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Nach Shitstorm

Der Twitter-Account von Sophie Passmann ist offline

Autorin Sophie Passmann ist aktuell in der Amazon Serie "Damaged Goods" zu sehen, wegen einer Feminismus-Debatte steht sie aktuell in der Kritik. Ihren Twitter-Account hat sie jetzt offline genommen..

Autorin Sophie Passmann ist aktuell in der Amazon Serie "Damaged Goods" zu sehen. Nach Interviewaussagen von Passmann in der "Annabelle" startete eine große Debatte. Jetzt hat die Autorin ihren Twitter-Account abgestellt – Foto: Imago

Nach Interviewaussagen von Sophie Passmann zu Schwarzen Aktivistinnen sah sich die Autorin starker Kritik ausgesetzt. Passmann entschuldigte sich mittlerweile. Jetzt ist ihr Twitter-Account nicht mehr erreichbar.

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„Etwas ist schiefgelaufen“ ist unter dem Account von Sophie Passmann zu lesen, wenn man mit dem Handy das Twitterprofil der Autorin besucht. Über die Desktopansicht kommt sofort die Meldung „Dieser Account existiert nicht“. Das Twitter-Handle @sophiepassmann, das inzwischen über 200.000 Follower versammelte, ist nicht mehr zu erreichen. Vorangegangen war eine Debatte nach einem ausführlichen Interview von Passmann mit dem Schweizerischen Magazin „Annabelle„. Dort hat Passmann, die Promotion für die Amazon-Serie „Damaged Goods“ mit ihr in der Hauptrolle machte, sich unter anderem über das Engagement von Schwarzen Frauen geäußert, die auf ihre rassistischen Erfahrungen aufmerksam machen. Unter anderem sagte sie: „Wenn Redaktionen im Namen des Antirassismus eine Schwarze Frau zum vermeintlichen Sprachrohr von rassistischen Erfahrungen in Deutschland machen, führt das dazu, dass wieder nur ein Standard reproduziert wird: Wer spricht am lautesten, am funkiesten in ein Interview-Mikrofon hinein? Ohne dabei irgendetwas gegen Rassismus getan zu haben.“ Ein Vergleich zu Erfahrungen von Frauen in der #MeToo-Debatte hielt sie nicht für angebracht, das sei „auf einer ganz anderen Landkarte“, so die Autorin in dem Interview.

Shitstorm gegen Sophie Passmann nach Äußerungen über Schwarze Aktivistinnen

Die Äußerungen lösten eine größere Debatte über weißen und einen Schwarzen Feminismus aus, die sich gegenüberstünden. Die Kritik wurde besonders stark in den sozialen Medien geführt, vor allem auf Twitter.

Unterstützung fand sich für Passmann von ungewohnter Seite, unter anderem von „Welt“-Chef Ulf Poschardt und von Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt.

MEEDIA-Chefredakteur Stefan Winterbauer kommentierte den Shitstorm gegen Sophie Passmann in seiner Wochenrückblick-Kolumne

Die 28-jährige Sophie Passmann gilt selbst als eine Stimme im deutschen Feminismus – 2019 erschien ihr Buch „Alte weiße Männer: ein Schlichtungsversuch“, sie wurde mehrfach für ihre Moderation der „Joko & Klaas gegen ProSieben“-Folge „Männerwelten“ ausgezeichnet.

Dauerhafte Löschung erst nach 30 Tagen aktiv

Ist der Twitter-Account von Sophie Passmann jetzt dauerhaft gelöscht? Das lässt sich so leicht nicht beantworten, genauso wenig wie die Gründe für die Deaktivierung. Eine Anfrage an das Management blieb bislang ohne Antwort. Fakt ist zumindest: Laut Twitter-Help-Centre wird ein Account erst endgültig gelöscht, wenn man sich 30 Tage nach Deaktivierung nicht mehr angemeldet hat.

Entschuldigung von Sophie Passmann und erneute Kritik

Der Instagram-Account „Frau Passmann“ mit über 300.000 Followern ist dagegen noch live. Dort hatte sich die Autorin nach der Kritik auch mit einer eigenen Erklärung in den Kommentaren zu Wort gemeldet und sich für ihre Äußerungen entschuldigt. Dass auch diese Entschuldigung teils kritisch aufgenommen wurde, zeigt etwa die Reaktion von Dora Osinde, CCO der Agentur Granny.

Die Erklärung von Sophie Passmann auf Instagram im kompletten Wortlauf zum Nachlesen

„Es gab viel Kritik zu diesem Interview und ich möchte mal einen Weg finden, hier darauf einzugehen. Bitte erspart uns allen das Anmerken, dass ich „lange geschwiegen“ hätte, es waren 48 Stunden. Das ist in meiner Welt eine völlig angebrachte Menge an Zeit, um über etwas nachzudenken. Ich habe übrigens auch niemanden blockiert und niemanden bewusst stummgestellt. Ich hatte, parallel zu diesem Shitstorm, ein digitales Aufeinandertreffen mit Männerrechtlern die manchmal mein Konto überlaufen, ich habe lediglich deswegen mein Konto eingeschränkt, mir ist wichtig, das zu erklären. Nicht wegen BIPOC-Aktivistinnen, die mir kritisieren wollten. Das konnten sie ja übrigens auch weiterhin, halt über ihre Plattformen.

