Anzeige

Coaching Corner

Coaching-Thema: „Wie erkenne ich eine schlechte Führungskraft, bevor ich einen neuen Job annehme?“

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Regelmäßig beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA-Leser:innen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und zukunftsoptimistisch. Dieses Mal geht es um die Frage, wie man eine ungute Führungskonstellation schon im Bewerbungsgespräch erkennen kann.

Anzeige

Leser:innen-Frage: „Nach vier Jahren in meiner aktuellen Firma bin ich jetzt an dem Punkt angekommen, dass ich den Job kündigen will – und zwar wegen meiner Führungskraft. Die Aufgabe macht Spaß, das Team ist nett, aber mein Chef ist demotivierend und als Führungskraft in meinen Augen völlig ungeeignet. Ich merke, dass ich mich in seinem Mikro-Management-Regiment einfach nicht weiterentwickeln kann und schaue mich deshalb nach etwas Neuem um. Daher meine Fragen: Wie kann ich sicherstellen, dass ich nicht wieder in so eine schlechte Konstellation tappe? Kann man schlechte Führungskräfte schon während des Bewerbungsprozesses erkennen und wenn ja, wie?

„Mitarbeiter verlassen keine Unternehmen, sondern ihre Chefs“ lautet eine weit verbreitete Faustregel im Personalwesen. Daher danke für diesen relevanten Themen-Impuls und „Chapeau“, dass Sie die nächsten Schritte Ihrer Karriereplanung so vorausschauend angehen. 

Weil Ihre Mail bereits sehr entschlossen klingt, klammere ich Überlegungen dazu, was Sie tun könnten, um die Situation mit Ihrem mikro-managenden Chef zu entspannen, aus und blicke mit Ihnen direkt nach vorne. 

Ein Jobwechsel ist immer eine Wette auf die Zukunft. Wie gut Job, Team, Vorgesetzte und Firmenkultur letztlich zu uns passen, zeigt sich verlässlich erst, wenn wir schon eine Weile mittendrin stecken. Um die „Passung“ mit der künftigen Führungskraft ausloten zu können, bleibt im Bewerbungsverfahren meist nur ein Minimum an Zeit und Kontakt-Punkten. Und trotzdem gibt es doch einiges, was wir selbst dafür tun können, um die Wahrscheinlichkeit eines „Perfect Match“ zu erhöhen. 

Hier ein kurzer Blick auf die Trickkiste, die ich dazu für Sie mitgebracht habe:

  1. Bewusstsein für eigene Erwartungen an Führung schärfen
  2. Voller Fokus auf „Frühwarnzeichen“ 
  3. Mut haben, sich im Bewerbungsprozess authentisch zu zeigen 
  4. Mut haben, dem Führungsbild Ihres Gegenübers auf den Grund zu gehen
  5. Der Intuition in der Entscheidungsfindung Vorfahrt geben. 

Tipp 1: Bewusstsein für eigene Erwartungen an Führung schärfen

Wie so oft fängt auch hier die Lösung Ihrer Frage bei Ihnen selbst an. Dank Ihres aktuellen Chefs wissen Sie immerhin schon einmal, was Sie NICHT wollen. Aber wie klar haben Sie für sich schon sortiert, was Sie sich von Ihrer Führungskraft erwarten und wünschen? Welcher Führungsstil, welche Verhaltensweisen sorgen für einen Arbeitsrahmen, in dem Sie sich entwickeln, einbringen und aufblühen können?
Auch wenn es einen „Common Sense“ zur Definition von „zeitgemäßer, guter Führung“ gibt, fallen die persönlichen Beschreibungen doch sehr individuell aus. Bringen Sie Ihre Definition für sich auf den Punkt. So gewinnen Sie wertvolle Klarheit, wonach Sie in den kommenden Gesprächen Ausschau halten. 

Tipp 2: Voller Fokus auf „Frühwarnzeichen“ 

Gerade weil Zeit und Kontaktpunkte in der Bewerbungsphase sehr überschaubar sind, sollten Sie sie voll auskosten. Achten Sie bewusst auf Kommunikationsstil, Verhalten und Wirkung Ihrer potenziellen neuen Führungskraft. Wie ist die Tonalität in Emails und Unterhaltungen? Auf Augenhöhe oder eher top-down? Kommt die Person chronisch gestresst in die Gespräche oder aufgeräumt und konzentriert? Was sagt das möglicherweise über Selbstführungsfähigkeiten der Person und die Arbeitsbedingungen im Team aus? Wird „echter Raum“ für Ihre Fragen geschaffen, oder kommt nur der Form halber die „Haben Sie noch Fragen“-Frage? Gestatten Sie sich, mit allen Sinnen zu registrieren, welche Atmosphäre entsteht und welche Reaktionen die Person bei Ihnen und anderen auslöst. Was sich in „Mikro-Momenten“ beobachten lässt, kann ein Vorbote für das sein, was Sie im Alltag dann erwartet. Lenken Sie also Ihren vollen Fokus darauf und gleichen Ihre Beobachtungen mit Ihrer „Führungs-Wunschliste“ (siehe Tipp 1) ab. 

