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Die GAFAM-Kolumne

Meta hat 99 Probleme – Kylie Jenner und „Pink Slips“ sind zwei davon

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

2022 ist ein Annus horribilis für den Mutterkonzern von Facebook – schon wieder. Während in der Vergangenheit PR- und Datenschutzskandale für Negativschlagzeilen sorgten, sind die Probleme diesmal in Dollar und Cent abzulesen.

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Gehören Sie inzwischen auch zu den Facebook-Hatern? Nichts ist im Social Media-Space so ein Konsens wie der Abgesang auf das weltgrößte soziale Netzwerk, auf dem angeblich nichts mehr los ist und sich nur noch Boomer herumtreiben würden.

Obwohl ich rechnerisch nicht zur Kohorte zähle, ist auch bei mir alles wie immer. Ich poste weniger, dafür praktisch das Gleiche auf Instagram wie auf Facebook. Die Begeisterung ist schon länger verflogen, der Frieden ist gemacht, sowohl beim Original als auch bei der vor zehn Jahren zugekauften Foto-Plattform, aber den großen Argwohn verspüre ich auch nicht. Das mag daran liegen, dass ich als GenX’ler in den vergangenen Jahren keine gesteigerte Notwendigkeit empfunden habe, die neusten Hypes mitzumachen – ich bin bei Boomerang hängen geblieben und habe bis heute kein einziges Reel produziert. 

Ganz im Gegenteil zur bekanntesten Insta-Nutzerin – Kylie Jenner. Die inzwischen 24-Jährige bringt es mittlerweile auf über 360 Millionen Follower; entsprechend viel Gewicht haben ihre Posts. In Menlo Park dürften Anfang der Woche die Alarmsirenen geschrillt haben, als sich die Mode-Ikone in unerwartet deutlichen Worten zur Entwicklung bei Instagram äußerte. 

„Mach Instagram wieder zu Instagram“, repostete Jenner in ihrer Instagram Story einen Post, der weiter ausführte: „Versuch nicht, TikTok zu sein, ich will einfach süße Bilder meiner Freunde sehen.“   

Damit spielt die Super-Influencerin, die sich vor drei Jahren kurzzeitig als „Forbes“-Milliardärin fühlen durfte, auf das Redesign und den neuen Fokus von Instagram an. Die zu Meta gehörende App versucht nämlich seit Kurzem gezielt das Video-lastige Reels-Format zu pushen, um den Siegeszug von TikTok aufzuhalten. 

Und wenn Jenner zur Kritik ausholt, wird es meist ernst im Silicon Valley. Vier Jahre ist es her, als das Nesthäkchen des Kardashian-Clans ihrem Frust über die Änderungen bei Snapchat freien Lauf ließ. „Öffnet Ihr Snapchat auch nicht mehr – oder geht es nur mir so? Oh, das ist so traurig“, twitterte die damals 20-Jährige. An der Wall Street kamen die Signale an: Die Snap-Aktie verlor seinerzeit im Zuge von Jenners Tweet knapp acht Prozent an Wert. Oder anders berechnet: Der Tweet des einstigen Aushängeschilds kostete Snap mal eben 1,5 Milliarden Dollar an Börsenwert.

Nicht besser erging es Instagram-Mutter Meta an den Tagen nach Jenners Insta-Story: Die unverhohlene Kritik dürfte maßgeblichen Anteil daran gehabt haben, dass der Social Media-Pionier an zwei aufeinanderfolgenden Handelstagen zusammen ein Minus von mehr als sechs Prozent bzw. einen Wertverlust von fast 25 Milliarden Dollar im Börsenwert einstecken musste. Adam Mosseri erklärte dennoch in einem Statement, am Schwenk zu mehr Videos festhalten zu wollen. 

Und das war erst der Anfang einer weiteren Horrorwoche in Metas Horrorjahr: Nach dem jüngsten Zahlenwerk, das gestern nach Handelsschluss veröffentlicht wurde, gewann die Schussfahrt nach unten abermals an Dynamik. Nach Blick auf das erneut enttäuschende Zahlenwerk für das zweite Quartal allerdings vollkommen zurecht: Meta steckt – so muss man es ohne Umschweife sagen – in der größten (Identitäts-)Krise seines 18-jährigen Bestehens.

Erstmals in der Unternehmenshistorie musste das Social-Media-Konglomerat im Juni-Quartal einen Umsatzrückgang ausweisen. Zwar fiel der mit einem Minus von einem Prozent von 29,07 auf 28,82 Milliarden Dollar noch marginal aus, doch im laufenden Quartal dürfte sich die Geschäftsentwicklung weiter verschlechtern, wie Konzernchef Zuckerberg eingestehen musste. Lediglich 26 bis 28,5 Milliarden Dollar Umsatz stellte Meta im September-Quartal in Aussicht – und damit weniger als im abgelaufenen Dreimonatszeitraum. Analysten hatten noch bis 30,5 Milliarden Dollar Umsatz gerechnet. Die aktuelle Schwäche aus dem Werbemarkt werde „von der makroökonomischen Unsicherheit hervorgerufen“, verbreitete der Meta-CEO in der anschließenden Analystenkonferenz wenig Hoffnung auf schnelle Besserung.

Die Konzernbilanz erodiert indes nicht ohne eigenes Zutun, wie der dramatische Gewinneinbruch von 36 Prozent auf nur noch 6,7 Milliarden Dollar verdeutlicht. Fast drei Milliarden Dollar Verlust verursachte die Metaverse-Sparte Reality Labs – ein Luxus, den sich Meta inzwischen kaum länger leisten kann, wie die gnadenlose Reaktion der Wall Street in diesem Jahr beweist. Möglicherweise ist das Metaverse in der kommenden Dekade die Zukunft des Social Media-Giganten, aktuell jedoch droht Zuckerberg mit seiner Alles-oder-Nichts-Wette die Gegenwart zu verspielen.

