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Presseschau

Reichelt vs. Krömer: So gehen die Meinungen auseinander

Szene aus "Chez Krömer" mit Julian Reichelt

Die "Chez Krömer"-Folge mit Julian Reichelt war in der Medien-Bubble hoch umstritten - Foto: RBB

Julian Reichelt war bei der Talksendung von Kurt Krömer zu Besuch. Der Schlagabtausch zwischen dem Humoristen und dem Ex-„Bild“-Chefredakteur sorgte für zahlreiche Reaktionen in den Medien. Von „Am Ziel vorbei“ bis zum Versuch, Reichelt „mit den eigenen Waffen zu schlagen“.

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Mit Humor hat die RBB-Sendung „Chez Krömer“ mit dem gleichnamigen Humoristen Kurt Krömer eigentlich wenig zu tun. Das Format, das vom Namen her gemütlich anmutet, gibt es bereits seit 2019 und zeigt inzwischen in der siebten Staffel, wie Krömer prominente Gäste mit Berliner Schnoddrigkeit, ausgestattet mit einer Akte, im „Verhörzimmer“ ein halbe Stunde in der Regel recht hart befragt. Zum Lachen ist einem da selbst als ungefährdeter Zuschauer wenig zumute. Höchstens aus Schmerz und Scham darüber, was Krömer in seiner Rolle als Inquisitor zu fragen wagt.

Sendung mit Julian Reichelt Erfolg bei YouTube

Für besondere Aufmerksamkeit sorgte die aktuelle Folge mit dem ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Noch vor der TV-Ausstrahlung im RBB am Dienstag sicherte sich die Folge tags zuvor den beachtlichen zweiten Platz in den deutschen YouTube-Charts mit über 500.000 Aufrufen, inzwischen sind es nach knapp zwei Tagen über eine Million.

„Die gefährlichste Talkshow im deutschen Fernsehen“

Auch medial fand die Folge viel Beachtung. Von „Spiegel“ über „Zeit“ bis zur „Augsburger Allgemeinen“ berichteten bundesweite und regionale Angebote über die Sendung mit Gast Julian Reichelt. Beim „Spiegel“ ordnet man „Chez Krömer“ als die „gefährlichste Talkshow im deutschen Fernsehen“ ein, kommt trotzdem zu dem Schluss, dass Krömers Format zwar die aggressivste Arena im TV sei, aber an Julian Reichelt habe Krömer sich vergeblich abgearbeitet – so das Urteil aus Hamburg, das gleich eingangs im Plus-Artikel zu lesen ist. Gerade, dass Krömer versuchte Reichelt über seine Beziehungen am Arbeitsplatz oder seinen Drogenkonsum entgegenzutreten, legt der „Spiegel“ dem Moderator negativ aus. „Das wäre ein zynischer Tugendterror, wie ihn ‚Bild‘ selbst einst unter Reichelts Leitung oft verbreitete.“ Und weiter fragt Autor Christian Buß ob Reichelt tatsächlich noch ein solches Unheil sei, „dass man zu dessen Mitteln greifen muss, um es abzuwenden“.

„Zeit“: Eine Entlarvung für Entlarvungsformate

Auch bei den Hamburger Kollegen der „Zeit“ sieht man das Problem eher bei Kurt Krömers Methodik. Das Format entlarve nicht „Julian Reichelt, sondern Entlarvungsformate“ ist im Artikel von Johannes Schneider zu lesen. Von Homöopathen-Eltern über „Bild-Rassismus bis Drosten-Kampagne und Machtmissbrauch – mit dem Gestus der Ruhe habe es Reichelt geschafft, „dass Krömer der zu werfende Dreck an den Fingern kleben blieb“. Schlecht-aussehen-lassen-Wollen aufgrund von Antipathie reiche eben bei Reichelt nicht. Ganz im Gegenteil: So wirkte Krömer laut Schneider selbst wenig seriös, wenn er sich mit simpelsten Methoden auskontern ließ und „offensichtlich außer den vorbereiteten Fragen keinen Überbau im Kopf hat“.  Bei dem Versuch, ihn auf diese Art beizukommen, gäbe es also „nichts zu gewinnen und offensichtlich einiges zu verlieren.“ 