Tipp 3: Mut haben, sich im Bewerbungsprozess authentisch zu zeigen 

Ich vergleiche Job-Suche gerne mit Dating. Wenn die Anziehung und das Gefühl von „Passung“ nicht von beiden Seiten ähnlich groß sind, wird’s kompliziert. Im Normalfall versuchen sich im Bewerbungsprozess beide Parteien von Ihrer besten Seite zu zeigen. Wichtig ist, dass Sie sich als Bewerber dabei nicht verbiegen, sondern den Mut haben, sich authentisch zu zeigen.  

Ihre künftige Führungskraft ist schließlich Expert:in für das Thema „Wer passt zu mir und zu meinem Team?“ Indem Sie sich authentisch zeigen, geben Sie Ihrem Gegenüber die Chance, diesen Wissensvorsprung in Ihr „Job-Dating“ einzubringen und eventuellen gegenseitigen Enttäuschungen vorzubeugen. 

In Ihrem Fall könnte z.B. eine Aussage wie „Besonders gern und erfolgreich arbeite ich in Projekten, bei denen meine Führungskraft und ich klare Ziele festgesteckt haben und ich den Weg dorthin eigenverantwortlich selbst gestalten kann“ dazu beitragen. So transportieren Sie, wie Sie ticken und geben Mikro-Managern wertvolles „Futter“, um die richtigen Rückschlüsse zur „Passung“ ziehen können. 

Tipp 4: Mut haben, dem Führungsbild Ihres Gegenübers auf den Grund zu gehen

Auch wenn es etwas Mut erfordert: Trauen Sie sich, im Gespräch der Teamkultur und dem Führungsbild Ihres Gegenübers auf den Grund zu gehen. Zum Beispiel, indem Sie fragen: 

  • Welche Eigenschaften braucht es, um in dieser Position und diesem Team erfolgreich zu sein? 
  • Was macht für Sie persönlich gute Führung aus? 
  • Was müsste ich tun, um es mir mit Ihnen zu verscherzen? 
  • Wann ist in letzter Zeit mal etwas richtig schiefgegangen und wie wurde team-intern damit umgegangen?  

Fühlt sich Ihr Gegenüber von solchen Fragen auf Augenhöhe provoziert oder antwortet ausweichend? Dann ist das ein wertvolles Signal. Und fallen die Antworten eindeutig so aus, dass sie nicht zu Ihren Vorstellungen und Erwartungen passen, trauen Sie sich ruhig, das auch respektvoll zum Ausdruck zu bringen. Im Idealfall bekommt Ihr Gesprächspartner so eine wertvolle Rückmeldung und Sie schonen Ihrer beider Zeit in der weiteren Entscheidungsfindung. 

Tipp 5: Der Intuition in der Entscheidungsfindung Vorfahrt geben

Auch wenn es grundsätzlich Sinn macht, bei Job-Entscheidungen Pros und Contras gut zu durchdenken, möchte ich Sie ermutigen, bezüglich der Führungsfrage Ihrem Bauchgefühl Vorfahrt zu geben. Ein neuer Job ist – wie gesagt – eine Wette auf die Zukunft, in der Sie nicht alle relevanten Faktoren kennen können, egal wie gut die Vorab-Analyse ist. Der Intuitionsforscher Prof. Gerd Gigerenzer plädiert dafür, in solchen Unsicherheitszonen mehr auf unser Bauchgefühl zu vertrauen. Sagt Ihre Intuition „Ja“, obwohl Ihre potenzielle Führungskraft ein, zwei irritierende Dinge gesagt hat?  Dann dürfen Sie auch Ihrem Gefühl vertrauen. Schließlich sind auch Führungskräfte nur Menschen, die mal einen schlechten Moment haben können. Und um im Dating-Bild zu bleiben: Bei der Partnersuche entscheiden Sie ja auch nicht nach „Performance“, sondern nach Bauchgefühl. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wache Sinne und ein „gutes Match“ bei Ihrem nächsten Schritt.


JETZT SIND SIE DRAN

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter CoachingCorner@meedia.de.

KLEINGEDRUCKTES

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

Weitere Kolumnen von Ines Thomas finden Sie hier.

Anzeige