Russland: Journalist ‚versehentlich‘ getötet

Erneut ist ein gegenüber der russischen Regierung kritischer Journalist Opfer einer Gewalttat geworden. In der Kaukasusrepublik Inguschetien wurde der Chef eines regierungskritischen Internet- Nachrichtendienstes, Magomed Jewlojew, kurz nach seiner Verhaftung durch einen Kopfschuss getötet. Russische Behörden sprechen von einem Unfall. Dies ist der letzte in einer Reihe von unaufgeklärten Morden an Journalisten in Russland. "Reporter ohne Grenzen" nennt die Tat "schockierend".

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Magomed Jewlojew wurde bei seiner Ankunft auf dem Flughafen der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Inguschetien, Nasran, verhaftet. Nach Aussage eines Freundes und Kollegen, Mogamed Khazbijew, war Jewlojew gefasst und ruhig, als er mit seinem Koffer und Computer in einen Jeep des russischen Innenministeriums einstieg. Khazbijew versuchte, mit seinem Auto zu folgen, wurde aber von anderen Wagen des Innenministeriums daran gehindert.

Kurze Zeit später wurde Khazbijew vom städtischen Krankenhaus informiert, dass Jewlojew mit einer Kopfschusswunde in der Nähe des Hospitals abgeladen worden sei. Jewlojew sei maximal 20 Minuten in Polizeigewahrsam gewesen. Er verstarb auf dem Operationstisch. „Ich glaube, sie schossen ihm in den Kopf, sobald sie den Flughafen verlassen haben“, zitiert das „Wall Street Journal“ Khazbijew.

Die Moskauer Generalstaatsanwaltschaft bestätigte mittlerweile, dass Jewlojew in Polizeigewahrsam erschossen wurde. Ein Sprecher sagte, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist.

Nach Darstellung des inguschetischen Innenministeriums sollte Jewlojew in Zusammenhang mit einem Bombenanschlag auf ein Haus in Nasran verhört werden. Auf dem Weg zur Polizeistation habe Jewlojew versucht, einem Polizisten die Maschinenpistole zu entreißen. Beim nachfolgenden Handgemenge habe sich ein Schuss gelöst.

Auf seinem Nachrichten-Weblog Ingushetiya.ru, einer der beliebtesten Informationsquellen des Landes, hatte der Journalist offen über die Vorgänge in Inguschetien berichtet. Seine Kritik galt insbesondere dem kremltreuen inguschischen Präsidenten, Murat Sjasikow, einem früheren KGB-General und Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Den Behörden warf Jewlojew brutales Vorgehen gegen die Bevölkerung sowie die Entführung und Ermordung politischer Gegner vor.

Im Juni hatte ein Richter die Schließung von Jewlojews Website wegen Verbreitung „extremistischer Ansichten“ angeordnet. Jewlojew stellte die Seite daraufhin unter anderem Namen wieder online. In jüngerer Vergangenheit hat Jewlojew sich gegenüber Kollegen besorgt über die Sicherheit seiner Familie geäußert. Die Chefredakteurin der Website, Rosa Malsagowa, hatte bereits Anfang August angekündigt, in Frankreich politisches Asyl zu beantragen.

In der islamischen Kaukasusrepublik Inguschetien leben überwiegend Inguschen, die größte Bevölkerungsminderheit bilden mit 20 Prozent Tschetschenen. Nach der gewaltsamen Befriedung des benachbarten Tschetscheniens kämpfen in Inguschetien weiterhin muslimische Rebellen gegen russische Sicherheitskräfte.

Bürgerrechtler in Russland sind schockiert von Jewlojews Tod. Die beiden wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen in Russland, die Moskauer Helsinki Gruppe und Memorial, fordern eine gründliche Aufklärung des Vorfalls und die Bestrafung der Täter. Ljudmila Alexejewa von der Helsinki-Gruppe spricht von einem “enormen Verlust”. „Jewlojew sah sich nicht als Dissidenten“, sagt die Vorsitzende des finnisch-russischen Bürgerforums Heidi Hautala, „er sagte, es wäre allein seine Aufgabe, so wahrheitsgetreu wie möglich über Ereignisse zu berichten“.

Jewlojews Tod ist der letzte Fall in einer Reihe unaufgeklärter Gewalttaten gegen regimekritische Journalisten in Russland. Im Juli 2007 wurde der Herausgeber des russischen „Forbes Magazin“, Paul Klebnikow, vor dem Moskauer Verlagsgebäude erschossen. Für weltweites Aufsehen sorgte die Ermordung der „Nowaja Gazeta“-Reporterin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 in Moskau. Es war der dritte Mord an einem Journalisten dieser Zeitung. Im März 2008 wurde der dagestanische Reporter für den staatlichen Fernsehsender „Erster Kanal“, Iljas Schurpajew, in seiner Moskauer Wohnung niedergestochen und erdrosselt. Kurz darauf fiel der Chef der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt in Dagestan, Gadschi Abaschilow, in der Hauptstadt Machatschkala auf offener Straße einem Anschlag zum Opfer.

Die Taten sind bis heute nicht oder nicht lückenlos aufgeklärt. Immer wieder wurden Stimmen laut, dass der russische Geheimdienst FSB hinter den Morden steckt.

Ingushetiya.ru hat mittlerweile „alle, denen das Schicksal Inguschetiens am Herzen liegt“ aufgerufen, sich in Nasran zu versammeln. Die Website hat bereits in der Vergangenheit Protestaktionen organisiert.

Reporter ohne Grenzen bezeichnet den Tod von Jewlojew Tod als „schockierend“. Die Organisation schreibt: „Die internationale Gemeinschaft und vor allem die Europäische Union sollten eine schnelle Aufklärung fordern. Die Erklärungsversuche der inguschetischen Behörden sind nicht stimmig.“

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