Anzeige

Wochenrückblick

Heikle Fragen an RBB-Intendantin Patricia Schlesinger

Sophie Passmann mutierte diese Woche zur Shitstormbraut. Wer zur Hölle braucht heute noch Sperrfristen? Brandenburger Parlamentarier behelligen die ARD-Chefin mit heiklen Fragen. Und auf Twitter sind falsche Quarks unterwegs. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Sophie Passmann hat der Schweizer Frauenzeitschrift „Annabelle“ anlässlich des Starts ihrer Prime-Video-Serie „Damaged Goods“ ein großes Rundumschlag-Interview gegeben. Das Interview ist ein bisschen anstrengend zu lesen, sorgte auf Twitter aber für ordentlich Rabatz wegen einer bestimmten Passage:

How dare You! Der Shitstorm braute sich zusammen und Frau Passmann wagte es, sich ganze 48 Stunden Zeit für eine Replik zu lassen. Die erfolgte in der Kommentarspalte ihres Instagram-Profils. Dort schrieb sie u.a.: „Die Passage, die ursprünglich kritisiert wurde, wurde dafür kritisiert, dass ich in ihr die Daseinsberechtigung Schwarzer Medienschaffender, die sich gegen Rassismus aussprechen, geschmälert oder sogar negiert hätte. Ich habe das, muss ich gestehen, am Anfang nicht verstanden, weil ich die Passage natürlich so nicht gemeint habe.“

Dass sie das so nicht gemeint hatte, glaube ich sofort. Aber okay. Was mich ein bisschen irritierte, war die folgende Selbst-Kasteiung:

„Mir tut es sehr leid, dass diese Passage missverständlich war, das war nämlich mein Fehler. Der ist dadurch entstanden, dass ich das Interview nicht gründlich freigegeben habe. Für die Leichtigkeit, mit der ich diese Passage überlesen habe, schäme ich mich, sie zeigt, dass ich leichtfertig mit einem Thema umgegangen bin, das mir selbst nicht nahegeht. Wieso das so war, kann ich bisher nur erahnen und werde darüber in den kommenden Wochen nachdenken.“

Es ist nicht damit getan, dass man um Entschuldigung für ein Missverständnis bittet. Man muss sich „schämen“, um Absolution vom Twitter-Mob zu erhalten. Und selbst das reicht häufig nicht. Das Problem hier ist weniger das Interview von Frau Passmann in der „Annabelle“, das Problem ist Twitter, bzw. die dort vorherrschende Stimmung.

Tja.

+++

Kann mal bitte jemand die Sperrfrist abschaffen? Unternehmen pflegen nach wie vor, Meldungen mit „Sperrfrist“ oder – noch wichtiger – „Embargo“ rauszugeben. In der alten Welt konnten die geneigten Redaktionen die Geschichten dann schon mal vorbereiten, Bilder raussuchen usw. und dann zum Zeitpunkt der Freigabe direkt veröffentlichen. Im Digital-Zeitalter ist die Sperrfrist aber überholt. Die Unternehmen selbst führen sie immer wieder ad absurdum. Aktuelles Beispiel: Die Deutsche Telekom veranstaltete eine digitale Pressekonferenz zur Fortsetzung ihrer Kampagne gegen Hass im Netz. Sperrfrist dieser Freitag 10 Uhr vormittags. Dann hat der Telekom Marketing-Chef nix Besseres zu tun, als die Kampagne samt Spot schon am Vortag auf LinkedIn zu veröffentlichen. Warum dann die Sperrfrist, liebe Telekom? Viele Medien halten sich ohnehin nicht mehr an Sperrfristen, die „Embargos“ werden reihenweise gerissen. Das Beste ist, wenn Firmen Pressemitteilungen mit Sperrfrist über den DPA-Dienstleister OTS verschicken, wobei die Mitteilungen samt Sperrfrist in diesem Internet sofort veröffentlicht werden. Die Sperrfrist ist ein Relikt aus analogen Zeiten.

+++

Diese Woche tagte der Hauptausschuss des Landtags Brandenburg zu den Vorwürfen gegen die RBB-Intendantin und amtierende ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger. In Berichten von „Business Insider“ und „Welt“ wurden Vorwürfe erhoben, Schlesinger und ihr oberster Aufseher, RBB-Verwaltungsratschef Wolf-Dieter Wolf, hätten es bei der Vergabe von Beratungsaufträgen mit der Trennung von beruflichen und privaten Interessen nicht so genau genommen. Grob gesagt. Schlesinger und Wolf streiten alle Vorwürfe ab und geloben Transparenz. Aus „Respekt“ vor dem nun laufenden Compliance-Verfahren blieb die Intendantin dem Ausschuss, der sie befragen wollte, lieber fern. Fragen nur noch schriftlich. Kann sie haben, dachten sich die Parlamentarier und schickten einen umfangreichen Fragenkatalog an den RBB. Der „Tagesspiegel“ zitiert daraus. So wird Schlesinger gefragt, „gegen welche Veröffentlichungen/Behauptungen des Magazins ‚Business Insider‘ oder anderer Medien im Zusammenhang mit den hier diskutierten Vorwürfen Sie persönlich und/oder der RBB bisher presse- und äußerungsrechtlich vorgegangen“ sind. Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe wurde nämlich fix erklärt, man werde presserechtlich gegen die Veröffentlichungen vorgehen.

