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Gastbeitrag

„Wir haben ein Problem mit der Berichterstattung über trans Personen“

Regenbogenflaggen beim CSD in Köln 2022

Über das Thema Transgender wird aktuell viel debattiert, auch medial. Was denken Trans-Personen über die Berichterstattung? Darüber schreib Io Görz, Chefredakteur*in bei infranken.de, in ihrem MEEDIA-Gastbeitrag. Foto: Imago

Es wird viel zum Thema Transgender berichtet und vor allem kommentiert. Wie sehen trans Personen selbst die Debatte in den Medien? Darüber schreibt Io Görz, Chefredakteur*in bei infranken.de und selbst trans bei MEEDIA.

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Eigentlich finde ich mich ziemlich normal, so wie das wohl die meisten Menschen von sich denken:  Ende Juni jedoch konnte man den Eindruck gewinnen, dass ich eine Gefahr für die Menschen um mich herum und für den ganzen Staat bin. Denn ich bin trans.

Io Görz arbeitet als Digitaljournalist*in und ist nicht-binär-trans – Foto: privat

Menschen soll es nämlich zukünftig möglich sein, unkompliziert Name und Geschlechtseintrag zu ändern. Das Selbstbestimmungsgesetz, dessen Eckpunkte am 30. Juni vorgestellt wurden, soll das in Teilen grundgesetzwidrige Transsexuellengesetz ablösen. Das ist toll, ändert aber vor allem nur ein paar Formalitäten – endlich wird mein Name auf allen Dokumenten stehen. Für mich ist es auch eine Art offizielle Bestätigung dessen, was für mich und mein Umfeld längst gelebte Realität ist. Das sehen aber leider nicht alle so entspannt. 

Die Ankündigung war für einige Aktivist*innen und Medien Anlass, sich in apokalyptischen Einlassungen zu überbieten. Die „Bild“-Zeitung fabulierte sogar, die Regierung wolle „die Gesetze der Biologie aushebeln“. Das war aber leider nur die Spitze eines äußerst unrühmlichen Eisbergs. In den vergangenen Monaten häuften sich die Meinungsbeiträge in der sogenannten „Transgender-Debatte“. Die Geschichte einer trans Person in der „Sendung mit der Maus“ verleitete den Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt zu heftigen Attacken auf die „Zwangsmaus“, wie er sie nannte. In einem umstrittenen Beitrag in der „Welt“ warnten Anfang Juni fünf Autor*innen vor einer „Frühsexualisierung der Kinder“ durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.  

Haben Redaktionen nichts gelernt aus den Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre?

In vielen Artikeln in deutschen Medien, von linksliberal bis rechtskonservativ, wurde eines deutlich: Wir haben ein Problem mit der Berichterstattung über trans Personen.  

So werden längst widerlegte Thesen diskutiert: Etwa der Mythos, Vergewaltiger könnten sich durch das Selbstbestimmungsgesetz Zugang zu Frauentoiletten, Umkleiden, Frauengefängnissen und zu Frauenhäusern verschaffen. Das ist nur eine der absurden Fantasien, die ins Feld geführt werden.  

Zur Autor*in

Io Görz ist Chefredakteur*in der News- und Serviceportale infranken.de und inrlp.de. Io arbeitet seit 2012 bei der Mediengruppe Oberfranken als Digitaljournalist*in und leitet die Redaktion seit 2019. Io Görz selbst ist nicht-binär trans.

Haben Redaktionen nichts gelernt aus den Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre? Die Diskussionen über Klimaschutz oder die Corona-Pandemie sollten doch gezeigt haben, was passiert, wenn man randständige und abwertende Meinungen auf eine Ebene mit dem Konsens in Gesellschaft und Wissenschaft hebt. Es scheint wenig zu bedeuten, dass jene, für die transfeindliche Aktivist*innen zu sprechen vorgeben, sich von deren Positionen distanzieren und das kommende Selbstbestimmungsgesetz begrüßen – seien es die Frauenhauskoordinierung oder die Bundespsychotherapeutenkammer. 

Umfrage zeigt Unterstützung für Trans-Rechte

Anstatt über reale Gewalt an trans Menschen zu sprechen, werden fiktive Szenarien beleuchtet, in denen angebliche Feminist*innen vor allem trans Frauen unglaubliche Dinge unterstellen. Die Kriminalstatistik zeigt jedoch: Zwischen 2018 und 2021 hat sich die Gewalt gegen queere Menschen mehr als verdoppelt. Die herbeifantasierten Taten, bei denen sich trans Personen angeblich in Schutzräume „hinein identifizieren“ könnten, finden hingegen schlicht nicht statt.  