Das Video: Julian Reichelt zu Gast bei „Chez Krömer“ mit Kurt Krömer

„Süddeutsche“: Viel Aufmerksamkeit für einen schlechten YouTuber

Für Laura Hertreiter und Nele Pollatschek von der „Süddeutschen“ (Plus-Artikel) taugt die „Chez Krömer“-Folge als journalistisches Antibeispiel. Die Sendung habe gezeigt, wie „wie man Julian Reichelt besser nicht interviewt“.  Eingangs stellen die Autorinnen die Grundsatzfrage, wieso Reichelt überhaupt interviewt werden müsse. Schließlich verdiene niemand diese Aufmerksamkeit, der einen „nicht besonders guten YouTube-Kanal führt, den zwar etliche Medienmenschen klicken, der aber zu Recht weniger Follower hat als viele Foodblogger“. Der konkrete Vorwurf an Krömer lautet, was Lanz gekonnt umsetze, nämlich seine Gäste mit Ruhe und freundlichem Nachfragen aus der Ruhe zu bringen, das sei bei „Chez Krömer“ eher Julian Reichelt geglückt. Da müsse sich der Gast keine Mühe mehr geben, um wie Schwiegersohnmaterial zu wirken. Das Gleiche gelte für die Methoden, etwa für die anonymisierte Frau, die bezeugen sollte, dass Reichelt Kokain genommen habe. Es sei bereits unlauter, wenn Springer-Journalisten „anonyme Aussagen als Fakt darstellen – so etwas aber dann im Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders zu machen, geht nach hinten los“. Für die Autorinnen ist klar, „wenn deutsche Medienmacher mit Reichelt weiter so verfahren, könnte der Youtuber bald wieder ganz gut ins Geschäft einsteigen“. 



„Augsburger Allgemeine“: Skandalfrei durch die Sendung

In der „Augsburger Allgemeinen“ bezeichnet Jonathan Lindemaier die Sendung „Chez Krömer“ als den Folterkeller der deutschen Fernsehlandschaft. Für diesen habe Reichelt als Ex-„Bild“-Chef  Kurt Krömer zwar mit genügend Qual-Material ausgestattet. Aber: Reichelt habe auf alles eine Antwort gehabt. Dort wo ihn das Leugnen nicht weiterbringt, gesteht er Fehler ein, beschreibt Lindemaier die Strategie von Reichelt. Das reichte „um halbwegs skandalfrei durch die Sendung zu kommen“. 

„Focus Online“: Am Ziel vorbei

Für den Autoren des bei „Focus Online“ erschienenen Artikel der „Teleschau“ ist klar, dass in der Krömer-Show „jeder Schlag am Ziel vorbei“ gegangen sei. Mit ähnlichen Beobachtungen wie die Kolleg:innen der anderen Medien, kommt man hier zu dem Schluss, dass man von diesem Aufeinandertreffen enttäuscht sein dürfte, „das im Fußball wohl ein taktisch geprägtes Null zu Null auf durchwachsenem Niveau gewesen wäre“. 

„Berliner Zeitung“: „Bild“-Methoden im Journalismus immer falsch

Der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Tomasz Kurianowicz, deutete in seiner Überschrift bereits ein Scheitern an. „Wie Kurt Krömer versuchte, Julian Reichelt mit seinen eigenen Waffen zu schlagen“ heißt es in dem Artikel. Krömer erinnerte zwar an all die Tragödien, die Reichelt als Ex-„Bild“-Chef zu verantworten hatte, Reichelt wusste aber auch, sich zu verteidigen. Kurianowicz beobachtet ein „Katz-und-Maus-Spiel, das es in sich hatte“, bei dem Reichelt ironischerweise auf die Taktik gesetzt habe, dem Fragesteller Krömer „Bild“- bzw. Reichelt-Methoden vorzuwerfen. Ob man hier einen „Gewinner“ des Talks ausfindig machen könne, bezweifelt der Chefredakteur der „Berliner“, aber er ist sich sicher: „Ob Reichelt oder Krömer: ‚Bild‘-Methoden fühlen sich im Journalismus einfach falsch an.“

