„Zeit“ kämpft weiter gegen Rechtsextreme

Ein ungewöhnliches Projekt: Seit drei Monaten tritt „Die Zeit“ mit ihrem Internet-Portal „Netz gegen Nazis“ aktiv gegen Rechtsradikale ein. Was wie eine soziale Feigenblatt-Aktion klingen könnte, entwickelte sich jedoch zu einem höchst erfolgreichen Web-Projekt. So zählt die Seite bislang über 2,5 Millionen Besucher, davon über 5000 registrierte Mitglieder, und sorgte für viel mediale Aufmerksamkeit. Es ist nur konsequent, dass „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo das Projekt nun verlängert.

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„Hunderttausende engagierte Bürger haben unser Angebot in den ersten Wochen genutzt, haben diskutiert und ihre Erfahrungen im Kampf gegen Rechtsextremismus ausgetauscht. Das hat uns und unseren Partnern Mut gemacht, das Projekt fortzuführen“, sagt di Lorenzo. Als Kooperationspartner arbeitet die Wochenzeitung unter anderen mit dem ZDF, dem Deutschen Fußball-Bund und der VZ-Gruppe (schülerVZ, studiVZ, meinVZ) zusammen.

Die Idee hinter dem Portal folgt der Logik, dass wer wirklich etwas gegen die Ausbreitung von Rechtsextremismus unternehmen will, die Dorffeste, Bushaltestellen und Schulhöfe erreichen muss. „Gerade dort ist die Unsicherheit am größten, weil es keine Dienstvorschriften für den Umgang mit dem rassistischen Nachbarn gibt“, sagt der verantwortliche Zeit-Redakteur Toralf Staud gegenüber MEEDIA. „Unser Internet-Portal soll praktische Hilfe für die alltäglichen Auseinandersetzungen bieten.“

Diesen Anspruch erfüllt die Webseite in seinen zwei Haupt-Kategorien „Handeln“ und „Wissen“. In der Rubrik „Handeln“ können die Nutzer ihre Erlebnisse mit Nazis aufschreiben und über den – jeweils situationsbedingt – richtigen Umgang mit Rechtsextremen diskutieren. Unter der Überschrift „Wissen“ bietet das Netz gegen Nazis ein großes Online-Lexikon zum Thema. „Unsere gesamte Enzyklopädie ist redaktionell betreut. Anders als bei Wikipedia können hier deshalb keine Nazis mitschreiben“, sagt Staud. Als weitere Elemente beinhaltet das Portal die Video-Kolumne „Zehn Sekunden gegen Nazis“, in der Prominente wie Michael Ballack oder Marietta Slomka erklären, warum sie gegen Nazis sind. Darüber hinaus gibt die tägliche Presseschau „nach dem Rechten sehen“ einen Überblick über aktuelle Medienberichte zur braunen Szene.

Für die Wochenzeitung ist das Portal kein kleines Nebenprojekt: „Insgesamt arbeiten an der Seite eine vierköpfige Redaktion sowie acht professionelle Moderatoren, die 16 Stunden täglich die Foren betreuen.“ Die Überwachung soll verhindern, dass die Diskussionen von Nazis gestört oder gar abgewürgt werden.

Dass sich gerade „Die Zeit“ unter ihrem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im Web aktiv dem Kampf gegen Nazis widmet, ist wenig überraschend. Schon lange beschäftigt und engagiert sich di Lorenzo gegen den rechten Rand. Bereits 1984 schrieb er ein Buch über einen inhaftierten, rechtsradikalen Schulfreund. 1992 organisierte der Chefredakteur in München die ersten deutsche Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit.

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