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Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt

Ex-Mitarbeiterin verklagt „Bild“ in den USA wegen sexueller Belästigung

Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt – Foto: Imago

Infolge des Skandals um den Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt droht dem Axel-Springer-Verlag jetzt ein Rechtsstreit in den USA, meldete die „Zeit“. Eine ehemalige „Bild“-Mitarbeiterin hat an einem kalifornischen Gericht Klage gegen „Bild“ und den US-amerikanischen Ableger Axel Springer Services eingereicht. Die Vorwürfe unter anderem: sexuelle Belästigung, Vergeltungsmaßnahmen, unfaire Entlohnung sowie Beihilfe zu Belästigung.

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Die Ex-„Bild“-Mitarbeiterin hatte kurzzeitig eine Affäre mit Julian Reichelt, wurde erst bevorzugt und dann fallen gelassen, berichtete die „Zeit„. Laut Klageschrift war die ehemalige Mitarbeiterin über ein Praktikum 2015 zur „Bild“ gekommen, wo sie Reichelt kennenlernte. Im Herbst 2016 entwickelte sich eine sexuelle Beziehung zwischen den beiden, die Reichelt nach einigen Wochen beendet habe, so die ehemalige Mitarbeiterin. Er habe sie geghostet und sie sollte alle Textbotschaften löschen, heißt es weiter. Reichelt habe gesagt, wenn man sie zusammen sehe würde, würden beide ihren Job verlieren. Auf „Zeit“-Anfrage bestreitet Reichelt dies.

Nach einigen Monaten sollen die ehemalige Mitarbeiterin und Reichelt die Affäre fortgesetzt haben. Der Anwalt der Frau erklärt, seine Mandantin habe Angst vor einer Kündigung gehabt, wenn sie dem Drängen auf Sex – „Sex auf Verlangen“ – nicht nachkommen würde. Reichelt dementiert das, umfangreiche Korrespondenz würde belegen, dass die Frau selbst den Kontakt und die Nähe gesucht habe.

Umzug in die USA wegen Affäre mit Reichelt

Die Affäre der beiden war anscheinend ein offenes Geheimnis im Springer-Verlag. Die damalige Mitarbeiterin sei wiederholt auf ihre Verbindung zu Reichelt angesprochen worden. Dabei sei die Bemerkung gefallen, sie habe ihren Job nur, weil sie mit dem „Bild“-Chefredakteur schlafen würde. Infolgedessen habe sie sich im Herbst 2018 in medizinische Behandlung begeben. Daraufhin seien ihr im Frühjahr 2019 Angstzustände und eine Depression diagnostiziert worden, weshalb sie für längere Zeit krankgeschrieben wurde.

Schließlich zog die Journalistin im Oktober 2019 nach San Francisco in die USA, um dort für „Bild“ zu berichten. Dort hätte sie ihr Chef jedoch auch gefragt, ob es stimme, dass sie ihren Job in den USA nur wegen einer Affäre mit Reichelt bekommen habe. Sie habe sich im Januar 2020 bei einer hochrangigen Managerin des Springer-Verlags in San Francisco über die Gerüchte beschwert und um Hilfe gebeten. Sie sei aber abgewiesen und ihr Vertrag wenig später nicht verlängert worden. Ein angeblicher Telefonanruf eines Vertrauten Reichelts beim Lebenspartner der Journalistin wird ebenfalls in der Klage genannt. Der Vertraute habe gedrängt, die ehemalige Mitarbeiterin solle „mit niemandem reden“.

Es habe „keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung“ gegeben

Im vergangenen Jahr hatte die ehemalige „Bild“-Mitarbeiterin bereits im Rahmen einer Compliance-Untersuchung ihre Erfahrungen mit Julian Reichelt protokolliert. Reichelt war im März 2021 erst freigestellt, aber kurz darauf wieder eingesetzt worden. Es habe „keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung“ gegeben. Eine Pressemitteilung verkündete damals, der Vorstand befinde, „dass es nicht gerechtfertigt wäre, Julian Reichelt aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind – von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen“.

Nach der Berichterstattung der „New York Times“ über den Fall Reichelt distanzierte sich der Springer-Verlag letztendlich von Reichelt, da er „auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt“ habe. Laut Reichelt seien die Ausführungen der Ex-Mitarbeiterin „kompletter Unsinn und frei erfunden“, sagte er gegenüber der „Zeit“.

Teurer Rechtsstreit steht bevor

Die Klage ist für Springer finanziell sowie unternehmerisch bedrohlich. Die Übernahme des US-Medienunternehmens Politico 2021 kostete den Verlag geschätzt eine Milliarde Dollar sowie rund 300 Millionen Euro für das Aufkaufen des Onlinedienstes „Business Insider“ 2015. Jetzt dürfte die Klage in den USA eine hohe Schadensersatzforderung nach sich ziehen. In vergleichbaren Fällen haben Gerichte häufig zugunsten der Frauen entschieden.

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