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Wenn Männer über Männer sprechen: Wo sind die Podcast-Frauen?

Ivy Haase – Illustration: Bertil Brahm

Von elf ausgezeichneten Formaten beim Deutschen Podcastpreis Ende Juni wurde ein einziges alleine von einem weiblichen Host präsentiert („Wild Wild Web Staffel 1: Die Kim Dotcom Story“). Nicht nur unsere neue Gastkolumnistin Ivy Haase empfand das als eine ganz schön traurige Bilanz, auch die Moderatorin des Abends, Aminata Belli, war beim Vorlesen der Nominierten immer wieder überrascht, wie männlich geprägt die Liste war.

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Frauen sind unterrepräsentiert. In der Kunst, in der Musik, in Kinderbüchern, im TV und auch im Podcast. Immer wieder sprechen Männer über Männer. Auch vor dieser jungen Branche macht unsere tiefsitzende patriarchale Sozialisierung keinen Halt. Wir in der Medienbubble vergewissern uns laufend gegenseitig, dass wir da ja ganz anders ticken. Aber tun wir das wirklich?

„Deine Stimme mag ich ja, die ist so schön tief.“ Ein Satz, den ich schon so oft gehört habe – und der mich von Mal zu Mal wütender macht. Ich liebe meine Stimme, ich finde sie schön und verdiene Geld damit. Mir wird aber immer mehr bewusst, welches Glück ich mit meiner tiefen, rauchigen, warmen Stimme habe – als Frau. 

Die Tonlage einer Stimme hängt von der Länge der Stimmlippen ab, die bei Männern durch den größeren Kehlkopf meist länger ist. Dadurch ist ihre Stimme tiefer als die von Frauen – vereinfacht gesagt. Unsere Stimme bestimmt mit, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Ich arbeite in einem Feld, in dem es relativ egal ist, wie ich aussehe oder gestikuliere: Ich mache Podcasts. Bei mir entscheidet die Stimme, beruflich und privat. Suche ich eine Stimme für einen Nachrichtenpodcast, ein Wissensformat oder ein spannendes Storytelling-Format, empfinde auch ich intuitiv eine tiefe Stimme als passender. Und das macht mich so unfassbar wütend: Weil das im Umkehrschluss bedeutet, dass Frauenstimmen – die nun mal grundsätzlich höher sind – in einem seriösen Format fast immer die zweite Wahl bleiben werden. 

„Frauen sprechen heute unbewusst tiefer, als noch vor wenigen Jahrzehnten – um für voll genommen zu werden. Kein Witz!“

Mit der internalisierten Vorliebe für tiefere Stimmen bin ich nicht allein: Zahlreiche Studien belegen, dass wir tiefe Stimmen als kompetent, stark und souverän empfinden. Das ist nichts Neues: Schon Margret Thatcher hat lange an ihrer Stimme gearbeitet und es geschafft, eine halbe Oktave tiefer zu klingen. Der Politikwissenschaftler Casey Klofstad fand in einer Studie 2015 heraus, dass tiefere Stimmen von Politiker*innen zu mehr Stimmen bei Wahlen führen können. Die Stimmfarbe spielte dabei keine Rolle. Forscher*innen des Leipziger Symposiums für Kinder- und Jugendstimme stellten fest, dass Frauenstimmen tatsächlich immer tiefer werden. Vor 20 Jahren lag im Durchschnitt eine Oktave zwischen einer Männer- und einer Frauenstimmen. Heute liegt die Differenz nur noch bei einer Quinte. Dies habe keinerlei biologische Gründe – Schuld sei die Emanzipation. Studien in vielen anderen Ländern der Welt kamen zu dem gleichen Ergebnis. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Frauen sprechen heute unbewusst tiefer, als noch vor wenigen Jahrzehnten – um für voll genommen zu werden. Kein Witz!

„Die heutige Frau steht voll im Leben. Sie muss nicht mehr beschützt werden. Deshalb klingt sie auch anders“, erklärte Studienleiter Professor Michael Fuchs 2017 gegenüber der „Berliner Zeitung“. Bei Männern kam die Schutzbedürftigkeit in der hohen Stimme gut an, auch das belegen Studien. Eine Studie der Universität Magdeburg und der dänischen Universität Sønderborg kam 2021 zum Ergebnis, dass die weibliche Stimme in Videokonferenzen als weniger kompetent, charismatisch und ausdrucksstark wahrgenommen wird als die von Männern. 

Was sagt das alles also über die preisgekrönten Podcast-Formate des vergangenen Jahres aus? Und über uns? Mir zeigt es, dass ich jeden Tag aufs Neue hinterfragen muss, warum ich eine Stimme gut finde. Und, dass ich und alle meine Kolleg*innen noch mehr aktiv darauf achten müssen, gerade Wissens-, Comedy- und Nachrichten-Formate mit Frauen zu besetzen. Einerseits um Parität, bzw. Diversität, zu schaffen, anderseits, um Wirklichkeit nicht nur mit dem, was wir sagen, entstehen zu lassen – wir müssen auch darauf achten, wer es sagt. 


Ivy Haase ist stellvertretende Redaktionsleiterin bei der Audio Alliance. Sie selbst hostet den „Neon“-Podcast „Unnützes Wissen“ und brennt für Themen wie Gleichberechtigung und Feminismus. Für MEEDIA schreibt sie vor allem über die Welt von Digital Audio. 

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