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Wochenrückblick

Die Precht/Welzer-Festspiele der Medienkritik

Richard David Precht und Harald Welzer sind mit ihrem Medienkritik-Buch „Die Vierte Gewalt“ auf allen Kanälen. Auch Gabor Steingart geht mal wieder seinem Hobby als Medienkritiker nach. Und schon wieder werden vertrauliche Botschaften von Springer-CEO Döpfner veröffentlicht, diesmal an Elon Musk. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Schon bei der Ankündigung war klar, dass der neue Wälzer von Welzer & Precht („Die Vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“) ein Hohefest der Medienkritik werden wird. Also die Kritik an der Medienkritik. Mega-Meta-Kritik! Zum Auftakt gab es eine Interview-Tour durch „Stern“ und „Zeit„. Dann kurzer Zwischenstopp von RDP im eigenen Podcast mit „Lanz“ und gestern das große „Markus Lanz“-Spezial: Star-Intellektuelle vs. Alpha-Journalisten – Choose Your Fighter!

Auf der einen Seite des Rings natürlich die beiden mit Testosteron vollgepumpten Herren Precht und Welzer. Auf der anderen Seite die Hüter der Qualitätspresse: Melanie Amann vom „Spiegel“ und Mr. Würstchenbude himself: Robin Alexander von der „Welt“. Nach Sichtung würde ich sagen, dass die B-Note klar an die beiden Journos ging, aber ich bin ja auch biased. Precht & Welzer waren mir ein wenig zu aggressiv schnappend und zu sehr von oben herab. Kommt nicht gut rüber. Frau Amann ließ vor allem RDP gut abtropfen, hatte aber auch den einen oder anderen Arroganz-Anfall (Copyright: Olaf Scholz). Robin Alexander dagegen überzeugte auf ganzer Linie mit der bewährt zur Schau getragenen Tapsigkeit des journalistischen Erklärbären.

Rein inhaltlich servierten die beiden Top-Denker RDP und HW in ihrem eilig zusammengestellten Werk freilich wenig Neues, sondern eine Art Best-of-Medienkritik der vergangenen Jahre. Vom Herdentrieb über die Twitter-Seligkeit bis hin zur mangelnden Transparenz im Medienbetrieb. Alles nicht verkehrt. Und wer sich die vergangenen Jahre nicht mit Medienkritik auseinandergesetzt hat, findet hier ein recht umfassendes Kompendium. Bisschen ärgerlich aber, dass der Eindruck hängen bleibt, dass die beiden Herren Studien und Umfragen auch so ein bisschen danach ausgewählt haben, damit diese in ihren Kram passen. Meine Lieblings-Wortschöpfung aus der „Vierten Gewalt“ ist übrigens „Kultur der Assholery“. Der Next-Level-Shit in Sachen Anglizismen.

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Wenn Precht und Welzer von der Klasse der Meinungs-Inhaber-Journalisten schreiben, die in enger Wechselbeziehung zur politischen Elite stehen, poppt vor meinem inneren Auge Gabor Steingart auf. Der pflegte diese Woche auch mal wieder sein Hobby als Medienkritiker und hackte auf dem Triple-CEO Thomas Rabe herum. Es geht darum, dass Rabe angekündigt hat, nur noch solche Print-Magazine beim RTL behalten zu wollen, die auch als TV-Formate funktionieren. Steingart: „In den Redaktionen hält man die ganze Entwicklung für ein Missverständnis. Die Journalisten von ‚Stern‘, ‚Brigitte‘, ‚Gala‘, ‚Schöner Wohnen‘, ‚Capital‘ und ‚Geo‘ wollten relevant, nicht synergetisch sein. Sie träumten von einem Verleger – und bekamen einen Portfoliomanager.“ Naja. Wer angesichts von Thomas Rabe von einem „Verleger“ träumt, der sollte vielleicht seine Einschlaf-Rituale prüfen.

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Es gab noch mehr erstaunliche News von den Medien-Großkopferten diese Woche. Das Springer-eigene Medium „Business Insider“ enthüllte aus den Twitter-Gerichtsakten, dass CEO Mathias Döpfner Tesla-Boss und Milliardärs-Kollege Elon Musk via SMS geradezu anbettelte, dass Springer bei einer Twitter-Übernahme eine Rolle spielen könnte.

Musk ließ den enthusiasmierten Döpfner jeweils mit einem eher kurz angebundenen „Interesting“ virtuell stehen. Die Chat-Protokolle sind teil der Gerichtsakten im Streit zwischen Musk und Twitter. Bekanntlich will Musk Twitter nach anfänglicher Begeisterung doch nicht mehr kaufen und er wird von Twitter daraufhin verklagt. Nach der „Propaganda-Assistenten“-Nachricht und seiner „Betet für Trump“-Mail ist das jetzt schon das dritte Mal, dass die elektronische Kommunikation des Springer-CEOs für Kopfwackel-Schlagzeilen sorgt.

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Der Dialog zwischen MD und EM ist nicht das einzige bemerkenswerte Fundstück aus den Twitter vs. Musk Files. Lesenswert sind auch die Chats zwischen Twitter-CEO Parag Agrawal und Musk, bzw. zwischen Twitter-Chairman Bret Taylor und Musk.

Schon heute darf man gespannt sein, was bei der US-Klage einer ehemaligen „Bild“-Mitarbeiterin gegen Springer wegen angeblichen Übergriffen von Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt an die Öffentlichkeit kommen wird. Das US-Justizsystem – man muss es lieben (so lange man selbst nix damit direkt zu tun hat).

Schönes Wochenende!

PS: Der Podcast „Die Medien-Woche“ wandelt sich heute in den „Medien-Buchclub“. Gemeinsam mit Christian Meier von der „Welt“ bespreche ich das Precht/Welzer-Oeuvre. Außerdem gibt es ein Interview mit dem „Spiegel“-Washington-Korrespondenten René Pfister zu seinem Buch „Ein falsches Wort: Wie eine neue linke Ideologie aus Amerika unsere Meinungsfreiheit bedroht“. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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