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Warum Winnetou plötzlich ein politisches Totem ist

Virginie Briand – Illustration: Bertil Brahm

In den sozialen Medien sind Zustände wie im Wilden Westen ausgebrochen. Es geht um die Kinderbuch-Version des Karl-May-Klassikers „Winnetou“, die die Gemüter erhitzt. MEEDIA-Kolumnistin Virginie Briand hat dazu eine ganz klare Haltung.

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In der Weltweiten-Web-Prärie der sozialen Medien sind jetzt in der Causa Winnetou – imaginierter Häuptling der Apachen des Geschichtenzählers Karl May (1842-1912) – Zustände wie im Wilden Westen ausgebrochen. Da wird ein Verlag an den Marterpfahl gestellt, es werden allenthalben Skalps gefordert. Von Amrum bis zu den Alpen keine Rauchzeichen einer Friedenspfeife weit und breit. Nostalgiker, Mythenliebhaber und Anhänger von Glaubensrichtungen graben Kriegsbeile aus, ordnen ihre Wagenburgen und greifen zu medialem Pfeil und Bogen.

Jetzt stirbt Winnetou ein zweites Mal.

In dieser Shitstorm-Gemenglage geht es um nichts weniger als heutige Werte. Was definiert uns in einer lebendigen, wehrhaften Demokratie? Wie wollen wir in einer komplizierten Welt, die uns Klimakatastrophen, Epidemien, Inflation, Kriege beschert, empathisch, rücksichtsvoll, verantwortungsvoll miteinander leben? Wie gehen wir mit Rassismus um, mit kolonialer Aneignung, Diversität, Inklusion? Mit Mitmenschlichkeit?

Die Fakten: Der Ravensburger Verlag hat ein Buch zum Kinofilm „Der junge Häuptling Winnetou“ aufgelegt. Es handelt sich um Lesestoff für Kinder ab acht Jahren, ein Erstlesebuch, ein Puzzle sowie ein Stickerbuch. Der Film selbst erhielt trotz interner Querelen der Jury das Prädikat „besonders wertvoll“. Vergeben wird die Auszeichnung von der von den Bundesländern getragenen Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW), die Filme auf ihre Qualität hin begutachtet. Befürworter führten ins Feld, dass der olle May nun ja seine Geschichten aus seiner Fantasie geschrieben habe, auch die Verfilmungen aus den 1960er Jahren seien quasi „Märchen“, die die Welt der indigenen Völker „im absolut klischeehaften Bilde darstellten“. Dies in einem Kinderfim darzustellen sei durchaus legitim. Andere Jurymitglieder hielten es weder für angemessen noch zulässig, einen Film „im Geist der mythisch aufgeladenen und sehr klischeehaft darstellenden Karl-May-Folklore zu realisieren“. Der Verlag zog die Bücher zurück. Ein Medienspektakel von „Spiegel“ bis „Bild“. Laut Medien wurde die Auslieferung des Werks aufgrund „verharmlosender Klischees“ über die Behandlung indigener Völker gestoppt. Auch habe man im Verlag über die Sozialen Medien viele negative Rückmeldungen erhalten. Und nun? Wieder ein Shitstorm, diesmal wegen der Kritik an der Kritik. Tsunami am Silbersee.

„Marken und Unternehmen müssen Haltung zeigen – Schweigen ist keine Option mehr.“

Die Conclusio: Wir leben in einem politischen Zeitalter. Und das ist gut so. Die drängenden Fragen unserer Zeit – seien sie geopolitischer Natur, seien sie nachhaltigkeitsbezogen oder drehen sie sich um gesellschaftliche Teilhabe, Diversität und Inklusion – sind heute immer auch politische Fragen. No comment? Not possible! Marken und Unternehmen müssen Haltung zeigen – Schweigen ist keine Option mehr. Ex-Siemens CEO Joe Kaeser, streitlustiger Vorstand, der gerne politische Kante zeigt, dazu: „Politik ist Bestandteil unserer gesellschaftlichen Grundordnung. Unternehmen sollten sich als Teil der Gesellschaft verstehen, zumal die Gesellschaft neben den traditionellen Interessensvertretern Kunden, Mitarbeitern und Aktionären zum vierten ‚Stakeholder‘ geworden ist.“

Kurzum: Auch Unternehmen und deren Lenker müssen heute eindeutig politisch Stellung beziehen und echten Diskurs pflegen, auch wenn sie selber dabei in die Schusslinie geraten. Diese Häuptlinge haben die Verpflichtung, voran zu treten, wenn es um humanitäre Werte geht, um unser aller liberales Gemeinwohl. Auch wenn es mal ungemütlich wird.

Dabei sollte auch das mediale Ökosystem eine inhaltliche Auseinandersetzung fördern und sich nicht in Hysterie ergehen. Denn bei aller Nostalgie für Winnetou und seine tapferen Blutsbrüder, die ich durchaus verspüre: Wir leben in einer Zeit, in der wir unseren Kindern hoffentlich eine weltoffene und differenzierte Sicht mitgeben wollen.


Virginie Briand war Co-Gründerin und Managing Partnerin der Agentur 19:13. Seit dem 1. April ist sie Director Creative Consulting bei Deloitte Digital. Hier schreibt sie darüber, wie Marken sich erfolgreich wandeln können. Ihre MEEDIA-Kolumnen finden Sie hier.

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