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Coaching Corner

Coaching-Thema: Was tun, wenn mich die kleinkarierte Kritik des Kollegen in der Präsentation ärgert?

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Regelmäßig beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA-Leser:innen: unvoreingenommen, lösungsorientiert und zukunftsoptimistisch. Dieses Mal geht es in ihrer Ratgeber-Kolumne „Coaching Corner“ unter anderem um die Fallstricke der selektiven Wahrnehmung und wie man unproduktive Detaildiskussionen in Meetings vermeiden kann.

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Leser:innen-Frage: „Neben meinem Job als Redaktionsleiterin bin ich Teil einer Arbeitsgruppe, die ein wichtiges Innovationsprojekt im Sender verantwortet. Im letzten Status-Meeting hab ich mein Konzept präsentiert und das Verhalten eines Kollegen, mit dem ich mich eigentlich sehr gut verstehe, hat mich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Konzept gebracht. Statt mir inhaltlich relevante Rückmeldung zu geben, hat er sich an unwichtigen Details aufgehängt. Tippfehler in der Präsentation, vermeintlich fehlende Informationen, einzelne Formulierungen etc. Durch die kleinkarierten Detail-Diskussionen blieb zu wenig Zeit für die relevanten strategischen Fragen. Im Nachhinein hab ich mich total geärgert, weil ich das Gefühl hatte, dass meine konzeptionelle Arbeit überhaupt nicht gewertschätzt wurde. Was kann ich tun, damit der nächste Termin produktiver verläuft?

Ihren Ärger kann ich gut verstehen. Vermutlich haben Sie viel Arbeit in die Ausarbeitung gesteckt, die eine qualifiziertere Rückmeldung verdient hätte. Beim Lesen Ihrer Nachricht hat mich aber ein Halbsatz – fast schon erleichtert – aufhorchen lassen. Nämlich der Einschub: „ein Kollege, mit dem ich mich eigentlich sehr gut verstehe“. Für meine Antwort gehe ich davon aus, dass Ihr Bauchgefühl bzgl. der guten Beziehung zu Ihrem Kollegen nicht trügt und er mit seinen detailverliebten Kritteleien nicht gezielt gegen Sie persönlich agieren wollte.

Ein Meeting, viele Wahrnehmungen

Das vorausgesetzt, möchte ich einen kleinen Ausflug ins Thema selektive Wahrnehmung machen – da hier ein paar Lösungsansätze liegen könnten: Auf uns Menschen prasseln jeden Tag Millionen Informationen und Reize ein. In Sekundenschnelle trennt unser Gehirn Wichtiges von Unwichtigem und bringt die Flut der Reize so in ein für uns erträgliches und verwertbares Maß. Ohne diese Meisterleistung des Gehirns könnten wir keinen klaren Gedanken fassen. Der Preis ist logischerweise, dass uns sehr vieles entgeht. Was und wie wir wahrnehmen, hängt sehr stark davon ab, worauf wir uns bewusst oder unbewusst fokussieren und was in unserem Kosmos (gerade) relevant ist. In der Schwangerschaft habe ich eindrucksvoll erlebt, wie meine Welt urplötzlich von Schwangeren „überschwemmt“ wurde. Auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt – einfach überall Schwangere. Sie kennen solche Beispiele sicher selbst.

Auf Ihre Meeting-Situation bezogen, können Sie deshalb paradoxerweise davon ausgehen, dass jede der anwesenden Personen in demselben Termin völlig andere Dinge erlebt: Die eine registriert Ihre Irritation, weil sie Formalien und Detailfragen genauso langweilen. Die nächste bemerkt die coolen Sneaker beim Kollegen, weil sie gerade selbst neue Turnschuhe sucht. Ein anderer interessiert sich für Gruppendynamik und beobachtet aufmerksam, wer wieder einmal neben wem sitzt. Die nächste ist Software-Junkie und rätselt darüber, mit welchem Tool Sie die tolle Grafik in ihrer Präsentation wohl gebaut haben, usw. Es ist entsprechend davon auszugehen, dass auch Ihr eigenes Erleben des Termins stark gefiltert ist. Noch dazu wurde Ihre persönliche „selektive Wahrnehmung“ in der Meetings-Situation durch ein weiteres Phänomen beeinflusst: den Negativity Bias. Wir Menschen neigen dazu, negative Erlebnisse und Feedbacks sehr viel länger und intensiver abzuspeichern als positive.

Ich formuliere vor diesem Hintergrund einige Impuls-Fragen, die vielleicht ein erster Schritt sein können, um das innere Ärger-Level etwas zu dimmen:

  • Was wäre, wenn Ihr Kollege aus seiner Sicht subjektiv (gute) Gründe hätte, auf die Details fokussieren, und Sie kennen diese nur nicht?
  • Für welche Themen ist der Kollege verantwortlich und woran wird er gemessen? Macht das den Selektions-Fokus seiner Wahrnehmung ggf. nachvollziehbarer?
  • Welche Probleme und Missverständnisse wurden möglicherweise vermieden, dadurch dass der Kollege auf Details geachtet haben?
  • Welche (positiven) Rückmeldungen haben Sie in dem Termin möglicherweise selbst ausgeblendet oder überhört?

Vielleicht tut sich ja mittels dieser kleinen Perspektivwechsel bereits etwas mit Ihrem Ärger. Und vielleicht wächst in Ihnen sogar der Gedanke, dass die Reaktionen Ihres Kollegen viel weniger mit Ihnen und Ihrer Arbeit zu tun haben, als Sie ursprünglich dachten.  

Fünf praktische Tipps fürs nächste Meeting

Um Ihnen darüber hinaus noch ein paar ganz praktische Anregungen mitzugeben, hier ein Potpourri an Ideen dazu, was Sie ausprobieren können, um im nächsten Termin der allseitigen selektiven Wahrnehmung im Raum ein Schnippchen zu schlagen.

  • Steuern Sie den Fluss der Diskussion durch „Framing“ in der Anmoderation:

„Bei dem, was ich gleich vorstelle, brauche ich vor allem Eure/n Input/Rückmeldung zu…“

„Bitte betrachtet meine Präsentation unter der Leitfrage X.“

„Formales und Detailfragen heute einmal ganz außen vorgelassen, möchte ich heute mit euch klären…“

„Ich bin dankbar für Eure Meinung / Ratschläge zu …“

  • Timeboxen Sie die Diskussionszeit unter passenden Oberthemen/Fokusfeldern, die es zu besprechen gibt. Am Schluss gibt es noch ein paar Minuten für „Sonstiges“, in denen Detail-Verliebte ihre Punkte loswerden können, nachdem die wichtigen Sachen bereits geklärt wurden.
  • Etablieren Sie Ihre eigenen Feedback-Regeln, etwa so: „Ich bin dankbar auch für Hinweise zu Tippfehlern und Formulierungsunschärfen. Bitte schickt mir dazu einen kurzen Hinweis per Chat /Mail, damit wir die Diskussionszeit auf die inhaltlichen Fragen fokussieren können.“
  • Führen Sie Strichliste für jeden hilfreichen oder positiven Kommentar/Beitrag, der im Meeting fällt.
  • Präsentieren Sie Ihre Themen einfach mal ganz ohne Charts. Denn wo keine Tippfehler sein können, kann man auch nicht darüber diskutieren.

Und falls sich trotz dieser „Hacks“ das nächste Meeting wieder in Detailfragen verliert, können Sie immer noch Ihre gute Beziehung zu Ihrem Kollegen nutzen. Fragen Sie ihn nach dem nächsten „Nerv-Meeting“ einfach mal, offen und vorwurfsfrei, wofür es für ihn wichtig/gut ist, dass diese Details in der Runde erörtert werden. Und erzählen Sie ihm auch, wie es Ihnen damit geht. Die Chancen stehen gut, dass Sie auf Basis der beidseitig erweiterten Perspektiven gemeinsame Ideen für einen guten Diskussions-Modus finden.

Sie sehen, das Spielfeld möglicher Lösungen ist groß. Ich hoffe, Sie konnten beim Lesen einen etwas milderen Blick und auf die naturgegebene und überlebensnotwendige „Beschränktheit“ von uns Menschen entwickeln und haben Lust bekommen, die eine oder andere Anregung einfach einmal auszuprobieren.

Viel Spaß und Erfolg dabei!


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Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter CoachingCorner@meedia.de.

KLEINGEDRUCKTES

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

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