Roccatune: Die Zukunft des Musikkonsums?

Der Münchner Streaming-Service Roccatune ist das erste Angebot in Deutschland, das seinen Nutzern eine personalisierte Musikbibliothek kostenlos zur Verfügung stellt. Anders als etwa bei Last.fm lassen sich gezielt Playlists anlegen. Dafür finanziert sich das Angebot komplett über Werbung. Am Freitag relauncht Roccatune seine Homepage und startet eine Community-Funktion. Im Gespräch mit MEEDIA gibt CEO Constantin Thyssen Auskunft über eine erzwungene Namensänderung, Finanzen und die Musikindustrie.

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Haben Sie sich im Nachhinein darüber geärgert, dass Sie ihren ersten Namen „adTunes“ aufgeben mussten?
Nein, ehrlich gesagt überhaupt nicht. Wir hatten uns zwar schon sehr daran gewöhnt. Aber wir sind der Meinung, dass wir jetzt einen deutlich griffigeren Namen haben. Der Name adTunes hat zwar unsere gesamte geschäftliche Tätigkeit beschrieben, insbesondere auch den B2B-Bereich. Roccatune ist aber ein Portal, dass sich in erster Linie an den User richtet, so dass wir im Namen auch keinen Verweis auf unsere B2B Aktivitäten benötigen.
Wie ist es eigentlich dazu gekommen? Hat Steve Jobs Sie vor Wut schäumend angerufen?
Nein, wir haben ein langes schriftliches Dokument erhalten, in dem wir aufgefordert wurden, die Firma und den Namen sofort zu löschen. Das haben wir uns so natürlich erstmal nicht gefallen lassen. Wir wollten dagegen vorgehen. Aber wir mussten auch so realistisch sein und uns bewusst machen, dass so ein juristischer Prozess sehr viel Zeit und wohl auch enorme Kosten verschlingen wird. Im Gegensatz zu Apple beschäftigen wir aber keine Legionen von Juristen und außerdem wollen wir uns auf die Arbeit am Portal fokussieren. So haben wir das Ganze eben öffentlich kommuniziert und auch die Chance genutzt, einen Namen zu suchen, der international besser funktionieren wird. „Roccatune“ impliziert Musik, ist aber auch etwas undefiniert – ohne dabei einer dieser Namen zu sein, die überhaupt gar keinen Sinn ergeben.
Sie sind jetzt eineinhalb Monate online. Wie schaut es aus mit Anzeigen und Werbekunden?
Diesen Monat hat ein großer Burger-Brater eine umfangreiche Kampagne bei uns gebucht, wo wir auch eine neue Werbeform etablieren konnten. Es ist für uns natürlich sehr wichtig, dass wir solche Initiativen aufzeigen können. Und wir haben relativ viele Buchungen für September und Oktober. Da können wir uns in keiner Weise beklagen.
Wenn es so weiter geht: Wann macht Roccatune Geld?
Geld machen wir schon jetzt. Aber: Wenn sich die Dinge weiter so entwickeln wie im Moment, gehe ich davon aus, dass wir noch dieses Jahr operativ in den Break-even-Bereich kommen. Operativ – nicht insgesamt; da müssen wir noch ein bisschen mehr machen.
Zuerst Sony BMG, dann EMI Music, Warner Music – und weitere kleinere Labels. Nur noch Universal fehlt. Warum?
Das bedauern wir natürlich. Wir hätten auch sie gerne an Bord. Aber wir hätten Roccatune auch ohne ein einziges Major-Label gestartet. Denn das Portal stellt Musik erstmals wirklich vollkommen interaktiv und kostenlos dem User zur Verfügung. Dass wir dann das erste und das zweite Major-Label gewonnen haben, war für uns ein wahnsinniges Erfolgserlebnis. Dass dann noch ein drittes dazugekommen ist, hätten wir in unseren kühnsten Träumen nicht in Erwägung gezogen. Wir können nur hoffen, dass wir Universal bald dabei haben.
War es schwer, die Labels davon zu überzeugen, ihre Musik dem Gratisdienst Roccatune zur Verfügung zu stellen?
