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Contra: Sie irren, Herr Reich-Ranicki!

Die Fernsehbranche kennt seit Samstagabend kein anderes Thema mehr: Mit einem umstrittenen Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis lehnte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den Ehrenpreis ab, den er eigentlich bekommen sollte. In seine Begründung packte er eine Fundamentalkritik an der Veranstaltung und am deutschen Fernsehen insgesamt. Doch diese Aussagen sind arrogant und falsch. Ein Kommentar von MEEDIA-Autor Jens Schröder.

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Die Jubelschreie der Kulturpessimisten, die schon immer gewusst haben, wie schlecht das Fernsehen „heutzutage“ ist, verhallen seit dem Skandal beim Deutschen Fernsehpreis am Samstagabend nicht – und sie werden wohl noch ein paar weitere Tage lang zu hören sein. Endlich hat es denen da, die uns alle verdummen, mal jemand gezeigt. Hoch lebe Marcel Reich-Ranicki! Oder wie Elke Heidenreich für die „F.A.Z.“ aufschrieb: „Wie jämmerlich die dargebotenen Produkte und Arbeiten in der Mehrzahl waren, wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich.“ Diese Zitate sind Zeugnisse von Unwissenheit. Unwissenheit von den vielen tollen Fernsehsendungen, die täglich – ab und zu auch bei den großen Sendern – zu sehen sind. Man muss sich nur etwas mehr mit dem Fernsehprogramm beschäftigen als Reich-Ranicki und Heidenreich.

Und die Aussagen sind Zeugnis von purer Arroganz gegenüber denjenigen, die in Köln ausgezeichnet wurden. Exzellente Schauspieler, tolle Journalisten, mitreißende Eurosport-Kommentatoren, talentierte Fernsehmacher. Oder will wirklich jemand behaupten, ein Film wie „Contergan“, eine Dokumentation wie „Das Schweigen der Quandts“, eine Reportage wie „Alt sein auf Probe“ seien schlechtes Fernsehen? Und Leute wie Misel Maticevic, Silke Bodenbender und Michael Gwisdek schlechte Schauspieler? Natürlich waren auch diskussionswürdige Preisträger darunter. Warum beispielsweise der umstrittene Reality-Trash „Die Ausreißer – Der Weg zurück“ einen Preis bekommen hat? Man weiß es nicht.

Doch um solche Kritik ging es Reich-Ranicki offenkundig gar nicht. Ihm ging es nur um sich. In einem „F.A.Z.“-Interview vom Sonntag sagt er dazu folgendes: „Ich saß in der ersten Reihe und je länger die Sache dauerte, desto mehr war ich ermüdet. Ich fand es empörend, dass ich während dieses langen Abends die ganze Zeit auf einem harten Stuhl sitzen musste und man mich bis zum Schluss warten lassen wollte.“ Und weiter: „Es war alles so unglaublich langweilig.“ Und: „So ging es den ganzen Abend, und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche. Es war schrecklich.“ Wer an diesem Abend in Köln war – oder sich die Veranstaltung einen Tag später im ZDF anschaute, denkt wahrscheinlich, er war woanders als Herr Reich-Ranicki. Abgesehen von überflüssig-peinlichen Auftritten von Ingolf Lück und Atze Schröder war an der Show nicht viel auszusetzen. Zumindest nicht mehr als in den Vorjahren. Denn wenn wir ehrlich sind: Auch die weltweit beachtete Emmy-Verleihung ist meist nicht spannender und emotionaler.

Dass Reich-Ranicki nun auch noch eine Sendung bekommen soll, in der er mit Thomas Gottschalk diskutieren darf, ist ebenso falsch wie die Idee, überhaupt einen Ehrenpreis an Reich-Ranicki geben zu wollen. Es gäbe Hunderte andere Menschen, die ihre ganze Kraft und Zeit in dieses Medium gesteckt haben und die den Preis daher tausendmal mehr verdient hätten als jemand, der ab und zu mal im Fernsehen über Bücher geredet hat. Immerhin an diesem Punkt hat Reich-Ranicki in seiner kurzen Rede aber recht gehabt: „Ich gehöre nicht in diese Reihe der Preisgekrönten.“ Der größte Literaturkritiker, den Deutschland wohl je hatte, war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

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