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Offener Brief

Documenta-Bericht beim „Spiegel“: „Jagdtrieb wie ‚Bild‘, ‚Welt‘ und AfD“

Peter-Matthias Gaede war lange Jahre "Geo"-Chefredakteur und hat die Publizistik von Gruner + Jahr wesentlich mitgeprägt – Foto: Lia Darjes

Der „Spiegel“ hat die Documenta in Kassel wegen des Skandals um antisemetische Bilder als „Horrorshow“ bezeichnet. Der frühere „Geo“-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede hält die Pauschalkritik für maßlos überzogen. In MEEDIA wendet er sich an den Leiter Meinung & Debatte des „Spiegel“.

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Alexander Neubacher, der Leiter Meinung & Debatte beim „Spiegel“ hat in dem „Spiegel“-Newsletter „Die Lage am Abend“ ein scharfes Urteil über die Kunstaustellung Doucumenta 15 in Kassel gefällt. Anlass war, dass die Stadt Kassel und das Land Hessen ein Expertengremium benannt haben, das den Skandal um antisemitische Exponate bei der Ausstellung aufarbeiten soll. Neubacher bezeichnete die Documenta in seinem Text als „Horrorshow“ und „Spuk“. In MEEDIA wendet sich Peter-Matthias Gaede, langjähriger Chef der Gruner-Zeitschrift „Geo“ an ihn. Zwischenüberschriften stammen von der MEEDIA-Redaktion.

Sehr geehrter Herr Neubacher,

antisemitische Hetze der hässlichsten Art hat sich in einem Bild auf der Documenta 15 befunden, das deshalb zu Recht sehr schnell und bereits vor Wochen abgehängt wurde. Die vielfach kritisierte Geschäftsführerin der Documenta 15 hat ihren Dienst quittieren müssen. Ruangrupa, das Kuratoren-Team der Documenta 15, hat sich mehr als einmal entschuldigt. Angesichts der Besetzung eines Experten-Gremiums zur d 15 wissen Sie aber immer noch nicht, so schreiben Sie, ob Sie weinen oder lachen sollen. Ich bin mir da sicherer: Ich muss weinen. Und zwar über Ihren Text.

Der Jagdtrieb, den „Bild“ und „Welt“ und in einer besonderen Volte sogar die AfD auf vermeintlich in allen Gremien der Documenta 15 verwurzelte Antisemiten entfalten, ist deren Sache. Wie aber auch Sie und weitere Kolleg*innen vom „Spiegel“, ebenso wie manche von der „SZ“, derart hyperventilieren, einen derartigen Furor gegenüber der gesamten Documenta 15 entwickeln, halte ich für eine Form von Erregungsjournalismus, die fassungslos machen kann.

Waren Sie in Kassel? Haben Sie sich alle Exponate angeschaut? Oder, was ich vermute, möchten Sie sich ihr Urteil über das, was Sie einen „Spuk“ und eine „Horrorshow“ nennen, einfach nicht durch direkte Recherche verderben lassen? Dann wäre es ein Haudrauf-Journalismus der simpelsten Art, ein Armutszeugnis. 

„Kapitale Großartigkeit“

Vermutlich werfen Sie in Ihrer kapitalen Großartigkeit selten bis nie einen Blick zum Beispiel in die täglichen Ausgaben der Kasseler Lokalzeitung, der „HNA“. Dort wird um Längen differenzierter berichtet, als Sie das tun. Dort kommen (auffallend gelassene) Stimmen aus Israel zu Wort. Dort kommt ein in Haifa geborener Historiker zu dem Schluss, dass es sich entgegen Ihrer Behauptung bei den 1988 in Algerien erschienenen Zeichnungen nicht um Antisemitismus handelt, allerdings um Kritik an der Politik des Staates Israel, die ja angeblich erlaubt ist – in Wahrheit aber immer als Antisemitismus pauschalisiert wird. Und dort, in der „HNA“, erscheint ein israelischer Politologe, der das „Skandalbild“ sogar hätte hängen lassen. Um es zu diskutieren. Und dort ist zum Beispiel auch ein vorsichtiger Beitrag darüber erschienen, ob man Picassos Guernica von Palästinensern „missbrauchen“ lassen dürfe – oder ob es aus der Perspektive eines Bombenopfers, das womöglich nicht einmal Hamas-Anhänger ist, nicht ein Kriegs-Trauma geben darf, auch wenn die Rakete aus Israel kam.