Die Entwicklung im Werbemarkt und die hohe Breitband-Penetration in Deutschland ermöglichen ganz neue Finanzierungen. Roccatune ist ein neues Konzept, das auf alten Vergütungsstrukturen aufsetzt. Damit haben wir die Labels überzeugen können. Es hat lange gedauert, ich habe die ersten Gespräche mit den Major-Labels schon vor über einem Jahr Jahr geführt. Man war interessiert, aber die intensiven Verhandlungen begannen erst zum Jahreswechsel.
Glauben Sie, dass die Musikindustrie die veränderte Realität nun offensiver und mutiger angeht?
Ja, mit Sicherheit. Man hat erkannt, dass das Aufrechterhalten der alten Strukturen so nicht mehr funktioniert. Es funktioniert weder die alte Vermarktung, noch die alte Promotion. Man sieht es immer wieder, dass ganz neue Künstler bei YouTube und MySpace entdeckt werden, die sich selbst vermarktet haben. Allein in dieser Richtung haben die Labels sehr viel lernen müssen. Heutzutage ist es nicht mehr so, dass der User ein Produkt kauft und besitzt, so wie wir das alle gelernt haben, sondern dass Musik ein Dienst geworden ist.
Ist Roccatune mehr Radio oder mehr Musikladen?
Das kommt ganz darauf an, mit welcher Motivation man dieses Portal betritt. Diejenigen, die ganz gezielt suchen, werden finden; diejenigen, die stöbern wollen, werden finden und Neues entdecken; und diejenigen, die keine Ahnung haben, die können sich ganz einfach berieseln lassen. Das hat dann einen deutlichen Radio-Charakter.
Auch ohne Universal ist das Angebot von Roccatune uferlos. Ist es nicht mittlerweile an der Zeit, den Nutzern eine Auswahl zu präsentieren?
Absolut. Dabei ist der Umfang des Katalogs im iTunes Music Store noch deutlich größer. Das Problem, das alle digitalen Medien-Stores haben: Man hat nur eine Startseite und man kann auf dieser Startseite nur soundsoviele Titel unterbringen. Wir finden unsere Startseite aktuell vollkommen überladen. Sie lädt lange und es ist zuviel Content drauf, das verwirrt die User. Wir werden das noch in dieser Woche umstellen. Es wird eine neue Startseite geben. Jeder angemeldete User bekommt dann seine persönlich Einstiegsseite, auf der er jedes Mal gezielt neue Empfehlungen bekommt.
Regelt das auch die Community?
Ja, genau. Diese Woche wird übrigens auch die Community online gehen. Zentraler Bestandteil einer Community ist natürlich die Profilseite. Man wird nicht nur in der eigenen Profilseite stöbern können, sondern auch in der Seite eines jeden anderen Users. Das heißt, die User übernehmen einen gewissen Content-Management-Job. So wird die Vielfalt der Content-Präsentation fast explodieren.
Viele Leute wird es stören, wenn nach einem intensiven Musikerlebnis plötzlich irgendeine Werbung losdröhnt. Das könnte insbesondere für Hörer von klassischer Musik inakzeptabel sein. Wird es auch einen werbefreien Zugang gegen Bezahlung geben?
Selbstverständlich. Das ist eine Frage, die uns auch alle Labels im Rahmen der Verhandlungen gestellt haben. Es gibt Nutzer, die Roccatune als Vorhörportal nutzen, bevor sie sich die CD kaufen. Und bevor wir diese User irgendwo anders hinschicken, sollten sie natürlich direkt auf dem Portal die Musik kaufen können. Ob wir nun am Anfang über Kooperationen arbeiten werden oder tatsächlich selber einen Musik-Store einsetzen, haben wir noch nicht entschieden. Außerdem wollen wir die vollumfängliche Nutzung per Abonnement anbieten – ohne Audio-Werbung, für einen kleinen monatlichen Beitrag.
Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft von Roccatune?
Dass wir ein werbefinanziertes Standbein im digitalen Markt darstellen – und uns zu einer der wichtigsten Musik-Seiten im Netz entwickeln.

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