Die jungen Erben von MTV

Der Musikkonsum hat sich mit der Breitband-Internetverbindung stark verändert. Auch Videos können heute in akzeptabler Qualität aus einer Vielzahl von Quellen auf beliebige Bildschirme gestreamt werden. Auch wenn den Sites Jogli und Tape.tv unterschiedliche Konzepte zugrunde liegen – bei beiden können sich die Nutzer ihr eigenes Programm zusammenstellen. Sie zeigen anschaulich, warum das gute alte Musikfernsehen von MTV sterben dürfte und was die Musikindustrie erschüttert.

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Das israelische Start-up Jogli durchsucht Websites wie YouTube nach Audio- und Video-Clips, indiziert das Material und stellt es seinen Nutzern zur Verfügung. Ist Jogli deshalb nur ein weiteres Musik-Aggregations-Portal?

Mit mehr als 500 Millionen Songs und zwölf Millionen Alben dürfte Jogli derzeit die wohl umfangreichste virtuelle Musikbibliothek der Welt sein. Sie beeindruckt durch ihre schiere Größe. Zu fast jeder Anfrage gibt es irgendein passendes Ergebnis. Wer bringt angesichts dieser unbegreiflichen Menge des Angebots noch die Muße auf, irgendeine CD zu suchen oder gar zu kaufen? Wozu noch die Mühe eines Downloads auf sich nehmen?

Wettrennen um das umfangreichste Unterhaltungsangebot im Netz

Doch das Verfahren von Jogli hat auch seine Tücken. Nicht in jeder Verpackung steckt drin, was das Äußere verspricht. Wir haben nach Alben gesucht und diese Alben gefunden. Doch es ist keineswegs sicher, dass die gefundenen Stücke auch in der Version des jeweiligen Albums vorliegen. Für Joni Mitchells „Travelogue“ zeigt Jogli zwar brav alle Titel an, auch die Texte erscheinen auf Mausklick; doch die einzelnen Songs stammen entweder von anderen Studioeinspielungen oder es sind Live-Aufnahmen.

Jogli führt dabei auch vor Augen, dass das Wettrennen um das umfangreichste Unterhaltungsangebot im Netz an seine Grenzen stößt. Die Masse der Funde erzeugt nicht mehr reine Freude, sondern bereits Beklommenheit. Statt weiterer quantitativer Steigerung kommt es deshalb heute auf bessere Aufbereitung an. In dieser Hinsicht ist beispielsweise Peter Gabriels „The Filter“ zukunftsweisend. Außerdem ist Jogli von Material abhängig, das das Unternehmen nicht hostet und wofür es auch keine Lizenzen besitzt. Die Quellen, die heute so unerschöpflich scheinen, könnten bald versiegen.

Tape.tv verfolgt einen anderen Ansatz. Der optisch ansprechende Service bietet Musikvideos-on-Demand. Die Clips sind hochwertig und stammen direkt von den Labels. Auch Tape.tv ist kostenlos. Allerdings müssen die Nutzer dafür Werbe-Filme über sich ergehen lassen.

Lieblings-Musikvideos am laufenden Band

Hinter dem Berliner Start-up steht keine revolutionäre Idee. Pandora, Deezer, Last.fm und viele andere Streaming-Dienste bieten ähnliche musikalische Quellen und Filter. Allerdings senden diese Web-Radios bislang Audio. Tape.tv dagegen verfügt derzeit über rund 12.000 Videos, darunter auch von Major Labels; immerhin findet man bei Tape.tv auch Madonna oder Amy Winehouse. Ob das Erlöskonzept aufgeht, ist fraglich. Denn was sich bei Audio geradezu aufdrängt, muss bei Video nicht unbedingt funktionieren: der personalisierbare Nebenbeikonsum, auf den Tape.tv abhebt.

In dieser Art der Unterhaltung zeigt sich die ganze Widersprüchlichkeit webbasierten Medienkonsums. Das MTV der 1980er und noch 1990er Jahre funktionierte als Sender für eine ganze Generation. Zwar war das Programm nicht ständig nach dem Geschmack jedes Zuschauers; aber jeder war im Bilde darüber, was die anderen kannten. MTV vereinte.

Die Nutzer-Profile von Tape.tv ermöglichen nun eine Unterhaltung, die genau auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten sein soll. Um den Preis, mit diesem hochindividualisierten Konsum den Kontakt zu den Mitmenschen zu verlieren. Tape.tv versucht, dieser Gefahr zu begegnen. Da nicht nur Individualität das Web2.0 bestimmen, sondern vor allem Kommunikation, kann der Einzelne bei Tape.tv seine Lieblingsvideos mit echten oder imaginären Freunden „teilen“.

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