Noch einmal: Waren Sie bei der Documenta 15? Haben Sie sich die Werke von circa 1.500 Menschen angesehen – von Aborigines, von Roma und Sinti, von Opfern der kubanischen Diktatur? Von Menschen, die Unterdrückung und Repression erfahren haben? Von den Marginalisierten? Von den Verlierern der Globalisierung? Von jenen, die den Klimawandel anders als in unserer Komfortzone erleben? Haben Sie die poetischen Werke aus Vietnam und Indien gesehen? Aus Wind, Flötentönen, Blätterschatten? Aus Sand, aus Baumwolle, aus Ästen? Also alles das, was Sie unter einer „Horrorshow“ des Antisemitismus versammeln.

Und die andere Frage: Vielleicht habe ich’s überlesen, aber wo sind Sie ähnlich empört, und wo sind viele andere Kolleg*innen ähnlich wie jetzt bei der Documenta 15 sensibel, wenn es um die Schändung jüdischer Friedhöfe geht, um den Angriff auf Synagogen, um die Zerstörung von Stolpersteinen, um die Schläge auf Menschen, die es wagen, die Kippa zu tragen, um die „Judensau“ von Wittenberg? Müssen wir den latenten und seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland unter vermutlich 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung verbreiteten Antisemitismus nicht dann doch noch wichtiger nehmen als ein Bild auf einer Kunstausstellung, das anderthalb Tage zu sehen war?

„Gesinnungspolizei“

Ich lese nur, dass Sie nun offenbar bis ans Ende aller Documenta-Tage Menschen in die Verantwortung nehmen wollen (u.a. Frau Roth), die nach unserem zumindest bisherigen Verständnis von Kunst- und Meinungsfreiheit weder dazu berufen noch in der Lage waren, als Gesinnungspolizei jede 10 mal 20 Zentimeter große Zeichnung vorab daraufhin zu überprüfen, ob sie womöglich ein Angriff auf das sein könnte, was wir dem jüdischen Volk für immer schulden. Ja, wir tun das! Denn wir waren die Mörder, wir haben den Holocaust zu verantworten.

Nicht aber waren es zum Beispiel die Palästinenser. Und nicht war es ein Künstlerkollektiv aus Indonesien oder sonstwoher aus jenem „globalen Süden“, dessen Hervorbringungen auf der Documenta 15 man nun wahrlich nicht sämtlich befeiern muss, sogar auch mitunter für platt halten kann, dessen Stimme wir aber doch wenigstens anhören sollten.

Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Kassel, das ich vor einigen Tagen getroffen habe, bereitet gerade eine gemeinsame Abend-Veranstaltung mit Ruangrupa vor. Vielleicht erlaubt es die Spesenordnung des „Spiegel“ und erlaubt es Ihre Freizeitplanung, sich dieser Erfahrung auszusetzen. Oder mögen Sie sich lieber dem „Bild“-Urteil von einer „Documenta der Schande“ anschließen? 

„Sagen, was ist.“ Das steht doch so schön an der „Spiegel“-Wand. Vorschlag: Setzen Sie sich dem, was ist, einmal persönlich aus.

Mit besten Grüßen
Peter-Matthias Gaede

Korrektur-Hinweis: Im Text stand ursprünglich, die Schmähplastik „Judensau“ stehe in Wittenberge. Sie steht tatsächlich in Wittenberg.

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