Nicht nur, dass die absurden Thesen von sogenannten TERFs (aus dem Englischen: Trans-Exclusionary Radical Feminism) überhaupt diskutiert werden, der ihnen dabei gebotene Raum gaukelt eine Ausgeglichenheit der Positionen vor, die nicht existiert. Die Gesellschaft ist in Wirklichkeit nicht „gespalten“, wie gerne betont wird. Die Realität sieht anders aus: Umfragen zeigen die große Unterstützung für Trans-Rechte: Eine Mehrheit der Deutschen wünscht sich mehr Schutz für trans Personen und betrachtet sie als normal, wie eine Ipsos-Umfrage zeigt. Der Begriff der „false balance“ trifft auch hier zu. Behauptungen wie etwa, dass es nur zwei Geschlechter gebe oder trans Personen nur psychisch krank seien, sind längst wissenschaftlich widerlegt. Es kann keinen Kompromiss mit Intoleranz und Hass geben. Ein bisschen Menschenrechte gibt es nicht, ebenso wenig kann man “ein bisschen Diskriminierung” gutheißen.  

Daneben offenbaren Redaktionen beim Umgang mit dem Thema Transgender leider oft ein erschreckendes Maß an Unwissenheit oder Ignoranz. Präzise Sprache ist wichtig, denn sie informiert nicht nur, sondern erzeugt auch Bilder und formt Meinungen.  

Umso fataler, wenn schlicht falsche Dinge geschrieben werden. So ist es auch mit dem Selbstbestimmungsgesetz nicht möglich, jährlich das Geschlecht zu ändern. Menschen können bald ihren Geschlechtseintrag ändern. Die Aussage, eine trans Frau würde mit diesem Akt ihr Geschlecht ändern, impliziert, sie sei vorher ein Mann gewesen. Ebenso ist es falsch, zu schreiben, dass Menschen eine „Geschlechtsumwandlung“ vornehmen lassen. Das Geschlecht ist nach einer angleichenden Operation das gleiche wie zuvor. Auch Formulierungen wie “im falschen Körper geboren” sind verletzend und unnötig.  

Wertschätzend gegenüber trans Personen berichten

Es wäre keine übermäßige Recherche notwendig, um zu erfahren, wie man wertschätzend und korrekt über trans Personen berichtet. Dass es inzwischen eine Initiative wie „Transmedienwatch“ gibt, die sich für respektvollen und sachlichen Umgang mit Trans-Themen einsetzt, ist lobenswert. Es ist aber auch traurig, dass dies überhaupt notwendig ist.  

Aus falsch verstandenem Streben nach Objektivität wird jenen die Deutungshoheit zugesprochen, die maximal entfernt sind von der Lebensrealität von trans Personen. Betroffenen hingegen wird unterstellt, sie seien befangen.  

Das Problem ist, dass cis Personen die ganze Bandbreite an Problemen gar nicht nachvollziehen können, denen sich trans Personen gegenübersehen. Sie wissen es nicht, weil sie es nie erfahren haben. Sie können nicht nachfühlen, wie belastend es ist, misgendert zu werden und den abgelegten Namen (= Deadname) immer wieder hören zu müssen, letztlich die eigene Existenz ständig in Frage gestellt zu sehen.   

Anstatt sich der Lebensrealität zu verschließen und sich nach Kritik beleidigt in den Elfenbeinturm zurückzuziehen, müssen Journalist:innen dazulernen. Und es gibt viel aufzuholen. Die Realität zu zeigen und meinungsbildend zu begleiten war und ist der Anspruch von Journalismus. Sich nicht in Borniertheit zurückzulehnen ist Pflicht. Dazu gehört auch, Betroffene ernst zu nehmen, nicht von oben herab über sie oder mit ihnen zu reden, sondern ihnen eine Stimme zu geben. 


Erklärung zur Schreibweise „trans Person“ oder „cis Person“: trans Personen bevorzugen oft die getrennte Schreibweise statt auf „Transmann” oder „Transfrau” zurückzugreifen. Die adjektivische Nutzung verhindert den Eindruck, dass „trans” das eigentliche Persönlichkeitsmerkmal sei. Mehr dazu kann man unter anderem in diesem Beitrag bei der „Taz” lesen.

Unter cis Personen werden Menschen verstanden, bei denen eine Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht besteht.

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