„Stern“: Julian Reichelt auf der Flucht in die Opferrolle

Autor Carsten Heidböhmer sieht auf dem heißen Stuhl bei Krömer mit Julian Reichelt einen mit allen Wassern gewaschenen Medienprofi, „der genau weiß, was ihn hier erwartet. Und der sich eine kluge Strategie zurecht gelegt hat, wie er sich hier präsentieren möchte“. Mit einer Strategie aus  einräumen und abwiegeln sei Reichelt gut gefahren. Dass der ehemalige „Bild“-Chef aber keineswegs der gute Mensch des deutschen Journalismus sei, sondern einer, der gerne mit Verleumdungen arbeitet, zeige sich, als Krömer auf das Thema Kokain zu sprechen kommt. In der Situation verwies Reichelt auf Benjamin von Stuckrad-Barre, der eine Rolle im Compliance-Verfahren gegen Reichelt gehabt haben soll. Dass Krömer sich seiner eigenen Niederlage bewusst gewesen sei, sieht Heidböhmer auch darin erwiesen, dass er seine eigene Talksendung vorzeitig beendete – er hätte noch 30 Sekunden gehabt. 

„Tagesspiegel“: Aushängeschild im RBB-Programm

Markus Ehrenberg betrachtet die Folge „Chez Krömer“ beim Berliner „Tagesspiegel“ ganz anders. Für ihn zeigte sich „wieder einmal, wieso dieses Talk-Format ein Aushängeschild im TV-Programm des kriselnden RBB ist“. Er gesteht Krömer den „Moderations-Übergang der Woche“ zu, da könne sich sogar Lanz noch eine Scheibe abschneiden. Krömer kramte, selbst zur anerkennenden Verwunderung von Reichelt, dessen Kolumne „Reichelt streichelt“ aus der „Tier Bild“ aus. In die aufgeheiterte Atmosphäre hinein stellt er denn die Frage: „Streicheln ist ja schon Ihr Ding“, um dann auf seine Verhältnisse mit Frauen bei Axel Springer zu sprechen zu kommen. Ehrenberg endet mit einem „Chapeau, Kurt Krömer“. Er hoffe, dass  dem RBB und seinen Zuschauern dieses Format noch viele weitere Staffeln erhalten bliebe. 

„T-Online“: „Achtung Reichelt“ zur Randnotiz erklärt

Ähnlich wie beim „Tagesspiegel“ ist man auch bei „T-Online“ der Überzeugung, dass Krömer seine Treffer landen konnte. Steven Sowa beschreibt, wie Krömer das neue Format des Boulevardjournalisten, „Achtung Reichelt“, zur Randnotiz erklärt. Dem Kanal habe er lediglich „die letzten drei Minuten seiner halbstündigen Sendung eingeräumt. Von Interesse sei einzig dessen „undurchsichtige Finanzierung“ gewesen. Unterm Strich konstatiert Sowa, dass Krömer sich in vielen Fragen die Zähne an Reichelt ausgebissen habe. Mit wiederholenden Fragen zu den Compliance-Vorwürfen gegen den ehemaligen „Bild“-Chef habe Krömer es geschafft, dass dieser sichtbar wütend wurde. Reichelts Vorwurf an Krömer, dass er sich zum „willigen Vollstrecker“ seiner Gegner mache, betrachtet der „T-Online“-Autor als rhetorischen Tiefpunkt „in dieser an verbalen Scharmützeln nicht armen TV-Auseinandersetzung“. Man könne alle verstehen, denen danach übel sei.   

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