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Die GAFAM-Kolumne

An diesen Produkten sparen Apple-Fans in der Rezession 

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Was tun, wenn der Gürtel enger geschnallt werden muss? In Zeiten der Inflation und Rezession stehen immer mehr Tech-Fans vor der Frage, an welchem Produkt man am ehesten sparen könnte. Apples jüngste Quartalsbilanz bietet darauf eine überraschende Antwort.

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Hand aufs Herz: Ist die Rezession / Inflation / Stagflation schon bei Ihnen angekommen? Bei mir ist das Sparpotenzial ohnehin ziemlich begrenzt, ich führe ein ziemlich frugales Leben ohne Auto, unnötige Restaurantbesuche und sonstigen Schnickschnack. Wenn ich mir etwas im größeren Stil leiste, dann meist Apple-Produkte. 

Zuletzt habe ich das vor dem Beginn der sich abzeichnenden Rezession um die Jahreswende in Form eines neuen MacBook Pro getan – ganz einfach, weil es nach enormen acht Jahren Durchhaltevermögen an der Zeit war. Ein neuer iMac ist als nächster an der Reihe; diese Zeilen werden auf einem bereits sieben Jahre alten stationären Mac getippt. Erst wenn das Fragezeichen-Symbol beim Hochfahren auftaucht, werde ich tätig werden (müssen). 

Und sonst so? Mein iPad habe ich nach fast einer Dekade vor zwei Jahren erneuert, mein iPhone ist als iPhone 13 Pro Max dagegen auf dem neusten Stand; es kann von mir aus drei Jahre bis zum nächsten Upgrade dauern. Aber wie sieht es eigentlich mit Apple Watch und AirPods aus, den jüngsten Produktkategorien? Meine Apple Watch ist schon wieder drei Jahre alt – doch ein Impuls nach Erneuerung drängt sich bei mir nicht auf; dafür müsste Tim Cook schon ein paar bahnbrechende Extrasensoren präsentieren. Bei den AirPods spiele ich ebenfalls so lange auf Zeit, bis ich tatsächlich mal ein Paar am Falkensteiner Ufer oder sonst wo verliere, was seit vier bzw. fünf Jahren nicht passiert ist. Ich kaufe neue Apple-Produkte eigentlich nur noch, wenn ich muss, nicht weil mich ein Update so sehr begeistert, Extra-Euros rauszurücken.

Diese Überlegung haben andere Apple-Kunden offenbar auch – die Langlebigkeit der iPhone-Modelle nimmt immer mehr zu. Apple beziffert den sogenannten Upgrade Cycle des iPhones auf drei Jahre, Top-Analysten wie Toni Sacconaghi sprechen von mehr als vier Jahren. Wie es in Zeiten engerer Budgets den anderen Apple-Produkten geht, war in der vergangenen Woche bei Vorlage der jüngsten Quartalsbilanz gut nachzuverfolgen.

Wichtigste Erkenntnis: Das iPhone bleibt Apples Lebensversicherung und wächst in Krisenzeiten immer noch, wenn auch nur noch um drei Prozent auf 40,66 Milliarden Dollar. Die fokussiert betrachteten stärksten Zuwächse verbucht die Servicesparte mit einem Plus von 12 Prozent. Indes: Im März-Quartal waren es noch 17 Prozent – und die Umsätze fielen marginal höher aus. Ergo: Die monatlich kündbaren Abos von Apple Music, Apple TV, iCloud u.a. können je nach Haushaltslage entsprechend schnell angepasst werden.

Bereits im zweiten Kalenderquartal rückläufig tendierten unterdessen die Absätze der älteren Hardwaresparten iPad (– 2 Prozent) und der Mac-Division (– 10 Prozent), die in der Pandemie unerwartet aufgeblüht waren, nun aber teilweise mit Lieferkettenproblemen zu kämpfen hatten.

