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Business-Netzwerke

New Work vs. LinkedIn: das ewig ungleiche Duell

Die Karrierenetzwerke Xing und Linkedin im Vergleich

Die Karrierenetzwerke Xing und Linkedin im MEEDIA-Vergleich. – Foto: Imago

Der deutsche Internetpionier New Work befindet sich mitten in der Transformation zum Recruiting-Dienstleister – und an der Börse schwer unter Druck. Das Geschäftsnetzwerk Xing entwickelt sich nach Umsätzen rückläufig. Erzrivale LinkedIn entfaltet als Microsoft-Tochter dagegen sein Wachstumspotenzial. Wie steht es im Wettstreit der beiden Karriere-Plattformen?

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Die Pionierleistung war immens. Tatsächlich mehr als 15 Jahre ist es inzwischen her, dass das Hamburger Geschäftsnetzwerk Xing, das bei seiner Gründung 2003 noch Open BC hieß, an der Börse debütierte. Das war im Dezember 2006. Xing wagte den Schritt unter Gründer Lars Hinrichs als erstes sogenanntes Web 2.0-Unternehmen. Der Rest ist Geschichte, die im Vergleich zum amerikanischen Rivalen LinkedIn unterschiedlicher kaum hätte verlaufen können. Hinrichs verließ Xing sechs Jahre nach Gründung und veräußerte sein Aktienpaket an das Verlagshaus Burda, das sich somit die Mehrheit sicherte. Die Hamburger verbreiterten ihre Geschäftsfelder in der Folge um das Event-, Recruiting- und Bewertungsgeschäft und erwarben immer neue Tochterunternehmen wie InterNations, PreScreen, Kununu oder das IT-Arbeitskräfte-Portal Honeypot, für das 57 Millionen Euro flossen.  2019 erfand sich das Unternehmen unter dem Firmennamen New Work neu. 

Der Wachstumstrend wird in Euro und Cent reflektiert: Innerhalb der letzten 15 Jahre haben sich die Erlöse auf über 314 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2021 mehr als verzehnfacht, während ein ansehnlicher Konzernüberschuss von knapp 40 Millionen Euro hängen geblieben ist. Allein: An den Kapitalmärkten fristet New Work spätestens seit der Coronazeit ein eher unerfreuliches Dasein. Bei Kursen von aktuell weniger als 130 Euro notiert New Work inzwischen zwei Drittel unter den Höchstkursen von 2019 und ist gleichzeitig in jüngerer Vergangenheit auf ein Sieben-Jahrestief gefallen, obwohl die jüngsten Quartalszahlen weiterhin Umsatzwachstum im hohen einstelligen Bereich erkennen lassen. „Trotz des herausfordernden Umfelds halten wir an unseren Zielen und der Strategie für 2022 und die Folgejahre fest“, stellt CEO Petra von Strombeck klar. 

Die Recruiting-Sparte ist New Works erstes Standbein  

New-Work-CEO Petra von Strombeck: „Wir verstehen uns dabei als Matchmaker zwischen den Talenten und den Firmen“ – Foto: Raimar von Wienskowski

Anlegern ist jedoch nicht entgangen, dass sich New Work aktuell im wahrscheinlich größten Umbruch der 19-jährigen Firmenhistorie befindet. Für Petra von Strombeck geht es praktisch seit Tag eins so. Die frühere Lotto24-Chefin übernahm den Vorstandsposten der Hamburger im Januar 2020 von Thomas Vollmoeller und stand mit Ausbruch der Coronapandemie plötzlich vor der Herkulesaufgabe, dass sich die Arbeitswelt nicht nur in einer Schockstarre befand, sondern auch die Regeln der alten Arbeitswelt nicht mehr galten – Büros verwaisten zusehends, das Home Office wurde auch von festangestellten Mitarbeitern entdeckt und das Eventgeschäft mit Messen und Konferenzen brach weg.   

Allerdings: Der Fachkräftemangel treibt das Geschäft mit der Personalsuche weiter voran, das längst zum wichtigsten Standbein der Hamburger geworden ist. Bereits 63 Prozent der gesamten New Work-Umsätze im ersten Quartal wurden durch die E-Recruiting-Sparte generiert, die zuletzt zweistellig zulegte. Petra von Strombeck sieht New Work zudem als Profiteur eines neuen Paradigmenwechsels am Arbeitsmarkt: „Unsere neue strategische Ausrichtung setzt voll auf den Fachkräftemangel und das große Wachstumspotential, das wir für uns in diesem Bereich sehen“, erklärt die 52-Jährige gegenüber MEEDIA. „Wir verstehen uns dabei als Matchmaker zwischen den Talenten und den Firmen: Für die Talente bieten wir Orientierung und Jobs, die zum Leben passen, für die Firmen die Talente, die sie erfolgreich machen.“

Bis 2030 erwartet die Bundesanstalt für Arbeit einen Rückgang der Erwerbstätigen um rund fünf Millionen sowie eine Zunahme der offenen Stellen um rund 3,5 Millionen: „Für unsere Recruitingangebote bedeutet das natürlich einen enormen Rückenwind, den wir nutzen wollen. Der Recruiting-Markt im DACH-Raum ist rund fünf Milliarden Euro groß und wächst stark. Unser Ziel ist es, der Recruitingpartner #1 für unsere Kunden zu werden“, so die New Work-Chefin, die die Amtsgeschäfte in den Headquarters in der HafenCity nach ihrer Vertragsverlängerung bis mindestens Ende 2026 führen wird. 

