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Menschen und Marken

Maskenpflicht, Tempolimit, Genderstern – unsere Probleme im Kopf

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Menschliche Gestaltungskraft und Anpassungsfähigkeit haben dafür gesorgt, dass unsere Art über sich hinauswachsen konnte. Heute scheint uns diese Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, meint MEEDIA-Gastkolumnist Frank Dopheide.

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Der menschliche Starrsinn hat das Steuer übernommen und sorgt dafür, dass wir uns selbst in Gefahr bringen. Die Medien und Kommunikationsbranche hat daran ihren Anteil. Je mehr kommuniziert wird, desto geringer wird der Erkenntnisgewinn. Das Denken ist gefangen in Filter- und Sprechblasen. Die Informationsflut ist zur Informationswut mutiert. Mit der Digitalisierung wurden unser Blick auf die Welt und unser Denken binär. Alles ist Null oder Eins. Der Raum dazwischen ist leergeräumt. Zwischentöne werden nicht durch Likes und Clicks unterstützt. Die Welt wird komplexer, die Kommunikation eindimensionaler. Der Mensch droht bei dieser Entwicklung die Null zu werden.

Höchste Zeit für die Kommunikator:innen den Blick, den Kopf und die Diskussionen gerade zu rücken. Wie gelingt es, eine Gesellschaft der Hyperaktiven zur Besinnung zu bringen? William Shakespeare wusste: „Kein Ding ist gut oder schlecht, erst das Denken macht es dazu.“ Denken wir einmal darüber nach. Eine absurde Vorstellung: Vielleicht sind viele unserer Probleme gar kein Problem, sondern nur unser Blick darauf. Vielleicht sind Tempolimit, Maskenpflicht, Currywurst oder das Gendersternchen gar nicht das Ende unserer Zivilisation? Vielleicht lassen sich eine ganz Reihe der täglichen Aufreger schon in unserem Kopf lösen. Eine wahre Geschichte: Mein Sohn war klein (drei Jahre), mein Job anstrengend und das Wochenende bitter nötig. Als ein Baggerfahrer diese Erholung zunichte machte. Wutschnaubend lief ich aus der Tür, um einen Streit vom Zaun zu brechen und mein Recht auf Ruhe mit Geschrei durchzusetzen. Als ich meinen Sohn mit leuchtenden Augen auf dem Gartenzaun sitzen sah. Eine Minute später war ich mit Prinzenrolle und Apfelsaft zurück. Wir schauten dem winkenden Baggerfahrer eine ganze Stunde zu und lernten alles, was es über Bagger zu wissen gibt. Diese Stunde ist selbst Jahrzehnte später ein unvergesslicher Vater-Sohn Moment.

„Wäre Moses mit zehn KPIs vom Berg Sinai gekommen, wäre die Geschichte der Menschheit anders verlaufen.“

Wie konnte das passieren? Eine andere Perspektive auf den Bagger genügte. Innerhalb von Sekunden war das Problem gelöst – in meinem Kopf. Wir haben dafür den schönen Begriff der inneren Einstellung. Wir sollten sie einsetzen und uns und unseren Blick auf die Welt neu kalibrieren. Nutzen wir diese magische menschliche Fähigkeit und aberhunderte von Problemen sind vom Tisch – und die Diskussionen gleich mit.

Wo genau beginnt das Problem? Es beginnt meist damit, dass wir versuchen jede Herausforderung in der Welt faktisch und produkttechnisch zu lösen. Ein Problem muss quantifizierbar sein in Euro und Cent, in Geschwindigkeit und Inzidenzwert – dann kann man auch etwas dagegen tun. Wieviel CO2 und Benzin wird eingespart, was bedeutet das für den Spritpreis und den Reifenabrieb? Und wir lernen doch jedes Mal auf Neue: Zahlen messen alles und bewirken nichts. Wäre Moses mit zehn KPIs vom Berg Sinai gekommen, wäre die Geschichte der Menschheit anders verlaufen. Wir haben uns in den Details verliebt und den Blick für das große Ganze verloren. Jetzt sind wir als Kommunikatoren gefragt. Menschen sind seit Geburt „Storytelling Animals“. Wir wollen hören und verstehen. Was ist die Geschichte? In welchem Kapitel sind wir? Und was ist meine Rolle? Doch wir haben statt auf das Verbindendende das Narrativ auf das Trennende gelegt. Wir brauchen den Perspektivwechsel. Dann ist der Anfang gemacht und es fehlt nur noch eins, ein Absender, dem wir Gehör und Vertrauen schenken. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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