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Distribution Summit des MVFP

Bauer-Publishing-Chef Ingo Klinge: Gespräche mit dem Grosso liegen auf Eis

Ingo Klinge, Publishing-Chef von Bauer – Foto: Bauer

Die laufenden Gespräche zwischen den Verlagen und den Grossisten über neue Handelsspannen sind ins Stocken geraten. Grund: Die Verlage fordern dringend eine „grundlegende Reform“ des Pressevertriebssystems. Das stößt bei den Grossisten aber offenbar auf wenig Gegenliebe.

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Seit Jahrzehnten verhandeln die Verlage und Grossisten in regelmäßigen Abständen über neue Handelsspannen. Meist gehen die beteiligten Parteien bei den Gesprächen nach einem Drehbuch vor, um beidseitig ihre Ziele zu erreichen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Grund ist, dass die Verlagshäuser angesichts des wirtschaftlich angespannten Umfelds in schweres Fahrwasser steuern. Sie fordern deshalb, dass das Pressevertriebssystem jetzt endlich radikal reformiert werden soll. Dazu müssten sich die Grossisten bewegen. „Es geht in diesem Jahr nicht um die Verhandlung von Handelsspannen. Das wäre eine kurzfristige Betrachtung des Themas“, sagte Bauer-Publishingchef Ingo Klinge beim 14. Distribution Summit des Medienverband der Freien Presse (MVFP). Vielmehr wollen die G13-Verlage, die Branchenvereinbarung mit den Grossisten aushandeln, über einen radikalen Umbau des Pressevertriebs sprechen, um den Absatz ihrer gedruckten Produkte zu erhalten. 

Dabei wirft Klinge einen vielschichtigen Forderungskatalog in den Raum, über denen die Printhäuser seit Wochen mit den Grossisten ergebnislos verhandeln. Dazu gehört, dass die Grossisten nicht logistische Bereiche stärker zentralisieren, die Zahl ihrer Einheiten verringern, Quersubventionierungen grossovertriebsfremder Aktivitäten stoppen und die Transparenz über regionale Kostenstrukturen erhöhen sollen. Bei den Grossisten stößt der Forderungskatalog offenbar auf wenig Gegenliebe. Laut Klinge sind daher die Gespräche zwischen den Verlagen und Grossisten über eine neue Branchenvereinbarung, die ab Februar 2023 in Kraft treten soll, einstweilen „ins Stocken geraten“. Und weiter: Das sei eine „sehr vorsichtige Formulierung“, so der Publishingchef. 

Massiver Absatzrückgang gedruckter Produkte

Dass die Verlage auf einen radikalen Umbau des Grossosystems drängen, ist verständlich. Denn die gedruckten Produkte sind für die Medienhäuser wirtschaftlich die entscheidende Basis, um die digitale Transformation voranzutreiben. „Dem Erfolg unserer gedruckten Produkte – unserer Zeitschriften – müssen wir mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn ihre Wirtschaftlichkeit bezahlt genau diese Transformation des Geschäfts“, sagt Klinge zur Lage. Der physische Vertrieb von Magazinen und Zeitungen werde daher für die Verlage „weiter ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells bleiben“, so der Publishing-Chef.

Dennoch bröckelt diese Basis massiv. Klinge geht davon aus, dass die Verlage 2030 nur noch 460 Millionen Exemplare absetzen, 2020 waren es hingegen noch 1,2 Milliarden Stück. Dadurch drohen den Unternehmen deutliche Erlösrückgänge, mit ungeahnten Folgen. „Die Umsatzverluste der kommenden Jahre sind in den Grenzen des heutigen Vertriebssystems nicht durch einfache Kosteneinsparungen aufzufangen. Das ist eine absolute Illusion“, so Klinge. Auch durch eine Erhöhung der Handelsspannen könne dies nicht auffangen werden. Käme es hierzu, würde dies die Verlage wirtschaftlich an den Rand des Ruins führen. „Die Belastung für die Verlage wäre schlicht zu groß, für einige sogar existenzbedrohend“, ergänzt Klinge.

Grosso ist gesprächsbereit

Das Grosso zeigt sich hingegen weiter offen für Gespräche mit den Verlagen. Vincent Nolte, Geschäftsführer des Grossisten Presseservice Nord, erklärte auf der Veranstaltung, dass man zu „Gesprächen bereit“ sei. Ein Forderungspunkt sei aber offenbar nicht verhandelbar. Um was es sich dabei handelt, ließ er offen.

Unterdessen wurde Kritik laut, dass bei den Grosso-Gesprächen ausschließlich mit dem G13-Verlagen verhandelt wird. Um wen es sich hierbei konkret handelt, sei aber in der Branche ein Geheimnis. Kleine und mittelständische Medienhäuser hätten keinen Einfluss auf die Gespräche. Sie müssen die neue Grosso-Vereinbarung einfach akzeptieren. 

P.S Grosso-Chef Frank Nolte hat sich nicht – wie berichtet – auf der Veranstaltung geäußert, sondern Vincent Nolte, Geschäftsführer des Grossisten Presseservice Nord. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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