Dichands „Krone“ will den Kanzler machen

Österreich befindet sich im Wahlkampf. Nach dem Scheitern der großen Koalition kämpft die ÖVP verzweifelt um Wählerstimmen. Denn die Meinung von etwa der Hälfte der wahlberechtigten Österreicher wird von Hans Dichands „Kronen Zeitung“ bestimmt und die schießt scharf – beinah ausschließlich gegen die ÖVP. Am härtesten trifft es derzeit, wie die „FAZ“ berichtet, die noch amtierende Außenministerin Ursula Plassnik, die sich einen offenen Schlagabtausch mit dem Populistenblatt liefert.

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Das Szenario gerät zu einer unschönen Posse, es könnte auch in Berlusconi-Land jenseits des Brenner stattfinden. Da reimt ein Kolumnist fast täglich in der „Krone“ und schüttet seinen Spott über Plassnik aus: „Für Leute von Frau Plassniks Schlage / ist die EU, ganz ohne Frage / von Vorteil und verbürgt Gewinn. / Fürs Volk jedoch ist wenig drin, / es sei denn: Teurung und Frust, / Transitpest, Genfraß, Jobverlust, / Lohn- und Pensionsstopp, kranke Kassen, / Bevormundung, Migrantenmassen, / Sozialabbau und Teurofighter, / Unimisere usw. / Das freilich ist Frau Plassnik ferne. / Sie denkt an sich – und die Konzerne!“

Dass sich das Land jetzt überhaupt im Wahlkampf befindet, hat auch etwas mit der weltweit größten Tageszeitung – gemessen an der Einwohnerzahl Österreichs – zu tun. Der schier allmächtige Dichand baute eine derart starke Anti-EU-Stimmung auf, dass Kanzler Alfred Gusenbauer und Infrastrukturminister Werner Faymann Anfang Juli in einen offenen Brief in der „Krone“ die Kehrtwende ihrer Europapolitik verkündeten. Dies war der Anlass für die ÖVP, die sich seit jeher als Europa-Partei versteht, aus der Koalition auszusteigen.

Seitdem herrscht Krieg zwischen Dichand und der ÖVP. Dabei kam es auch zu unmoralischen Angeboten seitens des Verlegers. Bei einem Besuch im Wiener „Krone“-Haus hat er zu Plassnik gesagt: „Ich weiß, wie Sie Ihre Partei und diese Regierung retten können, indem Sie für eine Volksabstimmung über den EU-Reformantrag sind!“ Als die Außenministerin dies publik machte, stand sie ganz oben auf der Abschussliste der „Krone“. Mit diesem inszenierten Volksbegehren unterhöhle man die repräsentative Demokratie Österreichs. Es sei egal, wer dann Kanzler wird, „weil er so oder so nur noch eine Marionette ist, deren Fäden Onkel Hans zieht“, so Plassnik.

Wer auch immer das Rennen bei den jetzigen Nationalratswahlen macht, eine Politik jenseits der Vorstellungen Hans Dichands scheint kaum möglich. Damit dient die Alpenrepublik als Paradebeispiel, wie Politik und publizistische Macht langsam verschmelzen. Irgendwie besorgniserregend, so mitten in Europa.

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