Gruners Magazine – die alten Sterne sinken

Alles roger bei Europas größtem Zeitschriftenhaus? Kürzlich hat Gruner+Jahr-Chef Bernd Kundrun seine Halbjahresbilanz vorgestellt. Die Zahlen waren einmal mehr naja. Umsatz leicht unter Vorjahr, operativer Gewinn leicht über Vorjahr (117 Mio. Euro). Der Verlag hat es nicht leicht in diesen Tagen des Medienumbruchs. Das Web stellt neue Herausforderungen. Zeit für eine Bestandsaufnahme: MEEDIA beleuchtet G+J in einer fünfteiligen Serie. Los geht's mit dem Kerngeschäft - Zeitschriften.

Anzeige

Wer Gruner + Jahr sagt, der denkt an den Magazin-Dreiklang „stern“, „Geo“, „Brigitte“. Die drei größten Zeitschriftenmarken des Hauses sind immer noch Umsatz- und Gewinnbringer von großem Gewicht. Seit einigen Jahren hat sich auch das Klatschblatt „Gala“ unter Chefredakteur Peter Lewandowski zu einer starken Marke und einem verlässlichen Umsatzträger entwickelt. Der „stern“ wird seit 1999 von dem Chefredakteurs-Tandem Andreas Petzold und Thomas Osterkorn geführt. Länger hat es außer Gründer Henri Nannen keiner in dem Chefsessel der oft als „Haifischbecken“ bezeichneten Redaktion ausgehalten. Dass mag daran liegen, dass „Osterpetz“, wie das Duo gerne genannt wird, besonders harte Hunde sind. Oder, dass das Haifischbecken mittlerweile zu einem Süßwasser-Aquarium mutiert ist. Ein bisschen wie der ganze Laden. Der „stern“ kämpft, seinem alten Ruf (vor den gefälschten Hitler-Tagebüchern!) gerecht zu werden und seine Größe zu halten. 2001 überholte ihn der „Spiegel“ erstmals in der Auflage. Seitdem tut sich der „Spiegel“ wesentlich leichter, über der Million-Marke zu bleiben. Aktuell verkauft der „stern“ knapp 987.000 Exemplare (2. Quartal 2008). Davon jeweils fast gleich viele Hefte am Kiosk, im Abo und als Sonderverkauf. Im Fünf-Jahres-Trend ist der Einzelverkauf des „stern“ um 20 Prozent runter gegangen, der Gesamtverkauf um acht Prozent. Der große „stern“ sinkt. Langsam zwar, aber stetig. Ein kleiner Trost mag sein, dass G+J Dank der 25,5-Prozent-Beteiligung am Erfolg des „Spiegel“ auch mitverdient.

Auch beim anspruchsvollen „Geo“ sinkt die Auflage. Im Fünf-Jahres-Trend ging der Einzelverkauf um 31 Prozent runter, der Gesamtverkauf um zwölf Prozent. „Geo“ hat bei einer Gesamt-Auflage von über 400.00 zwar immer noch einen extrem starken Stamm an Abos in Höhe von fast 300.000. Aber auch die gehen zurück: im Fünf-Jahres-Trend um 13 Prozent. Bei Gruner versuchen sie, die Erosion von „Geo“ durch zahlreiche Neben-Produkte wie „Geo Saison“, „Geo Kompakt“ oder „Geo Epoche“ auszugleichen. Das klappt alles in allem ganz gut.