LinkedIn hat Xing in DACH-Region fast eingeholt 

Die einstige Gründungskeimzelle Xing scheint dagegen einen immer schwierigeren Stand zu haben. Dass Xing inzwischen einen hohen Reifegrad erreicht hat, drücken die inzwischen rückläufige Erlöse aus, die mittlerweile nur noch 30 Prozent der gesamten Konzernerlöse ausmachen und im jüngsten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent nachgaben. Entsprechend bemüht ist New Work inzwischen, die Bedeutung von Xing für das Gesamtunternehmen kleinzureden. „New Work ist so viel mehr als Xing“, lautetet das Unternehmensmotto bei Investorpräsentationen.

Auf New Works Heimatmarkt kann Xing nach Mitgliedern unterdessen nur noch einen knappen Vorsprung vor dem internationalen Business-Network-Champion LinkedIn behaupten: In der DACH-Region stehen rund 20 Millionen Xing-Mitgliedern inzwischen 18 Millionen LinkedIn-Netzwerker gegenüber. Vor allem aber in der Debattenkultur scheint LinkedIn Xing das Wasser abgegraben zu haben, wie es etwa der frühere „T3N“-Chefredakteur Stephan Dörner anhand der Reaktionen auf seine Firmengründung exemplarisch dokumentiert: Ein Post zu seinem beruflichen Neustart löste auf LinkedIn eine Resonanz von 35 Kommentaren und über 200 Reaktionen aus – auf Xing jedoch keine einzige Interaktion.   

Das Beispiel ist keine Ausnahme. Die relevanten Diskussionen von CEOs, Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik finden inzwischen auf dem Netzwerk des amerikanischen Marktführers statt, der wie die seriöse und weniger krawallige Kommunikations-Alternative zu Facebook und Twitter erscheint. Dax-CEOs wie Timotheus Höttges (Deutsche Telekom), Christian Klein (SAP) und Herbert Diess (Volkswagen) bringen es inzwischen auf sechsstellige Followerzahlen. Selbst der umstrittene Altkanzler Gerhard Schröder verbreitet sich inzwischen – im Gegensatz zu seiner Frau, die Instagram vorzieht – bevorzugt auf LinkedIn und liegt mit 87.000 Followern nur knapp unter dem Niveau der Dax-Vorstände. 

LinkedIn: „Deutschland ist im Engagement der Mitglieder am schnellsten wachsender europäischer Markt“

LinkedIn-Deutschlandchefin Barbara Wittmann: „Was LinkedIn besonders macht, ist die Tatsache, dass Inhalte bei uns nicht rein zum Zweck der Unterhaltung erstellt werden.“ – Foto: LinkedIn

Der Eindruck täuscht nicht: LinkedIn erlebt hierzulande einen Boom. „Hinsichtlich des Engagements der Mitglieder ist Deutschland unser am schnellsten wachsender europäischer Markt und weltweit der zweitgrößte nur hinter Indien“, erklärt Deutschlandchefin Barbara Wittmann gegenüber MEEDIA. „Was LinkedIn besonders macht, ist die Tatsache, dass Inhalte bei uns nicht rein zum Zweck der Unterhaltung erstellt werden – es geht vielmehr darum, Inhalte zu teilen, die anderen einen Mehrwert bieten und darum, sich und anderen neue berufliche Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen“, erläutert Wittmann die Erfolgsformel. Obwohl LinkedIn keine regionalen Angaben zur Geschäftsentwicklung macht, zeigt die Deutschlandchefin sich mit dem Wachstum „sehr zufrieden“:  „Sowohl unser hiesiger Umsatz, der den DACH-Raum für LinkedIn zum drittstärksten Markt weltweit macht, als auch der Austausch und das Engagement auf der gesamten Plattform, sind auf einem Höchststand“, so Wittmann. 

Das anhaltende Wachstumstempo des Business-Network-Pioniers ist im gesamten Konzern zu beobachten. Das von Jeff Weiner bereits 2002 gegründete US-Unternehmen ist eine zwei Jahrzehnte lange Erfolgsgeschichte, die deutlich nach New Work an den Kapitalmärkten weitergeschrieben wurde. Erst 2011 debütierte LinkedIn an der Nasdaq und wurde schon fünf Jahre später von Microsoft übernommen – dazwischen lag eine Kurssteigerung von knapp 350 Prozent. Als der Redmonder Softwareriese unter Führung von Satya Nadella den bis dato größten Scheck für eine Übernahme in Höhe von 26,1 Milliarden Dollar ausstellte, sah es zunächst noch so aus, als hätte der IT-Pionier überbezahlt.

Heute sind die Umsätze indes auf mehr als zehn Milliarden Dollar im Jahr angesprungen – und LinkedIn erscheint wie eine der smartesten Akquisitionen in der jüngeren Geschichte des Silicon Valley. Der Eindruck, dass LinkedIn wie eine gut geölte Marketingmaschine wächst, täuscht nicht. Mehr als eine Milliarde Dollar erlösen die Kalifornier inzwischen allein mit Werbung – pro Quartal. Das Erfolgsgeheimnis liegt unterdessen wie auch bei Instagram nach der Facebook-Übernahme in der bleibenden Autonomie. „LinkedIn ist weiterhin ein vollständig unabhängiges Unternehmen. Wir konnten unser Wachstum beschleunigen und gleichzeitig unsere besondere Unternehmenskultur bewahren und dabei stets unseren Werten treu bleiben. Gleichzeitig bietet die Zugehörigkeit zu Microsoft zahlreiche neue Möglichkeiten – wir haben hier bisher lediglich an der Oberfläche gekratzt“, erklärt Wittmann. Im deutschsprachigen Raum mögen Xing und LinkedIn (noch) Konkurrenten auf Augenhöhe sein. International betrachtet, sind die Amerikaner längst enteilt.

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