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Wochenrückblick

Das N-Wort, die Cancel-Culture und Kalendersprüche aus dem Hause Vettel

In dieser Wochenrückblick-Kolumne widmen wir uns mal wieder den ganz leichten Themen: Rassismus, Cancel-Culture und, jawohl, „Gender-Gaga“. Als Bonus gibt es dann noch was zu dem neuen König des Kalenderspruchs: Sebastian Vettel!

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Zum Zeitpunkt, da diese Kolumne entsteht, trendet in D-Land das N-Wort. Also nicht das N-Wort selbst, das darf ja nicht mehr gesagt werden (sagt wer?), sondern der Begriff „N-Wort“. Anlass scheint ein Ausschnitt aus dem allseits beliebten Interview-Podcast „Hotel Matze“ zu sein, in dem Sarah Kuttner „Neger“ sagt. Im Podcast selbst wurde das Wort offenbar gepiept, jedenfalls in den Ausschnitten, die ich im Netz gehört habe.

Also wird jetzt wieder herzlich darüber gestritten, ob man das jetzt sagen darf oder gar nicht, weil es ja Rassismus perpetuiert. Sarah Kuttner argumentiert im Podcast sinngemäß, dass man Worte generell nicht verbieten solle, sondern schauen müsse, in welchem Kontext sie genutzt werden. Also N-Wort OK, wenn zitiert wird und damit beispielsweise rassistische Vorkommnisse beschrieben werden. Die Debatte ist nicht neu. Wir erinnern uns den Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil, der bei der „New York Times“ rausgedrängelt wurde, weil er bei einem Ausflug mit Schülern das „N-Wort“ benutzt hatte. Der Begriff fiel im Rahmen einer Diskussion um rassistische Sprache, nicht etwa weil McNeil selbst jemanden beleidigt hat. Die Geschäftsführung der Zeitung erklärte damals, es käme nicht auf die Absicht an, mit der das Wort genutzt werde: „Intend does not matter“. McNeil selbst hat die Geschichte detailliert bei medium.com aufgeschrieben. Es lohnt sich, das zu lesen.

Also was ist jetzt mit dem N-Wort hier und heute in D-Land? Ich finde, Kontext und Absicht sollten durchaus eine Rolle spielen. Und ich finde Frau Kuttner hat recht, wenn sie sagt, dass es nicht wirklich besser ist, „N-Wort“ zu sagen. Es steht außer Frage, dass das Wort rassistisch und beleidigend ist und man auf gar keinen Fall jemanden so bezeichnen sollte. Jedenfalls nicht im Alltag. In der Kunst? Schon wieder schwieriger. Große Teile des Oeuvres von Quentin Tarantino wären ohne das „N-Wort“ nicht darstellbar. Nehmen wir diese geniale Szene aus „Pulp Fiction“:

Ich vermag hier keinen Rassismus zu erkennen. Liegt das an mir? Sollte die Szene heute im TV oder sonstwo gepiept werden? Müssen wir die Tarantino-Filme verbieten? Würde das ernsthaft jemand verlangen?

Auch dieser Ausschnitt mit Roberto Blanco aus der Talkshow von Jörg Thadeusz wurde diese Woche bei Twitter herumgereicht:

Niemand muss derselben Meinung sein wie der Herr Blanco. Ich bin es auch nicht. Aber was ich in dem Ausschnitt vor allem sehe, ist ein weißer Mann, der einem Schwarzen erklärt, was der zu finden habe und was OK ist und was nicht. Wie OK ist das denn?

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Schlagzeilen machte diese Woche die Schweizer Mundart-Reggae-Band Lauwarm. Ein Konzert der Gruppe in Bern musste abgebrochen werden, weil sich Leute aus dem Publikum beschwerten, dass die Bandmitglieder Rastafrisuren und afrikanisch anmutende Kleidung trugen, obwohl sie weiß sind. Die Beschwerdeführer fühlten sich darum „unwohl“. Der Veranstalter Brasserie Lorraine folgte dem mittlerweile leider bekannten Drehbuch und entschuldigte sich auf Social Media. Dass die böse Band gebucht wurde, sei auf „Sensibilisierungslücken“ zurückzuführen. „Wir haben es verpasst, uns im Vorherein genug damit auseinanderzusetzen und euch zu schützen“, so die Brasserie auf Facebook. Für den 18. August ist jetzt eine Diskussion zum Thema „kulturelle Aneignung“ angesetzt. Der Kotau erinnert mich an die Entschuldigung von Sophie Passmann, um die es vergangene Woche an dieser Stelle ging.

Florian Klenk, Chefredakteur des Wiener „Falter“ und rechter Umtriebe unverdächtig kommentierte den Fall „Lauwarm“ auf Twitter:

Was wäre die korrekte Reaktion gewesen? Na, den Beschwerdeführern zu sagen, sie sollen sich schleichen!

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Cancel-Culture? Check! Rassismus? Check! Fehlt eigentlich nur noch „Gender-Gaga“. Bittesehr: Beim Bayerischen Rundfunk wurde über das Gendern diskutiert und anschließend eine Umfrage durchgeführt, wie die jungen Leute das jetzt nach der Debatte finden. Das Ergebnis der Umfrage war eher niederschmetternd für die Gender-Fans:

Man beachte die Gesichter, als das Umfrage-Ergebnis verkündet wird. Als hätten sie auf eine Zitrone gebissen.

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Sich selbst gecancelt hat Sebastian Vettel, und zwar bei der Formel 1. Seinen Ausstieg aus dem Rennzirkus erklärte er mit einem seltsam anmutenden Schwarzweiß-Video auf Social Media, das eine irritierend hohe Kalenderspruchdichte aufwies.

Kostprobe:

„Wir leben in einer sich stark verändernden Welt. Wie wir alle die nächsten Jahre gestalten, wird unser zukünftiges Leben bestimmen. Formel 1 Fahrer zu sein, bringt Dinge mit sich, die mir nicht mehr gefallen. Vielleicht werden diese irgendwann gelöst. Aber der Wille, diese Veränderungen umzusetzen, muss viel stärker werden und schon heute zum Handeln führen. Reden reicht nicht mehr aus und wir können es uns nicht leisten, zu warten. Es gibt keine Alternative. Das Rennen hat bereits begonnen. Mein bestes Rennen? Liegt noch vor mir. Ich glaube an das Morgen. Zeit verläuft in eine Richtung und ich möchte mit der Zeit gehen. Wenn man zurückblickt, wird man eh nur langsamer.“

Undsoweiterundsofort. Welche Agentur verzapft so etwas?

Vettel besitzt nicht einmal den Mumm, konkret zu benennen, welche Dinge ihm an der Formel 1 nicht mehr gefallen. Vielleicht gefällt ihm auch nicht, dass er seit Jahren nicht mehr vorne mitfährt. Hier ist noch ein schöner Kalenderspruch für das Vettel’sche Phrasen-Brevier: Mit Abgasen im Gesicht, sieht man Probleme häufig klarer.

Schönes Wochenende!

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