Die eigentliche Negativüberraschung der an sich soliden Quartalsbilanz ist indes die jüngste Sparte des Kultkonzerns aus Cupertino, die Apple Wearables, Home and Accessoires nennt. Gemeint sind damit die beiden jüngsten Produktkategorien, die Apple Watch und die AirPods, aber auch der HomePod und der noch ältere Bereich Accessoires (Kabel, Maus, etc.).

Der Löwenanteil der Absätze entfällt dabei auf die Apple Watch und AirPods, die nach Schätzungen des Wedbush-Analysten Dan Ives bei Verkäufen von 100 Millionen Einheiten Umsätze von 20 Milliarden Dollar genierten könnten und damit bereits 5 Prozent aller Konzernabsätze ausmachen.

Allein: In Krisenzeiten scheinen es sich Apple-Kunden durchaus genauer zu überlegen, ob die Accessoires an Hand und im Ohr wirklich sein müssen. Per Ende Juni musste Tim Cook nämlich ein Novum ausweisen: Nachdem die Wearables-Sparte in den vergangenen Jahren noch zur am schnellsten wachsenden Konzern-Unit avancierte, ist nun das Undenkbare passiert – die Absätze schrumpften erstmals! Im zweiten Kalenderquartal 2022 erlöste Apple mit dem Wearables-Segment 8,08 Milliarden Dollar, während im Vorjahreszeitraum noch 8,77 Milliarden Dollar erlöst wurden. Gegenüber dem ersten Quartal beträgt das Absatzminus 740 Millionen Dollar.

Wir lernen: Apples jüngste Produkte nach dem iPhone-Wunder hatten in den sechs bis sieben Jahren nach dem Launch einen tollen Lauf. Aber wenn es hart auf hart kommt und das Portemonnaie mit Entzugserscheinungen zu kämpfen hat, sind die Produkte genau das, als was es ihr Segment treffend beschreibt: Accessoires. Ein Nice-to-Have-Luxusartikel, an dem als erstes gespart wird. Ich würde es genauso machen und im Worstcase meine alten 19 Euro teuren kabelgebundenen EarPods reaktivieren. Kultiger ist das Retromodell seit einiger Zeit ohnehin wieder.

+++ Short Tech Treads +++

Barron’s: Gut ist für Airbnb nicht gut genug

Die Quartalssaison von Tech- und Internetunternehmen ging in dieser Woche vor allem in der zweiten Reihe weiter. So berichtete am Dienstag nach Handelsschluss Airbnb über den abgelaufenen Dreimonatszeitraum, in dem die Reiseaktivität zu Sommerbeginn wieder merklich anzog.

Der digitale Zimmervermittler konnte im zweiten Quartal seine Umsätze um stolze 58 Prozent steigern und einen Rekordgewinn von 371 Millionen Dollar verbuchen. Das war mehr als die Wall Street erwartet hatte, doch die Frage bleibt: Haben die strammen Zuwächse auch in den nächsten Quartalen Bestand? Die Wall Street bleibt skeptisch und schickt die Aktie auch unten.

CNBC: Dating in Zeiten der Rezession – wird’s billiger?

Dass die Kurse trotz der starken Kurserholung im Juli für Tech- und Internetaktien nicht beliebig in den Himmel wachsen, dokumentiert der harte Abverkauf von Match in dieser Woche. Der Grund: enttäuschende Quartalszahlen.

Der Tinder-Erfinder verfehlte mit Umsätzen von 795 Millionen Dollar die Wall Street-Schätzungen und einem Ausblick auf das laufende Quartal in ähnlicher Höhe die Analystenerwartungen. Das Wachstum würde damit komplett zum Erliegen kommen. In Zeiten der Rezession und Inflation muss der Gürtel eben enger geschnallt werden – Premium Partnerbösen haben es offenbar schwer. Wie hieß es doch im Sommerhit von Janet Jackson und Luther Vandross vor 30 (!) Jahren: „The best Things in Life are free„. Tinder-Mutter Match gefällt das nicht – die Aktie verliert 20 Prozent an einem Handelstag.

