Dem „Spiegel“ droht die Langeweile

Die Medienwelt horcht auf: Stefan Aust zieht im Interview mit dem „Zeitmagazin“ überraschend Bilanz. Im Vorfeld des Kinostarts seiner Buchverfilmung „Der Baader Meinhof Komplex“ prophezeit der einst mächtigste Journalist in Deutschland dem „Spiegel“ eine eher düstere Zukunft. Seine Nachfolger beobachtet er kritisch: „Das Heft ist jetzt politically correct gemacht. Aber auf Dauer droht so Langeweile – der ‚Spiegel’ muss immer wieder gegen den Strich bürsten, sonst bröckelt die Auflage.“

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Seine langwierige Trennung vom „Spiegel“ bezeichnet der 62-Jährige als „wirklich nicht lustig“. Aust war 14 Jahre lang Chefredakteur des „Spiegel“; im März musste er seinen Posten unfreiwillig räumen. Zu der kürzlich verbreiteten Theorie, die SPD habe seine Absetzung betrieben, sagt Aust: „Völliger Quatsch. Meine Absetzung hat nur einer betrieben, der ist jetzt selbst nicht mehr da. Ich wusste vom ersten Moment an, der will mich loswerden.“ Aust bezieht sich dabei auf Mario Frank, den Geschäftsführer des „Spiegel“, der seinerseits vor Kurzem seinen Hut nehmen musste.

Dabei ist Aust, der noch bis Ende dieses Jahres beim „Spiegel“ unter Vertrag steht, durchaus nicht unfroh, die Spitze des Magazins verlassen zu haben: „Mich hat schon lange gestört, dass ich so stark mit dem ‚Spiegel’ identifiziert wurde.“ Bereits am ersten Tag, an dem er nicht mehr in der Verantwortung stand, habe er aufgehört, über das richtige Titelthema für die nächste Ausgabe nachzudenken. Früher, so Aust, „habe ich die ganze Woche darüber nachgedacht, und es war nie so, dass mir sonnenklar war, was wir machen sollten“. Deswegen habe er den Titel oftmals kurz vor Schluss noch geändert. Allerdings „sehe ich mir die Titel meiner Nachfolger an. Du musst auf dem Titel eine Zeile haben, die den Lesern zu denken gibt, du musst einen gewissen Zauber auf die erste Seite bringen, der im Kopf des Lesers etwas auslöst.“

Auch diese Äußerung dürfte als kaum verhohlene Kritik an seinen beiden Nachfolgern aufgefasst werden. Üblicherweise geht man in diese Konfrontation zumindest so lange nicht hinein, bis das Vertragsverhältnis beendet ist. Aber Stefan Aust möchte auch in diesem Fall das letzte Wort behalten: „Der Wind kann sich wieder drehen.“

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