China 2.0: Jack Mas Web-Gigant Alibaba

Publishing Im Windschatten von Amazon, eBay und Yahoo hat sich in den vergangenen Jahren heimlich, still und leise ein neuer aufstrebender Player etabliert, der die Online-Pioniere der ersten Generation schon bald herausfordern könnte. Alibaba heißt der neue Angreifer, der – natürlich – aus dem Reich der Mitte kommt. Wenn heute das Olympische Feuer in Peking entzündet wird, schaut die Welt gespannt nach China. Die 29. Olympischen Spiele sind die Krönung einer einzigartigen wirtschaftlichen Aufholjagd.

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Die Globalisierung, dieser erste große Megatrend des 21. Jahrhunderts, ist in erster Linie eine chinesische Erfolgsgeschichte. Mit Wachstumsraten von mehr als 10 Prozent, die der frühere US-Notenbankpräsident Alan Greenspan einen „in der Geschichte einmaligen Anpassungsprozess“ nannte, prescht die chinesische Konjunktur seit der Jahrtausendwende in Richtung Weltspitze. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist China hinter den USA, Japan und der Bundesrepublik bereits die viertgrößte Wirtschaftsmacht, die nach Berechnungen der Investmentbank Goldman Sachs den USA schon 2040 den Spitzenrang ablaufen könnte.

Befeuert wird Chinas Hunger nach Wachstum maßgeblich vom Westen. Kein international tätiges Großunternehmen kann es sich angesichts des noch immer konkurrenzlos günstigen Lohnniveaus inzwischen mehr leisten, seine Produktionsprozesse nicht ins chinesische Riesenreich auszugliedern. Unter der seltsamen Symbiose von dogmatischem Sozialismus und dem „urwüchsigsten Kapitalismus seit den wilden Zeiten der industriellen Revolution“ (Gabor Steingart, „Weltkrieg um Wohlstand“) ist China damit zur ultimativen Werkhalle der Welt aufgestiegen.

Und nicht nur das: Auch der Knotenpunkt des Welthandels liegt längst in der Volksrepublik. Genauer gesagt in gut gesicherten Serverräumen in der 6,6 Millionen Einwohner zählenden Metropole Hángzhou, knapp 200 Kilometer vom glamourösen Shanghai entfernt. In der Hauptstadt der Provinz Zhejiang ist nämlich nicht nur der größte Onlinemarktplatz der Welt ansässig, sondern mit ihm auch ein Firmenchef, dessen Ego es problemlos mit den Lichtgestalten der digitalen Wirtschaft aufnehmen kann.

„Wir wollen eine Weltklassefirma im elektronischen Handel werden“, diktierte der erst 43-jährige Jack Ma, Gründer und Vorstand des Internet-Konglomerats Alibaba, dem „Spiegel“ im vergangenen November etwa. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Ma mit forschen Sprüchen für Aufsehen gesorgt: „Wir schlagen eBay, kaufen Yahoo und stoppen Google“, setzte sich der ehemalige Englisch-Lehrer seinerzeit schon hohe Ziele.

So weit ist es zwar noch lange nicht. Doch Alibaba.com hat bereits jetzt seinen festen Platz unter den Schwergewichten des Dot.com-Sektors gefunden. Mit über 25 Millionen Kunden ist die Tochtergesellschaft Alibaba.com, die als klassische B2B-Plattform den Handel zwischen kleinen bzw. mittleren Unternehmen und Großkonzernen ermöglicht, schon heute der meistbesuchte Online-Marktplatz der Welt. „Millionen chinesischer Firmen hängen inzwischen von uns ab“, erklärte Ma dem Hamburger Nachrichtenmagazin, „eine halbe Million davon würde wohl pleitegehen ohne uns – ihr Verkauf, ihr Marketing, alles läuft über Alibaba.“

Mehr noch: Zum Alibaba-Universum zählt auch die klassische Auktionsseite Taobao, die als Chinas Antwort auf eBay gilt, sowie AliPay, das chinesische Synonym zu Yahoos Online-Bezahldienst PayPal. Zugleich hat Ma schon vor Jahren vom kriselnden US-Online-Pionier das chinesische Portalgeschäft gegen eine Minderheitsbeteiligung durch Yahoo erworben, weswegen Alibaba nun auch zum unbeteiligten Spielball im Übernahmepoker durch Microsoft geworden ist.

Das gefällt dem ambitionierten Selfmade-Unternehmer Jack Ma, der das Internet 1995 in den USA entdeckte, gar nicht. Im Falle einer Yahoo-Übernahme durch Microsoft wolle Ma den 39-Prozent-Anteil wieder zurückkaufen, hieß es deshalb schon aus Unternehmenskreisen. Der Zeitpunkt dafür stünde nicht mal schlecht: Sowohl die Yahoo-Aktie als auch die Papiere der seit Ende letzten Jahres börsengelisteten Tochtergesellschaft Alibaba.com sind im Zuge der Finanzmarktkrise stark eingebrochen.

Dabei hatte das Börsendebüt im November 2007, das nach Google zum zweitgrößten der Branche wurde, noch so traumhaft begonnen. Angesichts von Kursen über 40 Hongkong-Dollar zum Handelsstart (Ausgabekurs: 13,50 Hongkong-Dollar) müssen sich Aktionäre gefühlt haben wie einst in den Märchen aus 1001 Nacht. Zur Schatztruhe wurde ein mit Alibaba-Papieren gefülltes Aktienportfolio indes nicht. Im Gegenteil: Bei Kursen von gegenwärtig unter 10 Hongkong-Dollar hat Chinas neben Baidu.com zweites hochgewettetes Internetunternehmen in einem Dreivierteljahr drei Viertel seines Börsenwertes verloren, wird aber immer noch mit knapp 7 Milliarden US-Dollar bewertet.

Der Absturz ist dabei allerdings mehr der seinerzeit euphorischen Bewertung mit einem KGV von weit über 200 und dem Platzen der Asienblase geschuldet als den Enttäuschungen im Kerngeschäft. Alibaba.com wächst weiter im Rekordtempo, das an beste Dot.com-Frühzeiten erinnert. Im vergangenen Geschäftsjahr konnte die B2B-Plattform den Konzerngewinn um 200 Prozent steigern, während die Umsätze um 59 Prozent anzogen.

Dass sich Wachstumsraten in solchen Dimensionen im aktuell eher ungemütlich konjunkturellen Umfeld nicht zwangsläufig fortschreiben lassen, weiß auch der Selfmade-Milliardär Ma. In einer internen Mail an die Mitarbeiter wurde der 43-Jährige deutlich: „Ich glaube, dass sich die Weltwirtschaft in einer schwierigen Lage befindet. Und die Herausforderung wird viel größer sein, als irgendjemand es für möglich gehalten hat“. Herausforderungen jedoch, so viel scheint klar, hat Ma indes noch nie gescheut: „Wir wollen die beste, respektierteste Firma in China werden und in der ganzen Welt“, hatte der Alibaba-Gründer zum IPO die wenig bescheidene Maxime ausgegeben. Auch das ist Globalisierung.

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