Außerdem will der Landtag wissen, wie der Auftrag an die externe Kanzlei Lutz Abel aussieht, wie die Kanzlei ausgewählt wurde und ob es zuvor schon geschäftliche oder persönliche Beziehungen zu der Kanzlei gegeben hat. Weiß da jemand mehr? Die Hamburger Kanzlei wurde vom Sender mit der Aufarbeitung des Compliance-Verfahrens beauftragt. Weiter wird gefragt, ob „der Beratervertrag des Ehemannes von Frau Schlesinger auch Gegenstand des Untersuchungsauftrages“ ist. Und Patricia Schlesinger soll erklären, „durch wen, zu welchem Zeitpunkt und wie (…) die Intendantin Kenntnis über die Anbahnung und den Abschluss eines Vertrages über Medienberatungsleistungen zwischen ihrem Ehemann und der Geschäftsführung der Messe Berlin“ erlangte? Die Antworten darf man durchaus gespannt erwarten.

Es türmt sich beim RBB. So wie das aussieht, wird die RBB-Intendantin für eine gute Weile ihrer Amtszeit als ARD-Chefin mit der Aufarbeitung ihrer Berater-Affäre zu tun haben.

Update: Mittlerweile hat Patricia Schlesinger dem „Tagesspiegel“ ein Interview gegeben, das Luft nach oben lässt. Sie erklärt, dass ihre umstrittene Gehaltserhöhung nun plötzlich verhandelbar sei:

„Die Dinge haben sich verändert und erscheinen in einem anderen Licht. Ich habe der amtierenden Verwaltungsratsvorsitzenden Dorette König angeboten, dass wir in dem Gremium mein Gehalt noch einmal besprechen.“

Was freilich mit den Vorwürfen eher nix zu tun hat. Dass ihr Mann offenbar unter Beteiligung des RBB-Verwaltungsratschef einen lukrativen Beraterauftrag für die Messe Berlin an Land zog, hält sie mittlerweile auch für zumindest überdenkenswert:

„Über den Auftrag der Messe Berlin an meinen Mann hätte ich wahrscheinlich im RBB reden sollen, auch wenn die Compliance-Verordnung das nicht vorschreibt.“

Bei den Dinner-Veranstaltungen auf Beitragskosten in ihren Privaträumen seien Spar-Gründe ausschlaggebend gewesen:

„Zunächst wurde nach Restaurants oder Hotels gesucht. Das war uns zu teuer. Und weil es ohnehin überschaubare Runden sein sollten, habe ich unseren Esstisch und meine persönlichen Räumlichkeiten angeboten.“

Interessant wäre hier eine Nachfrage gewesen, was Sie zu dem Vorwurf sagt, dass nachträglich Rechnungen manipuliert worden sein sollen, um den Eindruck von weniger Teilnehmern zu erwecken. Leider bleibt die Nachfrage aus. Ihr Ärger über die undichten Stellen im eigenen Haus besteht aber weiterhin:

„Was mich geärgert hat: Wir haben eine Compliance-Beauftragte, eine Revision und ein Justitiariat, wenn man etwas zum Wohle des RBB verändern will, dann kann man sich dahin wenden. Dass man rausgeht, und dann auch noch zur Springer-Presse, fand ich bemerkenswert.“

Ja, klar. Wenn man in einem ARD-Sender was ans Licht zerren will, dann wendet man sich am besten treudoof an das Justitiariat und die Revision. Dann kommen die Dinge bestimmt viel mächtiger ins Rollen, als wenn man damit zur bösen „Springer-Presse“ rennt …

+++

Man muss schon aufpassen in diesem Internet. Fake News usw. Jetzt bin ich auch für ungefähr 30 Sekunden auf einen Fake-, bzw. Satire-Account reingefallen. @quarkDDR postet auf Twitter Schaubilder und Grafiken, die den Stil der ARD-Wissenschaftssendung „Quarks“ gekonnt vera…lbern.

Habs dann aber zum Glück noch gemerkt. Der @quarkDDR Account ist aber generell nicht unlustig.

Schönes Wochenende!

Anzeige