Bei der „Brigitte“ zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei den beiden anderen großen Marken des Hauses. Vielleicht sogar noch ein bisschen dramatischer. Im Fünf-Jahres-Trend ging der Einzelverkauf um 30 Prozent runter, die Zahl der Abos um 13 Prozent, der Gesamtverkauf aber nur um fünf Prozent. Warum das? Klar: Die sonstigen Verkäufe wurden um 70 Prozent auf jetzt fast 255.000 Exemplare aufgestockt. Trotzdem hat G+J-Boss Kundrun die „Brigitte“-Gruppe bei seiner jüngsten Zahlen-Präsentation ausdrücklich gelobt. Grund dafür dürfte auch „Brigitte Woman“ sein. Der Ableger für die ein kleines bisschen ältere Frau erscheint mit Erfolg seit einiger Zeit monatlich und kommt bereits auf eine verkaufte Auflage von über 260.000, davon über 166.000 im Einzelverkauf. Dabei hat die „junge“ „Brigitte“ lustigerweise mit durchschnittlich 48 Jahren eine ältere Leserschaft als die älter positionierte „Brigitte Woman“ mit 43,1 Jahren. „Brigitte Woman“ ist eine lupenreine Erfolgsstory. Wahrscheinlich könnte man den Titel sogar 14-täglich bringen, doch dann wären die Kannibalisierungseffekte auf die „normale“ „Brigitte“ zu groß. Ein weiterer Pluspunkt, den Gruner bei „Brigitte“ hat, ist die treue Leserschaft. Die „Brigitte“-Leserin greift auch gerne zur Hörbuch-Edition „Starke Stimmen“, trinkt freudig aus dem „Brigitte“-Weinglas“, blättert lustvoll in der „Brigitte“-Kochbuch-Edition und erfreut den Verlag so mit einem florierenden Nebengeschäft.

Mit der Jugend tut sich die große alte Dame unter den Frauenzeitschriften etwas schwerer. Anfang 2006 wurstelte G+J die mehr schlecht als recht laufende „BrigitteYoung Miss“ um zu „Bym“. Ein halbes Jahr später machte es bei der „Bym“ bumm und das Blatt wurde eingestellt. Die Marke „Bym“ wird nun halbherzig im Internet am Leben erhalten.

Aber neue Titel braucht das Land, denn Kundrun und sein stets viril auftretender Zeitschriften-Vorstand Bernd Buchholz (BB über BB: „Die, die breitbeinig stehen, fallen seltener um.“)  wollen den Gesellschaftern aus Gütersloh zeigen, dass sie’s drauf haben. Mit der Kreativität, dem Wachstum und dem ganzen Rest.

Im Juni 2003 startete der Verlag von München aus mit dem Rumpf-Team, des eingestellten „SZ“-Jugendmagazins „Jetzt“ die Zeitschrift „Neon“ für junge Erwachsene. Dabei rannten die jungen Macher um Timm Klotzek und Michael Ebert dem Vernehmen nach in Hamburg nicht nur offene Türen ein. Zeitschriften-Vorstand Rolf Wickmann stand hinter dem Projekt, doch die Widerstände im mittleren Management der Zentrale sollen eher groß gewesen sein. Der damalige „stern“-Geschäftsführer und heutige Zeitschriften-Vorstand Buchholz, war laut einem ranghohen Mitarbeiter zu Beginn kein glühender Fan von „Neon“. Heute ist Buchholz natürlich stolz auf das Blatt. „Neon“ verkauft über 213.000 Hefte und hat eine eingeschworene Fan-Gemeinde. Das Heft ist ein echter, substanzieller Erfolg und eine neue Marke. Sowas ist heutzutage schon verdammt schwierig hinzubekommen.

Kein Wunder, dass die Macher den Auftrag bekamen, den Erfolg doch nun bitteschön zu wiederholen. Seit einiger Zeit wird hinter den Kulissen an einer Art „Neon“ für Ältere gebastelt. Das Projekt heißt „Nest“ und soll 2009 zunächst zweimal erscheinen. Zielgruppe sind junge, urbane Eltern, die trotz Familienstress noch Zeit haben, stylish zu shoppen. Sollte das funktionieren, ist für 2010 eine monatliche Erscheinungsweise geplant. Klingt so ein bisschen nach „Mom“. Das war auch mal ein Versuch von Gruner, junge, urbane Mütter mit Lifestyle-Affinität anzusprechen. Das Projekt vom heutigen „Brigitte“-Chefredakteur Andreas Lebert wurde aber nach einer einmaligen Probenummer ganz schnell wieder beerdigt.

