Eine Branche liegt im Sterben

Kein anderes Publikumszeitschriften-Segment leidet so stark unter der riesigen Internet-Konkurrenz wie die Magazine für Computer- und Videospiele. Auflagenverluste von 20% und mehr waren im ersten Quartal an der Tagesordnung und zehren indirekt auch an den Werbe-Umsätzen. Bauers "Bravo Screenfun" verlor sogar mehr als die Hälfte der 2007er-Auflage. Ist das Games-Genre das erste Print-Segment, dessen Publikum komplett in die elektronischen Medien abwandert?

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19,3%, 25,2%, 24,9%, 13,0%, 24,3%, 15,6% und 57,5% – das sind die Lotto-Zahlen des Grauens. Kein einziges der zehn laut IVW auflagenstärksten Games-Magazine hat im ersten Quartal weniger als 13% seiner verkauften Auflage aus dem Vorjahreszeitraum verloren. Von Zugewinnen können die Verleger nur träumen. Marktführer „Computer Bild Spiele“ sackte beispielsweise von 414.319 verkauften Heften auf nur noch 334.391 Stück ab – ein Minus von 19,3%. Noch vor drei Jahren verkaufte der Titel aus dem Hause Axel Springer fast doppelt so viele Hefte. IDGs „GameStar“ rutschte um 25,2% auf nunmehr 187.281 verkaufte Exemplare, Computecs „PC Games“ um 24,9% auf jetzt 144.364 Hefte. In unserem Meedia-Analyzer, in dem die IVW-Auflagen seit 1998 recherchierbar sind, sieht die Situation der drei Marktführer seit 2005 so aus:

Zahlen direkt aus dem Horror-Kabinett liefert „Bravo Screenfun“ aus dem Heinrich Bauer Verlag ab: Nur noch 29.704 Hefte des arg gebeutelten Titels, der seit Kurzem unter neuer redaktioneller Aufsicht steht, setzte man im ersten Quartal ab. Im Vorjahreszeitraum waren es wenigstens noch 69.874, im Jahr 2000, den Hochzeiten des Magazins, waren es 321.177. Mit anderen Worten: Die aktuelle verkaufte Auflage beträgt nicht einmal mehr 10% des Rekordwertes aus dem Jahr 2000. Der Verlag hat auch nicht etwa die sonstigen Verkäufe abgebaut, über die Jahre ging fast ausschließlich echte, am Kiosk verkaufte Auflage verloren.
Selbst der Mega-Erfolg von Nintendos Spielkonsole Wii hat dem Segment keine neuen Käufer beschert. Das einzige von der IVW ausgewiesene Magazin für Nintendo-Fans, Computecs „N-Zone“ verkaufte im ersten Quartal 2008 ganze 23.549 Hefte – ein Minus von 13,7%. Für das an ältere Zielgruppen gerichtete „Wii Player“ weist der Verlag keine verkaufte Auflage aus, allerdings wurde die Erscheinungsweise kürzlich von zweimonatlich auf vierteljährlich geändert. Auch nicht gerade ein Erfolgssignal.
Haupt-Verantwortlicher für den Niedergang des Genres dürfte das Internet sein. Hunderte professionelle und semi-professionelle Anbieter beglücken die Zielgruppe mit Spieletests, News, Trailern und Tipps, dazu kommen Tausende Hobby-Projekte mit teilweise erstaunlicher Qualität. Ein Magazin, das nur einmal pro Monat erscheint, kann in Sachen Aktualität einfach nicht mehr mithalten. Zudem ist das Internet gerade für junge männliche Zielgruppen längst zum großen Teil des Medienkonsums geworden, Magazine auf totem Holz wirken da eher antiquiert. Aufgeben wollen die Verlage trotzdem nicht: Selbst in diesen großen Krisenzeiten kommen neue Magazine auf den Markt: Im März startete die kleine Airmotion GmbH eine deutsche Lizenzausgabe des britischen „Games TM“, im Herbst bringt Panini unter den Namen „ConsolPlus“ und „GamersPlus“ deutsche Versionen der österreichischen Magazine „consol.AT“ und „gamers.AT“ auf den Markt. Den Umschwung des sterbenden Genres werden auch sie nicht einleiten.

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