner Ansprache bemerkte. Das Problem ist, dass auch Qualitäts-Programme wie „Das Schweigen der Quandts“ im Rahmen einer unsäglichen Veranstaltung verhackstückt und mit Atze, den Köchen und dem übrigen Flachsinn in einen Topf geworfen wird.

Die Sender produzieren hier und da noch gute Sendungen. Aber sie verstecken sie allzuoft mitten in der Nacht oder setzen sie hektisch wieder ab, sobald die Quoten-Vorstellungen nicht erfüllt werden. Der Mut, ein Format über längere Zeit zu entwickeln, Rückschläge in Kauf zu nehmen, auch mal etwas gegen den Strich zu bürsten, der fehlt. Im deutschen Fernsehen regiert die Angst. Angst vor dem Druck der Finanzinvestoren (ProSiebenSat.1), Angst vor der Eigentümerfamilie, die dringend Geld braucht (RTL Group), Angst vor dem Abwandern der jungen Zuschauer und der EU (ARD und ZDF). In diesem Klima der Angst verstricken sich die privaten in einen Rat-Race auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, der immer kleiner und bei dem man die guten Sachen fast verschämt hinter einem Bataillon unwitziger Pseudo-Komödianten versteckt. Und die Öffentlichen manchen mit. Niveau-Unterschiede zwischen Privat-TV und dem großsprecherischen, mit Gebühren-Millionen finanzierten Beamten-Fernsehen von ARD und ZDF muss man mit der Lupe suchen.

Der Auftritt von „MRR“ hat uns kurz aufgeweckt und erinnert: Huch, Fernsehen kann ja spontan und interessant sein, wenn da einer steht, der sich nicht an das von Angst und Kleingeistigkeit diktierte Ablaufschema hält. Gleich danach trat ein langweiliger Mann im Anzug namens Ralf Schmitz oder so ähnlich auf und machte offenbar lustig gemeinte Bemerkungen, über die kaum einer lachte. Der TV-Alltag hatte uns wieder eingeholt.

Alles ging weiter wie bisher. Und ZDF-Intentand Schächter, der den Schuss offenbar nicht gehört hatte, bezeichnete Reich-Ranickis Auftritt als „Sternstunde“. Ja, da muss man dem ZDF für sein verschnarchtes Mitmarschieren im Trek des Stumpfsinn ja wohl noch dankbar sein. Sonst hätte Reich-Ranicki sich ja nicht so aufgeregt und uns wäre auch diese eine kleine „Sternminute“ nicht gegönnt worden. Thomas Gottschalk, der hier zeigen durfte, dass er nicht verlernt hat, ein guter Moderator zu sein, kündigt in der „Süddeutschen“ an, dass das Streitgespräch zwischen Reich-Ranicki und den Intendanten noch in dieser Woche stattfinden soll. Wird bestimmt ein Quoten-Renner. Die grauen Männer in ihren Anzügen werden nicken, wenn MRR ihnen die Leviten liest. Sie werden langweilige, gestelzte Sätze erwidern und irgendetwas von Qualität und Gebühren salbadern. Ändern wird sich nichts.

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