Anzeige

‚Kronen Zeitung‘ spielt den Kanzler-Macher

Die Rolle der „Kronen Zeitung“, mit rund drei Millionen Lesern Österreichs beliebteste Tageszeitung, rückt in den Blickpunkt des laufenden Wahlkampfs. Die Kritik an Herausgeber Hans Dichand wächst: Selten habe ein Medium so unverhohlen seinen Einfluss auf eine politische Entscheidung genommen. Der 87-Jährige will Werner Faymann zum nächsten Kanzler machen. Geht die „Kronen Zeitung“ zu weit?, fragt sich inzwischen auch die englische „Financial Times“

Anzeige

„Unerträglich, wie sich ein Zeitungsherausgeber die politischen Verhältnisse im Land neu ordnet. Unerträglich, wie hier in aller Öffentlichkeit und ungeniert in eine demokratische Wahl eingegriffen wird. Tragen wir dazu bei, dass Österreich nicht zu Dichandreich verkommt“, fordert ein Blog-Eintrag.

Die „Kronen Zeitung“ und sein Herausgeber Hans Dichand unterstützen im aktuellen Wahlkampf ganz offen Werner Faymann, den Chef und Spitzenkandidaten der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ). „Jeder Bürger“, fordert der erklärte EU-Gegner Dichand, „der für Demokratie und damit für die Erhaltung der ja noch bestehenden Verfassung ist, muss sich bei der Wahl für eine Partei entscheiden.“

Dichand empfiehlt den Lesern der „Kronen Zeitung“ nachdrücklich die SPÖ und deren Partner Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) und das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) zu wählen und ihre Stimmen nicht der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), den Grünen und dem Liberalen Forum (LIF) zu geben. Die empfohlenen Kandidaten werden in gut platzierten, doppelseitigen Artikeln in der – am meisten gelesenen – Sonntagsausgabe vorgestellt, während die weniger geschätzten Kandidaten selten und dann auf weniger populären Seiten abgehandelt werden.

Politische Empfehlungen von Medien sind auch international nicht ungewöhnlich. Beispielsweise lancierte die „Financial Times Deutschland“ unter Chefredakteur Christoph Keese eine Wahlempfehlung für die CDU. Aber außergewöhnlich ist die extreme Einflussnahme der „Kronen Zeitung“, die sich in ihrem Selbstverständnis für unabhängig hält. Die Zeitungsmacher sind sich ihres politischen Einflusses bewusst, den sie schon in der Vergangenheit geltend gemacht haben: Offenherzig gibt Innenpolitikredakteur Peter Gnam einen Überblick darüber, welche Politiker mit Hilfe der „Krone“ Wahlen verloren oder gewonnen haben: Der ehemalige Kanzler Bruno Kreisky verlor eine Kandidatur, weil Österreichs größte Tageszeitung „aus vollem Rohr“ gegen ihn geschossen hatte, Kurt Waldheim dagegen verhalf das Boulevardblatt auf den Amtssessel des Bundespräsidenten – nur zwei prominente von vielen Beispielen.

Der 87-jährige Dichand, der in den 80er Jahren Mitherausgeber der vom Verlag Gruner + Jahr publizierten „Hamburger Morgenpost“ war, machte auch durch einen langen Rechtsstreit mit dem Medienkonzern WAZ von sich reden, der sich mit 1989 mit 315 Millionen Mark an der „Kronen Zeitung“ beteiligt hatte. Die WAZ hatte es abgelehnt, Dichands Sohn Christoph als Chefredakteur des Boulevardblatts zu akzeptieren.

„Die Krone“, kritisiert Heide Schmidt, Chefin des Liberalen Forums, „maßt sich an, Politik zu machen. Damit erweist sie nicht nur der Demokratie, sondern auch dem Journalismus einen schlechten Dienst.“ Schmidt sieht es als Aufgabe des öffentlich-rechtlichen ORF an, einen Ausgleich zur Medienmacht des Boulevardblatts zu schaffen und für Aufklärung und ein objektives Gegengewicht zu sorgen. Am 28. September stimmen Österreichs Bürgerinnen und Bürger ab – auch über die zukünftige Funktion und Rolle ihrer Medien.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige