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Führungsfragen

Von Führungskräften, die nicht ehrlich sind

Oliver Blecken – Illustration: Bertil Brahm

Wir leben im Zeitalter der Unehrlichkeit. Und das macht Oliver Blecken jedes Mal aufs Neue wütend. In seiner Kolumne sagt er, warum das so ist.

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Ein Kölner Kardinal, der sich Listen von kriminellen Kollegen erstellen lässt, diese dann selbst entsorgt und keinen Namen mehr erinnern kann. Ein deutscher Kanzler, der sich auf selektiven Gedächtnisschwund beruft, gleichzeitig aber sicher weiß, in der kritischen Sache immer alles richtig gemacht zu haben. Ein amerikanischer Präsident, der in seiner Amtszeit 30.573 Mal die Unwahrheit sagt.

Wir leben im Zeitalter der Unehrlichkeit. Und sie begegnet Menschen im Arbeitsalltag ständig: Der Pitch, der verloren wurde, weil er ja schon vorher entschieden war (und nicht etwa, weil ein Konkurrent besser war). Die Gehaltserhöhung, die ausbleibt, weil das Headquarter sie nicht freigegeben hat (und nicht etwa, weil die Führungskraft diese für nicht angebracht hält). Das Produkt, das dem Kunden verkauft werden soll, weil es gut für ihn ist (und nicht etwa, weil die Firma damit viel Geld verdient).

„Ohne eine ehrliche und werteorientierte Führung ist der schönste Unternehmens-Purpose ein Hohn.“

Oliver Blecken

Ich war früher selbst Teil eines solchen Systems und kenne den Druck, mit dem Führungskräfte umgehen müssen. Und der geneigte Leser könnte natürlich erwidern, das sei schon immer so gewesen. Und es wäre wohlfeil, sich über die Unwahrheiten Anderer zu echauffieren. Das mag alles zutreffen – trotzdem macht es mich jedes Mal aufs Neue wütend. Warum? Weil ich von Führungskräften Ehrlichkeit erwarte. Denn ohne eine ehrliche und werteorientierte Führung ist der schönste Unternehmens-Purpose ein Hohn. Dann machen sich nämlich Zynismus, Frustration und Aggression unter den Mitarbeitenden breit. Doch wie reagieren die Unternehmen? Anstatt über Werte zu reden und diese im täglichen Handeln zu verankern, stampfen sie massenhaft Compliance-Regeln aus dem Boden, in der Hoffnung, damit dem Problem Herr zu werden. Ich kenne allerdings kein Unternehmen, in dem mehr Compliance zu mehr Ehrlichkeit geführt hat.

Die Gründe, warum Menschen nicht ehrlich sind, sind vielfältig: Es ist anstrengend und unangenehm. Es besteht die Gefahr, andere Menschen zu verletzen. Es macht einen verletzlich und angreifbar. Und gleichzeitig ist Ehrlichkeit befreiend. Denn sie ist die Grundlage für einen konstruktiven Umgang mit der Realität und den bestehenden Herausforderungen – die dann gemeinsam gelöst werden können. Hier sehe ich Führungskräfte in der Pflicht: Sie müssen eine Kultur der Ehrlichkeit etablieren. In der keine Angst herrscht. In der Fehler machen und Schwäche zeigen erlaubt sind. Das können sie nur, wenn das Unternehmen das unterstützt, und sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen und ehrlich sind.

Wie Menschen darauf reagieren, wenn sich um sie herum eine Kultur der Lüge entwickelt, können wir überall beobachten: Christen treten aus den Kirchen aus. Erwachsene gehen nicht mehr zur Wahlurne oder wenden sich den Extremen zu. Und Fachkräfte verlassen ihre Arbeitgeber.

Den Unternehmen, die jetzt wieder behaupten, sie hätten gar keinen Fachkräftemangel, kann ich nur Mut machen, doch einfach mal ehrlich zu sein. Denn mit Ehrlichkeit kommen Offenheit, Transparenz und Nahbarkeit – und das wiederum sind Werte, die bestehende und potenzielle Mitarbeitende sehr wertschätzen.


Oliver Blecken hat lange in Management-Positionen für Agenturen in Deutschland und International gearbeitet. Heute hilft er als Coach und Mediator Führungskräften und Teams dabei, Herausforderungen und Krisen zu meistern. Seine MEEDIA-Kolumnen finden Sie hier.

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