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Vielfalt in den Medien

Medien mit Behinderung

– Sabrina Harper Zeichnung: Bertil Brahm

Aufgepasst bei der Wortwahl! Manche Phrasen sind nicht nur unschön und überflüssig, sondern diskriminieren Menschen mit Behinderung. Unsere Kolumnistin Sabrina Harper meint, dass Medien in diese Falle nicht tappen sollten.

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Im Studium der Journalistik mahnte man uns immer vor Phrasendrescherei. Alle Journalist:innen erinnern sich wohl an das Verbot für Worthülsen wie etwa “Für das leibliche Wohl ist gesorgt”, oder “Ein bunter Strauß voll Melodien”. Die besseren und praxistauglicheren Beispiele sind aber andere. Formulierungen, wenn es um Menschen mit Behinderung geht, drängen sich geradezu auf: “Eine Person ist an ihren Rollstuhl gefesselt” oder “Die Person leidet unter ihrer Behinderung”. Das sind zwei Phrasen, über die man immer wieder stolpert. Dabei sind sie häufig so abgedroschen wie auch falsch. 

Menschen mit Behinderung werden in den Medien überwiegend als Opfer dargestellt, dabei sind sie wesentlich mehr als das. Sie sind nicht “glücklich trotz Behinderung”, sondern wenn überhaupt, dann sind sie “glücklich und haben eine Behinderung”. Das “und” wäre ein erster Schritt in Richtung diskriminierungssensible Sprache. Richtig skurril ist es, wenn Medien betroffene Personen als Held darstellen möchten. Die Headline liest sich häufig kühn, mutig und heroisch. Und dann sind die Menschen doch wieder “gefesselt” und “leiden” unter ihrer Situation. 

Klischees werden übrigens auch in der Bildsprache übermittelt. Geht man nach der gängigen Bild-Auswahl von Redaktionen, dann gibt es scheinbar nur zwei Arten von Behinderung: irgendwas mit Rollstuhl und irgendwas mit Trisomie 21. Weshalb beschränkt sich die Bildauswahl meist auf diese zwei Bereiche? Was ist mit all den anderen Behinderungen? Taubheit, Legasthenie oder Autismus können symbolisch und mit etwas Kreativität ebenfalls in Bildern ausgedrückt werden. Stichwort: Ohren zu halten, Buchstabenverdreher oder eine Insel für Inselbegabungen. Vorangestellt sollten Redakteur:innen sich auch fragen, ob es überhaupt nötig ist, den Fokus so stark auf die Behinderung zu setzen?

Vielleicht liegen die Gründe für diese Phrasendrescherei an den Echokammern, in denen sich Medienberufe bewegen. Menschen mit Behinderung sind eher selten Medienschaffende. Wer nun vielleichtdenkt: “Ein:e Legastheniker:in hat eben Schwierigkeiten beim Schreiben”, schließt automatisch aus, dass Legasthenie im Berufsfeld der Grafik oder im Layout eine untergeordnete Rolle spielt

„Was dabei vergessen wird: Menschen mit anderen Bedürfnissen ermöglichen neue Betrachtungsweisen, fördern unsere Kreativität und treiben Innovation voran.“

Ein weiterer Grund für die geringe Quote liegt sicherlich auch in den geforderten Qualifikationen von Medienhäusern. Stichwort Studienabschluss und Berufserfahrung. Es wird nicht bedacht: Egal, ob blind, taub oder chronisch krank, wie etwa mit multipler Sklerose – Menschen mit einer Behinderung wird von Anfang an der Zugang zum Schulwesen, zur Ausbildung und zum Studium erschwert. Die Bürokratie und die Gesellschaft verhindern, dass Bedürfnisse der Nicht-Mehrheitsgesellschaft berücksichtigt werden. Das beginnt schon in der Grundschule. Der geringe Personalschlüssel lässt meist keine passende Betreuung zu. Menschen mit einer Behinderung müssen also häufig auf eine Förderschule gehen (wohlgemerkt wegen des höheren Personalschlüssels, nicht wegen der schulischen Inhalte) und haben damit einen erschwerten Weg ins Studium. Und selbst wenn es nach vielen Umwegen zum Studieren reicht: Universitäten sind nicht barrierefrei und Unternehmen haben Berührungsängste, wenn es um Inklusion geht. Ich kann nur den Kopf schütteln, wenn ich höre, “Wir haben keinen Aufzug” und “Wie sollen wir dann die Redaktionssitzung abhalten?” 

Was dabei vergessen wird: Menschen mit anderen Bedürfnissen ermöglichen neue Betrachtungsweisen, fördern unsere Kreativität und treiben Innovation voran. Es sind die Medien, die an starre Strukturen und Stereotypen festhalten, wenn sie diese Ketten nicht sprengen. Nicht, dass es eines Tages heißt: Die Medien leiden unter verpassten Chancen und sind an ihre Perspektivlosigkeit gefesselt


Formulierungshilfen für das Thema Behinderung gibt es u.a. hier: https://leidmedien.de/wp-content/uploads/2017/02/LeidmedienBroschuere2020_bfrei.pdf

Sabrina Harper erlebt im Media Lab Bayern, wie innovativ die Medienbranche sein könnte und wundert sich, warum es in vielen Häusern ein Konjunktiv bleibt – zum Beispiel bei der Diversität. Ihre MEEDIA-Kolumnen finden Sie hier.

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