Fußball-Magazin „Eurosoccer“ im Check

„Eurosoccer, was soll das denn sein?“ Es ist nicht einfach, in Hamburg die deutsche Erstausgabe des neuen Fußball-Monatsmagazins zu bekommen. Erst der dritte Zeitungshändler hat schon mal davon gehört, aber die Debütausgabe liegt noch verschnürt hinter seinem Verkaufstresen. Dabei gibt sich die Erstausgabe bodenständiger als etwa der gescheiterte Hochglanz-Vorläufer "Player" – flach spielen, hoch gewinnen scheint die Devise. MEEDIA-Autor Rainer Schäfer hat das Heft gelesen.

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Auf dem „Eurosoccer“-Titel blickt Bayer-Trainer Jürgen Klinsmann gequält, als habe man hinter seinem Rücken über Nacht Franck Ribéry verscherbelt. Auf
Seite 3 grinst Ulrich Kühne-Hellmessen etwas fröhlicher. „Inhaltlich“, schreibt der Chefredakteur in seinem ersten Editorial, „tragen wir einem neuen Zeitgeist Rechnung: Durch die permanent wachsende TV-Präsenz sind internationale Top-Stars ständige Gäste in unseren Wohnzimmern. Wie sie denken, leben und spielen – das lesen Sie in Eurosoccer.“

Das Magazin, das seit 2006 im Sportverlag Europa Medien in Zürich erscheint und jetzt nach Deutschland expandiert, erfüllt sein Versprechen nicht – und das ist gut so. Denn „Eurosoccer“ ist keine Aneinanderreihung porträtierter Superstars für unsere Wohnzimmer. Die Titelgeschichte untersucht das denkwürdige „Projekt Klinsmann“ in München, Stuttgarts Stürmer Mario Gomez versucht im Interview seinen rasanten Aufstieg mit ersten Rückschlägen zu analysieren; und auch kritische Töne werden angeschlagen: „Das miese Geschäft mit den Stars aus Brasilien“.

Solide aufgearbeitete Themen, mit denen man auf der sicheren Seite steht, die aber nicht wirklich überraschen. „Infotainment“ will er liefern, sagt Kühne-Hellmessen und mit dieser Einschätzung liegt er nicht daneben. Keiner der Artikel wird zur Überlänge aufgedunsen, viele Informationen werden als Häppchen serviert, der Ton ist manchmal etwas boulevardesk, was auch der Vergangenheit der Redakteure geschuldet ist: Chefredakteur Kühne-Hellmessen, 51, der auch die Aufgaben des Geschäftsführers übernimmt, war für „Bild“ und „Sport Bild“ tätig, bevor er in der Schweiz beim Ringier-Verlag anheuerte. Und Christian Ortlepp, eine von zwei Fachkräften, die die Redaktion Deutschland stellen, war für das „DSF“ und „Bravo Sport“ aktiv.

250.000 Exemplare wurden vom Erstlingswerk gedruckt, das für 3,50 Euro zu haben ist – dafür werden jetzt Leser gesucht. Deutschland ist ein gefährliches Terrain für neue Fußballmedien. Die Jagdgebiete sind seit langem aufgeteilt, wer hier wildern will, muss ausgeschlafen sein: Die wöchentlich erscheinende und schrille „Sport Bild“ verkauft (laut IVW 2/2008) 480.863 Exemplare, der „kicker“, dessen Redakteure als die Buchhalter und Erbsenzähler unter den Sportjournalisten gelten, bringt am Montag 234.633 Hefte unter das Fußballvolk. Am Donnerstag noch mal 203.056 Ausgaben. Das einzige Monatsmagazin, das sich am Markt etablieren konnte, sind die „11 Freunde“, die angeblich 62.115 Magazine verkaufen.

Mit den „11 Freunden“ lagen schon die Monatsmagazine „Player“ und „Rund“ vergeblich im Clinch – beide in Hochglanz, wie auch „Eurosoccer“. Der „Player“ verausgabte sich in exzessiven Fotosessions, unter denen der öfter mal oberflächliche Wortinhalt litt. „Rund“ gelang es nicht, so viel Aufmerksamkeit zu erlangen, um die verkaufte Auflage entscheidend über 30.000 Exemplare zu hieven. „Rund“, so schrieb vor kurzem Ludger Schulze, Ressortleiter der Sportredaktion bei der „Süddeutschen Zeitung“, sei deshalb gescheitert, weil es „viel zu gut“ war. Anders gesagt: Das Gros der deutschen Fußballfans ist konservativ und nicht besonders anspruchsvoll, was seine Lektüregewohnheiten angeht. Was die Optik betrifft, hat „Eurosoccer“ durchaus Marktchancen: Die kommt zwar auf Hochglanz, aber bodenständig und bieder daher.

Die „11 Freunde“ haben ihre Nische gefunden, in der sie sich halten können. Sie stehen unter Artenschutz, sie sind das Kuscheltier unter den deutschen Fußballmedien: Viele mögen es und nehmen es in den Arm, vielleicht auch, weil sie mit ihren oft nostalgisch verbrämten Geschichtchen selten jemandem weh tun – auch nicht der Konkurrenz. Das „Magazin für Fußball-Kultur“ hat sein Klientel unter den Kurvenstehern der Stadien, Gefühlsnostalgikern und den Werbern in Trainingsanzügen gefunden, für die Fußball authentisches Lebensgefühl sein soll.

Von den Lesern der „11 Freunde“ dürfte „Eurosoccer“, das von der Burda Sports Group vermarktet wird, kaum Leser abwerben – für die dürften allein der Name des Magazins und die Kooperation mit dem Fernsehsender „DSF“
Sinnbild des verkommerzialisierten Fußballs sein. Kühne-Hellmessen und sein Team wird außerhalb dieser Nische den ehemaligen Kollegen der „Sport Bild“ und den anderen amtierenden Platzhirschen Marktanteile abnehmen müssen, um sich in Deutschland zu etablieren. Das dürfte sich als schwierig erweisen: Falls „Eurosoccer“ auf Anhieb die verkaufte Auflage der „11 Freunde“ erreichen sollte, können sie in Zürich die Sektkorken knallen lassen, aber mehrmals hintereinander.

P.S.: Der Autor dieses Beitrags war Chefredakteur beim Magazin „Rund“ und ist heute als freier Journalist in Hamburg tätig

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