TheStreet.com: Ist PayPal auf dem Weg zum Turnaround?

Eines der prominentesten hoch kapitalisierten Tech-Opfer des ersten Halbjahres ist PayPal, dessen Aktie seit Jahresbeginn zwei Drittel an Wert verloren hat. War der drastische Abverkauf übertrieben? Anleger bringen sich nach den jüngsten Quartalszahlen, die ebenfalls Dienstag nach Handelsschluss vorgelegt wurden, jedoch wieder in Stellung.

Der Bezahldienstleister konnte die Umsätze um 9 Prozent auf 6,81 Milliarden Dollar steigern und damit die Konsensschätzungen marginal schlagen. Zusätzlichen Auftrieb verleiht der Einstieg des Vermögensverwalters Elliott Management und ein neues 15 Milliarden Dollar schweres Aktienrückkaufprogramm. Die PayPal-Aktie legt daraufhin wieder fast auf 100 Dollar zu.

+++ One more thing: Ist Scott Galloway der Howard Stern der Business-Welt – oder ein heimlicher Männer-Erklärer?+++

Der beste Artikel, den ich diese Woche gelesen habe, kommt unterdessen aus der „New York Times“. Das ist an sich keine Überraschung, wohl aber der Inhalt: Erst jetzt bringt die „Gray Lady“ das In-Depth-Porträt von Tech-Tausendsassa Scott Galloway, den ich in der Kolumne immer wieder gerne zitiere.

Regelmäßige Leser wissen: Ich bin kein Galloway-Fan, weil der omnipräsente Marketing-Professor, Bestsellerautor und Podcaster einfach zu oft falsch liegt (von Alibaba bis Tesla) – das jedoch in einer extrem selbstbewussten, sehr männlichen, aber auch gleichzeitig unterhaltsamen Art und Weise. Galloway vereint damit vieles, was mir an der (Selbst-)Marketingbranche missfällt, besitzt dabei aber immerhin Originalität und Authentizität.

Mich eingenommen hat Galloway mit einem Buch, das in der Wertschätzung des inzwischen 57-Jährigen fast vollkommen untergegangen ist – das vor drei Jahren veröffentlichte „Algebra of Happiness“, in dem Galloway beschreibt, wie er wurde, was er ist – und auf dem Weg dahin scheiterte.

Diese Verletzlichchkeit überrascht beim Ego-Shooter Galloway, der schon mal Stolz oben ohne zeigt, um 30 Jahre harter Arbeit im Fitnessstudio zu dokumentieren. Doch sie scheint einem Plan zu folgen, wie das „NYT“-Porträt deutlich macht. „Es gibt viel Platz für weiße, heterosexuelle Männer, die über ihre Emotionen sprechen“, erklärt Galloway dem US-Leitmedium, in dessen Vorstand er einst saß. Ist der Seelenstrip am Ende also Kalkül, wieder einmal PR in eigener Sache? Man weiß es ja nie so genau beim Sprücheklopfer Galloway, dem die Zitierfähigkeit manches Mal über den Inhalt zu gehen scheint. „Irgendwann werde ich in die Augen meines Sohnes blicken und weiß, dass unsere Beziehung zu Ende ist. Und das ist ok“, wird Galloway zitiert. Ich glaube ihm kein Wort.

Die besten Passagen des faszinierenden Long Reads liefert unterdessen Galloways regelmäßige Podcast-Partnerin, die sich in der Techbranche lange vor dem breitbeinigen Seriengründer einen Namen gemacht hat: Kara Swisher. Die Reporterlegende erzählt, wie sie Galloway zunächst „für einen Trottel“ hielt, nennt seine zur Schau getragene Verletzlichkeit „eine offene Wunde“ und attestiert Galloway, dass er „jeden Tag“ alles riskiert. In anderen Worten: Es ist der Must-Read-Tech-Artikel des Sommers.

Viel Spaß + bis nächste Woche!

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