Passend dazu verschärft der 38-Jährige intern den Ton: „Realistisch betrachtet gibt es bei uns ein paar Leute, die nicht hier sein sollten“, trichterte der Meta-Boss seiner Belegschaft ein. Es könnte das rhetorische Warm-up zu einschneiden Maßnahmen sein: Wie „Business Insider“ berichtet, könnte bei Meta gar eine Kündigungswelle von Shopifyschen Proportionen bevorstehen, die zehn Prozent der Belegschaft den viel zitierten „Pink Slip“ – den Entlassungsbrief – einbringen könnte.      

Die Daumenschrauben werden in Menlo Park also angezogen – die Zeiten der Schirmchendrinks sind eindeutig vorbei. Es zählt nur noch High Performance. Unerfreulicherweise für Meta also genau das, was die eigene Aktie in diesem Jahr so schmerzlich vermissen lässt. Das Minus seit Januar beträgt mehr als 50 Prozent.  

+++ Short Tech Reads +++

Marketwatch: Alphabet-Aktien legen trotz Gewinnrückgang zu 

Es ist wieder so weit: Die Quartalssaison hält diese Woche alle Big Tech-Aktionäre in Atem. Am Dienstag nach Handelsschluss machte Alphabet unter den GAFAMs den Anfang – mit einem an sich durchwachsenen Zahlenwerk. 

Die Umsätze legten zwar noch um 13 Prozent auf 69,69 Milliarden Dollar zu, die jedoch unter den Konsensschätzungen der Wall Street von 69,9 Milliarden Dollar lagen. Die schwächer als erwartete Erlösentwicklung war auch in den jüngeren Wachstumssparten wie der Cloud-Unit und YouTube zu beobachten. Der Nettogewinn ging unterdessen von 18,5 Milliarden Dollar auf 16 Milliarden Dollar zurück. Dass die Alphabet-Aktie in Reaktion auf das Zahlenwerk dennoch um vier Prozent zulegte, lag an den zuvor eingetrübten Erwartungen.    

CNBC: Microsoft verfehlt ebenfalls Erwartungen, überrascht aber mit robustem Ausblick  

Quartalssaison, die Zweite: Mit Microsoft vermeldete ebenfalls am Dienstagabend als nächstes GAFAM-Mitglied seine Geschäftsbilanz für das zweite Quartal – und wieder reagierte die Wall Street wohlwollend. Und das, obwohl das Zahlenwerk zunächst mit Umsätzen von 51,87 Milliarden Dollar (Plus 12 Prozent) und einem Nettogewinn von 18,8 Milliarden Dollar (Plus 21 Prozent) leicht unter den Analystenerwartungen gelegen hatte. Indes: Der Ausblick für das nächste Fiskaljahr mit weiterhin zweistelligen Umsatzzuwächsen wurde von CEO Satya Nadella bestätigt, was nachbörslich ebenfalls zu einem Kursplus von vier Prozent führte. 

Bloomberg: Apple Watch kommt als Premium-Version mit Redesign 

Mutmaßlich noch sechs Wochen, dann können sich Apple-Fans wieder auf ihren „iDay“ freuen – die nächste Keynote aus Cupertino wird im September erwartet. Neben neuen iPhones dürfte der wertvollste Konzern der Welt auch Updates bei der Apple Watch vornehmen – in diesem Jahr gleich in verschiedenen Modellen. 

Wie der gut vernetzte Bloomberg-Reporter Mark Gurman berichtet, könnte der Techpionier neben der neusten Generation auch eine Premium-Variante namens Apple Watch Pro auf den Markt bringen, die über ein 15 Prozent größeres Display verfügt. Lang erwartete neue Sensoren für die Blutzucker- und Blutdruckmessung würden sich indes weiter verzögern, schreibt Gurman bei Bloomberg.     

+++ One more Thing: Schadenfreude oder Schatzifreude? So steht es um Elon Musks Sex-Leben  +++

Ein Wochenende ohne Elon Musk-Tweets wäre ein langweiliges Wochenende, keine Frage: Mit der Beständigkeit eines Seismografen feuert der reichste Mann der Welt gegen Ende der Woche – bevorzugt Samstag- oder Sonntagnacht – neuste Gedankenspiele in die Stratosphäre des 280-Zeichen-Dienstes.

Dass es dabei skurril zugeht, ist keine Neuigkeit. Aber was den Tesla-CEO am vergangenen Wochenende geritten hat, auf Deutsch zu twittern (und was), könnte Stoff für Serien sein. Musk überraschte mit rhetorischen Figuren, die auch ein Kraftwerk-Album hätten zieren können.

„Gehalt und Gestalt“, twitterte der 51-Jährige. „Schadenfreude oder Schatzifreude“ folgte, was einige Belehrungen von Nutzern des Mikrobloggingdienstes zur Folge hatte – das Wort gäbe es schließlich gar nicht im Deutschen.    

Möglich, dass Musk da schon wusste, womit am nächsten Tag das „Wall Street Journal“ aufmachen sollte – nämlich mit der Enthüllungsgeschichte um eine angebliche Kurz-Affäre des zehnfachen Vaters mit der Ehefrau seines Buddys, dem Google-Gründer Larry Page. Musk dementierte und ging – kein Witz – mit einem Update zu seinem Sex-Status in die Offensive.

Es folgte, wenig überraschend, auch eine üppige Portion Medienschelte.

Am Ende schien der 252-fache Milliardär dann aber doch schnell die Kurve in intergalaktische Sphären zu bekommen. Kaum auszudenken, was uns an diesem Wochenende erwartet.  

Stay tuned + bis nächste Woche!

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