Ein Titel, der auch zur Überraschung der Oberen ganz gut läuft, ist das Hundemagazin „Dogs“. Auf kleinem Niveau zwar, aber immerhin. „Dogs“ ist das Ergebnis der verlagsinternen Zeitschriften-Olympiade RIO (Redaktionelle Ideen Olympiade), die Buchholz Anfang 2006 ausgerufen hatte. Das Gesundheits-Heft „Healthy Living“ kämpft auch nach einer Umstellung auf ein größeres Format mit seiner eher kleinen Auflage. Knapp 70.000 in Einzelverkauf und Abo sind eine eher schwindsüchtige Gewichtsklasse für solch einen breit angelegten Titel.

„Dogs“ und „Neon“. Zwei Titel zum Fliegen gebracht seit 2003. Es gab auch mehr oder minder erfolgreiche Ableger von etablierten Titeln, u.a. dieFood-Zeitschrift „essen & trinken für jeden Tag“ und das Foto-Magazin „View“, das seit dem Abgang von Chefredakteur Tom Jacobi aber einer eher ungewissen Zukunft entgegenblickt.

Kundruns erste Großtat in seiner Zeit als Vorstandschef, die Einführung der Frauenzeitschrift „Woman“ wurde im April 2007 nach langer Leidenszeit und vielen Millionen versenkten Euros mit Schrecken beendet. Der Pocket-Titel „Flash“ (im Scrapbook-Design…) aus der Münchner Dependance, lebte 2003 nur wenige Monate.  Das mit einigem Tamtam gestartete „eBay Magazin“ wurde gerade wegen Erfolglosigkeit vom Kiosk genommen.

Mitte 2005 wurde das Edle-Leute-Heft „Park Avenue“ von Buchholz allzu vollmundig als „journalistischer Solitär“, als eine Art deutsche „Vanity Fair“ auf den Markt gebracht. Zahlreiche Stolpereien und Chefredakteurswechsel später, fand das Heft dann unter den Fittichen von „stern“-Co-Chef Andreas Petzold zur Ruhe und zieht seither unspektakulär seine Kreise auf mickrigem Auflagenniveau. Bei etwas über 14.000 verkauften Heften im Einzelverkauf, hat der Verlag die Auflage u.a. mit sonstigen Verkäufen von über 57.000 auf etwas über 90.000 aufgeputscht. Gesund ist das nicht.

Viel Klein-Klein also und ein Haupttreffer mit „Neon“. Klingt nach wenig, aber aus der Ägide des zweifelsohne erfolgreichen Kundrun-Vorgängers Gerd Schulte-Hillen haben es auch nicht viele neue Zeitschriften in die Jetzt-Zeit geschafft. „Gala“ ist in diesem Fall, wie „Neon“, die leuchtende Ausnahme. Die blitzschnell wieder eingestellte Krawall-Illustrierte „Tango“ war verlegerisch sogar einer der größten Flops des Hauses. Falls das ein Trost für Deutschland Magazin-Macher sein kann: In den USA läuft es auch nicht besser. Bei Time Warner wird räsoniert, sich vom Print-Geschäft zu trennen, Neugründungen sind weitgehend Fehlanzeige und wird doch mal was probiert, wie von Condé Nast mit dem Wirtschaftstitel „Portfolio“, landet man in der Regel einen Flop. In diesen schwierigen Zeiten suchen viele Verleger ihr künftiges Heil im Internet. Warum das für Gruner + Jahr nicht so ganz zutrifft, analysieren wir im zweiten Teil unserer Reihe, der sich um das Online-Geschäft von G+J dreht.



Nur leichtes Plus bei Umsatz und operativem Gewinn, G+J hat es nicht leicht in diesen Tagen des Medienumbruchs

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige