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Vielfalt in den Medien

Der Bilder-Zwang auf LinkedIn und der Druck zu liefern

– Sabrina Harper Zeichnung: Bertil Brahm

Die Diversität geht auf LinkedIn verloren. Die Plattform ist nur noch ein einziger Rausch, der mehrheitsfähige und algorithmusfreundliche Bilder pusht. Seit wann dominieren “tolle Bildern mit Sprüchen” die Plattform und was macht das mit uns?

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Heute möchte ich über unser allerliebstes Selbstdarstellungsportal schreiben, in dem wir Motivation, Inspiration und tolle Bilder mit Sprüchen finden. Was als Business Social Network begonnen hat, ist inzwischen unser Facebook für Freizeit und Job geworden. Genau – ich meine LinkedIn. Natürlich bespiele auch ich meinen Kanal, zum Beispiel mit dieser Kolumne. Den Link zu veröffentlichen wird aber nicht reichen. Ich werde das Magazin wahrscheinlich in der Hand halten, mir auf den Kopf legen oder vor einem Vulkan stehen. Wer sich fragt, warum vor einem Vulkan, ist auf LinkedIn falsch. Denn das Foto zum Posting ist inhaltlich egal.Hauptsache mein Gesicht ist abgebildet und neben mir ist Platz für einen griffigen Satz. 

Der Algorithmus auf LinkedIn zwingt uns dazu, genau diese Mechanismen zu bespielen: 

Kurzer Text und Link – der Algorithmus reicht die Scheidung ein. Kein Porträt, keine Reichweite, keine Sichtbarkeit trotz qualitativem Text. Langer Text, Bild von der*dem Accountinhaber*in und toller Spruch – der Algorithmus liebt uns.

Selbstverständlich spielen noch weitere Faktoren eine Rolle, die genannten drei Kernelemente (Text, Foto, Spruch) garantieren jedoch eine gewisse Reichweite. Aber was hat das Ganze mit Diversität zu tun? Inzwischen vieles. Die Sichtbarkeit auf LinkedIn verhilft uns zu Jobs. Also versuchen wir, sichtbar zu sein, indem wir algorithmusfreundlich posten. Manchmal spiegeln sich dann in den Textnachrichten oder Kommentaren statt Business eher Dinge, die in keinen Büroflur passen.

Frauen werden zum potenziellen Date: “Hallo, tolles Posting. Sind sie eigentlich vergeben?”

Frauen nutzen zu „schöne“ Bilder von sich: “Wie kann man so ein sexy Bild nutzen. Die kann ja nichts sein.”

Frauen nutzen zu „hässliche“ Bilder von sich: “Wie kann man denn so herumlaufen. Geh lieber mal zum Beautydoc, statt hier zu posten.”

Auch in unserem eigenen Postingverhalten spüren wir den Druck zu liefern. Ich ertappe mich dabei, wie ich zu Kolleg*innen sage: “Könntest du noch schnell ein Bild von mir für LinkedIn machen”? Aus dem Schnappschuss wird dann eher eine Bilderserie. Und ich bin noch eine harmlose Variante. Inzwischen begegnen mir auf LinkedIn vermehrt Bilder, die vom Profi stammen: akkurates Setting, perfekt ausgeleuchtet und aufgehübscht. Eine virtuelle Setcard, besser als in jeder Modelagentur.

„Die starke Fokussierung auf das Medium Bild, schränkt uns alle ein und ist irgendwie auch sinnlos.“

Wir bauen mit den Bildern ein Image auf, das unser Wunschbild von uns selbst nach außen tragen soll und gleichzeitig der Erwartungshaltung unseres sozialen Netzwerkes entspricht. Diversität ja, aber nur in gewissen Nuancen. Inhaltlich kann über Diversität gepostet werden, die Bildsprache bleibt bitte mehrheitstauglich.

Wäre es nicht zielführender, wenn der Algorithmus Inhalte nach Qualität und Businesstauglichkeit ranken würden? Ich frage mich, wohin uns diese Entwicklung von LinkedIn hinführen wird. Die starke Fokussierung auf das Medium Bild, schränkt uns alle ein und ist irgendwie auch sinnlos. Es mag sein, dass in einer Printzeitschrift ein gutes Aufmacherbild den Weg in einen Artikel weist. In einem schnelllebigen Onlinenetzwerk würde ich lieber auf einen Blick wissen, was durch meinen Feed wabert. Idealerweise sind das Dinge, die mich interessieren oder wenigstens gut unterhalten. So wie kürzlich der Beitrag “Was mir ein Salamibrot über Leadership beigebracht hat”. Spoiler: nichts.

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