Die Passage, die ursprünglich kritisiert wurde, wurde dafür kritisiert, dass ich in ihr die Daseinsberechtigung Schwarzer Medienschaffender, die sich gegen Rassismus aussprechen, geschmälert oder sogar negiert hätte. Ich habe das, muss ich gestehen, am Anfang nicht verstanden, weil ich die Passage natürlich so nicht gemeint habe. Ich brauchte einige private Gespräche mit Schwarzen Kolleginnen, um zu verstehen, wie das gelesen wurde. Mir tut es sehr leid, dass diese Passage missverständlich war, das war nämlich mein Fehler. Der ist dadurch entstanden, dass ich das Interview nicht gründlich freigegeben habe. Für die Leichtigkeit, mit der ich diese Passage überlesen habe, schäme ich mich, sie zeigt, dass ich leichtfertig mit einem Thema umgegangen bin, das mir selbst nicht nahegeht. Wieso das so war, kann ich bisher nur erahnen und werde darüber in den kommenden Wochen nachdenken. In den Diskussionen (und teilweise auch öffentlich) ist meinem Eindruck nach klar geworden, was ich eigentlich sagen wollte. Ich kritisiere den Medienbetrieb für seine weiterhin nach einer alten und damit patriarchalen Struktur funktionierenden Regel, der einzelne Sprecher*innen verschiedener Gruppen zu Tokens macht und sich damit von echter Arbeit reinwäscht. Das hätte ich besser sagen können und müssen. Es tut mir wirklich leid, es war nicht meine Absicht, damit Leute zu verletzen. Ich habe es trotzdem getan. Entschuldigung.

Dieses Argument, das ich versucht habe, zu machen, ist übrigens ein ganz klassisches der White-Feminism-Theorie. Strukturen müssen sich ändern, nicht die Quote, mit der in ihnen gesprochen wird. Es hat mich natürlich etwas getroffen, dass ich in den letzten Tagen mit dieser White Feminism-Sache gemein gemacht wurde, aber das ist in feministischen Shitstorms leider immer so, dass es einen mehr trifft, weil man sich ja im Grunde so nahe steht.
Darüber hinaus, und jetzt erlaube ich mir, dass der Ton wieder etwas härter wird: Das restlichen Auseinanderpflücken dieses Interviews ist etwas schamlos und ist für die meisten relativ offensichtlich schlicht mit der großen Freude darüber passiert, sich endlich mal so richtig lustig machen zu können über mich. Die Vorwürfe, ich würde metoo als Bewegung zu einer Weißen machen oder ich sei klassistisch, weil ich mich selbst (eher reflektierend als ironisch) als Bürger-Kind bezeichne, sind wirklich albern, gerade das, was mir zu metoo in den Mund gelegt wurde, steht da schlicht und ergreifend nicht mal ansatzweise.
Viele wollten mich auf meinen Fehler hinweisen. Ich habe dabei auch kein Anrecht auf einen höflichen oder sachlichen Ton. Wenn aber nach Tag 1 wegen einer von mir problematischen Aussage schlicht und ergreifend eine Hetzjagd unter Feministinnen auf mich gestartet wird, bei der eine ganze Menge an Missgunst und Hass zu meiner Person endlich mal loskommen konnte, dann finde ich das einfach albern und überflüssig. Ich habe darauf keine Lust. Ich habe auch selbst keine Lust, so zu werden. Denn das, und das konnte ich ja jetzt selbst schockiert feststellen, ist das, was leider sooft passiert: Frauenhassende Männer reiben sich die Hände. Misogyne Arschlöcher, die in unseren Bubbles seit teilweise Jahrzehnten abhängen, sind freudestrahlend auf den Zug aufgesprungen, um endlich mal wieder so richtig eine Frau abhassen zu können. Konservative Wichser haben mich öffentlich gelobt, nicht, weil sie mich oder mein Interview mochten, sondern weil sie wissen, dass das noch mehr für das sorgt, das sie ja so gerne sehen: Frauen, die andere Frauen öffentlich runtermachen.
Und nein, die ursprüngliche Kritik war für mich kein “runtermachen”. Das, was danach passiert ist, war es. Tweets, die anfangen mit “ich konnte Sophie Passmann eh noch nie leiden…” und glauben, danach noch etwas für den Feminismus nachhaltiges beitragen zu können, machen mich betroffen und langweilen mich. Ich habe einen Fehler gemacht, den habe ich hier versucht zu erklären. Ich werde darüber nach lange nachdenken, für mich ist das nicht abgehakt. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass der Großteil, der bereit ist, sich darauf einzulassen, sich gemeinsam mit mir wieder daran erinnert, dass der Fein ganz woanders steht. Und wenn ihr ehrlich denkt, ich bin der Feind, dann, ja dann, kann ich euch auch nicht helfen. Danke, Schwestern.

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