Die verlorene Jugend der ARD

Die ARD und die deutschen Zeitungsverleger sind in der Not vereint. Beiden, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und der Tageszeitung, kommt die junge Zielgruppe abhanden, die ins Internet abwandert. Der durchschnittliche ARD-Zuschauer ist mittlerweile über 60 Jahre alt. Der Marktanteil der ARD bei den 14- bis 49-Jährigen lag im März bei katastrophalen 6,9 Prozent. RTL kam auf 15,8 Prozent. In Bonn suchten die ARD-Bosse nach einem Heilmittel gegen die Publikums-Vergreisung.

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Die Idee dahinter ist simpel: Weil die Jugend sich verstärkt online tummelt, muss die ARD ihre jungen Zuschauer vor allem im Netz erreichen. Mit Argumenten wie diesem wollen die  Intendanten um ihren derzeitigen Vorsitzenden, Fritz Raff vom Saarländischen Rundfunk, Einfluss nehmen auf den kommenden, Achtung ARD-Wort, 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag. Das Papierwerk hinter dem Wortungetüm ist immens wichtig für die öffentlich-rechtlichen TV-Macher, denn es legt fest, was sie online mit ihrem Gebüherngeldern alles dürfen und was nicht. Derzeit kursiert ein Entwurf des Vertrages, der Raff und Co. gar nicht gefällt, weil er die Handschrift der Verleger-freundlichen Ministerpräsidenten Günther Beckstein (Bayern) und Günther Oettinger (Baden-Württemberg) trägt. Der Entwurf sieht vor, dass die ARD-Sender nur Texte online stellen dürfen, die sich konkret auf TV-Programminhalte beziehen. Außerdem sollen diese Texte sieben Tage nach Ausstrahlung des betreffenden Programms wieder entfernt werden. Explizit heißt es in dem Papier: „Eine elektronische Presse findet nicht statt.“ Damit können und wollen die ARD-Sender natürlich nicht leben. ARD-Mann Raff warnt angesichts des Entwurf vor dem Rückfall in ein „elektronisches Mittelalter“ und hat auch eine genehme Alternative parat: Man möge sich doch bitteschön an einer entsprechenden EU-Richtlinie halten, die es den Sendern mehr oder minder komplett selbst überlässt, was sie online tun und lassen. „Online“, so Raff, „ist kein Nebenschauplatz, sondern elementar für die Zukunftsfähigkeit des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks.“

Dass Raff und das Old-Boys-Network der ARD-Chefetage den Rundfunkänderungsstaatsvertrag in ihrem Sinne beeinflussen, darf angenommen werden. Anders als in Programmfragen, stellt sich die ARD bei politischer Lobby-Arbeit und der Ausweitung ihrer Kompetenzen stets geschickt an. Neben den öffentlichen Warnungen vor „Zensur“ und „Mittelalter“ haben ARD und ZDF längst die Abwehrfront der Zeitungsverleger gegen ihre Online-Pläne zum bröckeln gebracht. Das süße Gift, das die Sendeanstalten den Verlagen verabreichen heißt „Bewegtbild“. ARD und ZDF haben vor einigen Wochen den Verlagen angeboten, ihnen bewegte Bilder für ihre Online-Portale zur Verfügung stellen. Der WDR hat sich mit der Essener WAZ Gruppe schon geeinigt und liefert künftig Videos für das WAZ-Portal derwesten.de. Weitere Kooperationen stehen kurz vor dem Abschluss. Weil sie keine Konzepte für eigene Videoformate haben und ein paar Euros sparen können, legen sich die Verlage mit den Öffentlichen ins gemachte Bewegtbild-Bett. Verleger-Kritik an der Online-Expansion von ARD und ZDF wirkt nicht länger glaubwürdig.

Für die Online-Offensive der ARD schaut es also ganz gut aus. Im klassischen TV läuft es weniger rund.  Peinliche Formate wie die Styling-Show  „Bruce“ oder die Kuppel-Show „Ich weiß, wer gut für dich ist“ sollen nicht mehr vorkommen, versprach Programmdirektor Günter Struve. Dies sei „Tralala“ gewesen, bei dem die ARD „amateurhaft“ dahergekommen sei. Hätte man auch vorher wissen können, aber gut. Stattdessen werden auf der ewigen ARD-Baustelle am Vorabend nun Erfolgsserien wie „Berlin, Berlin“ und „Türkisch für Anfänger“ wiederholt, bis einem etwas Besseres einfällt. Und das kann dauern. Struve wüsste zwar wie es schneller geht: Er verkündete, mit einem Aktionsplan „mehr Sport, weniger Politik“ könne er den Marktanteil bei den Jungen in einem Jahr um einen Prozentpunkt erhöhen. „Aber das würde unsere Seele kosten“, so Struve.

Stattdessen haben die ARD-Gremienvorsitzenden die Intendanten beauftragt, eine „eine Gesamtstrategie zur Jugendansprache“ zu entwickeln. RTL und Co. müssen erstmal keine Angst haben.

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