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Gastbeitrag

Die gläserne Decke ist noch nicht durchbrochen

Illustration: Rebekka Hausmann

Laut dem World Economic Forum wird es noch durchschnittlich 136 Jahre dauern, bis sich Gleichberechtigung weltweit durchsetzt. Über den aktuellen Stand wird in den Medien immer wieder berichtet, ein konzentrierter Überblick fehlt jedoch. Rebekka Hausmann schreibt in ihrem Gastbeitrag über ihre Bachelorarbeit, mit der sie das ändern will.

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Von Rebekka Hausmann

„Die ‚gläserne Decke‘ ist noch nicht durchbrochen: Frauen steigen nur langsam in Führungsjobs auf“, titelte Kasper Enz letztes Jahr im Schweizer Tagblatt. „South Korea’s glass ceiling: the women struggling to get hired by companies that only want men“, schrieb Sophie Jeong 2019 für CNN. „Women Make Up Over Half the Design Industry – So Why Are There So Few at the Top?“, fragte Laura Bolt letztes Jahr für AIGA Eye on Design. Immer wieder wird darüber berichtet, dass Frauen selten in Führungspositionen befördert werden. Dieses Phänomen wird „gläserne Decke“ genannt, denn es handelt sich um eine unsichtbare – nämlich kulturell bedingte – Barriere zu den Spitzenpositionen.

Rebekka Hausmann studiert an der Zürcher Hochschule der Künste „Visual Communication“. In ihrer praktischen Bachelorarbeit widmete sie sich der Darstellung der sogenannten „gläsernen Decke“, indem sie typografisch darstellt, wie sich die Gleichberechtigung der Geschlechter in den vergangenen fünf Jahren verändert hat.

Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag beträgt zurzeit 35 Prozent. Damit liegt Deutschland ziemlich niedrig im westeuropäischen Vergleich. Länder wie Spanien, Italien, Österreich und die Schweiz schneiden deutlich besser ab und die nordischen Länder liegen alle über 45 Prozent. Besonders deutlich wird die „gläserne Decke“, wenn die Anzahl der von Frauen abgelegten GMAT-Prüfungen (Eignungstest für Management-Masterstudiengänge) mit dem schlussendlichen Anteil von Frauen in Management-Positionen verglichen wird. In der Slowakei sind 60 Prozent der Prüflinge weiblich, doch nur 35,5 Prozent der Manager:innen Frauen. In Kanada ist die Tendenz mit 47 zu 36 Prozent ähnlich. In Südkorea nehmen nur 37 Prozent Frauen an den Prüfungen teil und lediglich 16 Prozent sind in der Führungsetage zu finden.

Die Ursachen der „gläsernen Decke“ sind vielfältig. Manche Vorgesetzte gehen davon aus, dass Frauen irgendwann eine „Familienpause“ einlegen, weshalb sich ihre Förderung weniger „lohnt“. Die Ansicht, dass sich Familie und Karriere schlecht vereinbaren lassen, hält sich hartnäckig und wird unterstützt durch knappe Kitaplätze und eine kurze Elternzeit für Väter. Studien zeigen, dass in den Fällen, in denen Väter Elternzeit nehmen, die Mütter eher auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, die Frauenbeschäftigung höher ist und das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen gering ist.

Das alles wissen wir mittlerweile. Doch was trotz aller Berichterstattung fehlt, ist ein konzentrierter Überblick über die aktuellen Entwicklungen. Was wird wo unternommen, um Gleichberechtigung herzustellen? Was für Probleme bestehen noch? Es muss übersichtlich gemacht werden, wie die Situation von Frauen in verschiedenen Ländern aussieht und was genau sie in ihren Karrieren zurückhält.

Eine Zeitung, die die Entwicklung zusammenfasst

Damit habe ich mich im Rahmen meiner praktischen Bachelorarbeit im Studiengang „Visual Communication“ an der Zürcher Hochschule der Künste genauer beschäftigt: Ich habe eine Zeitung gestaltet, die die aktuellen Entwicklungen zusammenfasst und konkrete Probleme und Lösungsansätze einzelner Länder herausstreicht. Die Zeitung gibt 40 verschiedenen Stimmen eine Plattform und verknüpft sie visuell miteinander.

Die Texte stammen aus Zeitungen, Interviews und Nachrichtensendungen. Zu jedem Land habe ich einen sachlichen Artikel und einen persönlichen Bericht einer Frau gesammelt. Die Behauptungen werden bewiesen von Statistiken aus dem „Glass-Ceiling-Index“ der britischen Zeitschrift „The Economist“. Der Index misst die Rolle und den Einfluss von Frauen in der Arbeitnehmerschaft in den OECD-Ländern, also vor allem in reichen Ländern. Vier nordische Länder – Schweden, Island, Finnland und Norwegen – führen das Ranking an. Japan, Südkorea, die Türkei und die Schweiz, wo Familie und Karriere schlecht zu vereinbaren sind, belegen die letzten vier Plätze. Das Ranking wird anhand von zehn Messwerten errechnet. Dazu gehören der Anteil von Frauen im Management, in Vorständen, in politischen Ämtern, aber auch das geschlechterspezifische Lohngefälle und die Anzahl der Wochen des Mutter- und Vaterschaftsurlaubs.

Auf der Doppelseite zu Österreich wird deutlich, dass das geschlechterspezifische Lohngefälle 2020 bei knapp 12 Prozent lag und damit unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Über die möglichen Gründe wurde eine Umfrage von Deloitte unter 314 österreichischen CEOs durchgeführt (Mehrfachnennungen möglich): 66 Prozent gaben an, dass Frauen schlechter verhandeln, 46 Prozent, dass sie wegen Schwangerschaft und Kindern ausfallen und 43 Prozent meinten, dass ihnen im Beruf andere Dinge wichtiger sind als Geld. Andrea Lehky schreibt dazu: „Praktisch jedes Unternehmen brüstet sich heute, Männer und Frauen gleich zu behandeln. Warum steuert es dann nicht selbst dagegen und zahlt den vorgeblich so schlecht verhandelnden Frauen dasselbe Gehalt wie den männlichen Verhandlungskünstlern? Falls dieses moralische Argument nicht genügt: Der Oberste Gerichtshof entschied schon 1998, dass Verhandlungsgeschick keine ungleiche Bezahlung rechtfertigt.“

Je mehr Gleichberechtigung, desto mehr Seiten

Die Gestaltung versteht sich als Metapher für die Situation der Frauen vor Ort: Je besser ein Land bei der Gleichberechtigung abschneidet, desto mehr Raum nehmen die verschiedenen Stimmen ein und desto stärker werden die traditionellen Strukturen des Layouts aufgebrochen. Mit dem finalen Layout habe ich ein komplexes aber doch klares, variables System erschaffen. Es ermöglicht das Lesen von unterschiedlichen Perspektiven, indem es verschiedene Inhalte miteinander verknüpft. Nur mittels Typografie visualisiere ich das sukzessive Aufbrechen der gläsernen Decke.

Um zu diesem Layout zu kommen, habe ich viel experimentiert, verworfen, neu ausprobiert. Dabei war immer die Frage, wie kann ich die verschiedenen Stimmen visualisieren, wie interagieren sie miteinander, wie sprengen sie nach und nach das Layout? Aber auch, wie visualisiere ich meine eigene Sicht auf das Thema? Dafür habe ich ein Plakat gestaltet, das Moodboard-ähnlich erläutert, was die „gläserne Decke“ für mich ausmacht. Jedes kleine Bild visualisiert einen Aspekt. Das Ganze beziehe ich auf meinen Körper, weil der Körper der erste Anlass für Diskriminierung ist: Als aller erstes werde ich als Frau wahrgenommen und dann kommen die gesellschaftlichen Erwartungen und Geschlechterrollen dazu, die dann zu Phänomenen wie der „gläsernen Decke“ führen. Diese Idee den eigenen Körper zu nutzen, um eine Thematik auf sich zu beziehen, habe ich von April Greiman und ihrer Arbeit „Does it make sense?“ (Design Quarterly, 1986) übernommen. Sie war eine Pionierin des feministischen Designs. Die Zeitung soll im Abstand von fünf Jahren erscheinen, damit sie einen Überblick über mehrere Jahre an Entwicklungen geben kann, aber oft genug erscheint, um ins Detail gehen zu können.

Laut dem World Economic Forum wird es noch durchschnittlich 136 Jahre dauern, bis sich Gleichberechtigung weltweit durchsetzt. Das bedeutet, es werden noch 27 Ausgaben erscheinen müssen, bis das Ziel erreicht ist. Oder wir arbeiten gemeinsam daran, dass Frauen bei gleicher Kompetenz auch gleich kompetent wahrgenommen werden, dass Frauen genauso gefördert werden wie ihre Kollegen und dass sich Karriere und Familie ergänzen und nicht ausschließen. Damit die „gläserne Decke“ endlich zerspringt.

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