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Appell "Waffenstillstand jetzt!"

Wie falsche Verbundenheit im Ukraine-Krieg journalistische Standards gefährdet

Zerstörung in Okhtyrka, Sumy in der Ukraine und ein Artikel des "Spiegel" zum Friedensappell von Richard David Precht, Juli Zeh und anderen

Der Appell zum Waffenstillstand im Krieg gegen die Ukraine von deutschen Intellektuellen wie Richard David Precht, Juli Zeh und Ranga Yogeshwar sorgt beim "Spiegel" für Kritik, leider versteckt sich diese wenig subtil in einer Nachricht, die eigentlich neutral sein sollte – Foto: Imago/ Screenshot Linkedin

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine erreicht Deutschland nicht nur in Fragen der Energiepolitik und der militärischen Unterstützung. Er stellt auch den Journalismus in Deutschland auf die Probe. Wie ein aktuelles Beispiel beim „Spiegel“ zeigt, wird diese Probe nicht immer bestanden.

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Es gibt journalistische Grundlagen, an denen sollte besser nicht gerüttelt werden. Werbung muss sichtbar gekennzeichnet, Meinungen müssen für Lesende erkennbar sein. Und: Journalismus hat die Aufgabe, den nötigen Abstand zu wahren, um so gut wie möglich ein objektives Bild zeichnen zu können. Warum? Leserinnen und Leser sollen so in der Lage sein, sich eine eigene Meinung bilden zu können. Das gilt nicht nur für Berichte über Maskendeals in der Pandemie oder Gefängnisse in China, sondern auch in einer Ausnahmesituation wie Putins Angriff auf die Ukraine, auch bei Völkerrechtsverbrechen wie in Butcha und in Irpin; auch dann, wenn bekannte Persönlichkeiten zum zweiten Mal einen Aufruf zu einer Verhandlungslösung im Ukraine-Konflikt starten.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass der offene Brief in der „Emma“ erschien, in dem 28 Intellektuelle und Kulturschaffende forderten, keine schweren Waffen an die Ukraine zu liefern. Aus Angst vor einer weiteren Eskalation des Kriegs. Knapp zwei Monate später heißt es nun „Waffenstillstand jetzt!“. Nicht in der Zeitschrift von Alice Schwarzer – die Feministin ist diesmal auch nicht bei den Erstunterzeichner*innen dabei – sondern bei „Zeit“ und „Zeit Online“. Aber sonst finden sich viele Namen des ersten Aufrufs wieder. Ganz vorne dabei: der Philosoph Richard David Precht, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der Soziologe Harald Welzer und Schriftstellerin Juli Zeh. Gemeinsam fordern sie das westliche Bündnis auf, die Strategie der weiteren Waffenlieferungen zu überdenken und sich für eine Verhandlungslösung einzusetzen. Und auch diesmal polarisiert der Aufruf die Republik.

Eine Auswahl der Schlagzeilen zum Waffenstillstandsappell – Screenshot Google

Das zeigt sich nicht nur in den Kommentaren bei „Zeit Online“ – innerhalb eines Tages zählt der Beitrag schön über 2.000 Stellungnahmen auf der Seite. Man sieht es auch gut an den Schlagzeilen zum Thema. Medien wie „FAZ“, „Tagesschau“ und „der Standard“ beziehen sich in der Berichterstattung auf die Fakten, „Focus“ hantiert schon mit „Empörung“ in der Headline, NTV überschreibt einen Beitrag „Dieser Brief ist eine schreiende Unverschämtheit“, aber dabei handelt es sich sichtbar um einen Kommentar. Beim „Spiegel“ dagegen sieht es etwas anders aus.  

Kommentierende Nachricht: Fördert der Krieg eine neue journalistische Gattung?

Dort ist die Nachricht in der Einleitung und für die sozialen Medien stark zugespitzt worden. Der Aufruf zum Waffenstillstand wird als Friedensappell in Anführungszeichen gesetzt. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner werden als „eine Gruppe Briefeschreiber“ bezeichnet, Richard David Precht als „TV-Philosoph“ klassifiziert – das klingt ähnlich degradierend wie Fernsehkoch – dazu mit einem Uralt-Bild, das aussieht, als wurde es einzig wegen des Gesichtsausdrucks ausgewählt, um die Wirkung in den sozialen Medien noch zu verstärken – im Artikel selbst wurde übrigens ein aktuelleres Foto gewählt.

Friedensappell von Richard David Precht, Juli Zeh und Co bei "Spiegel" in der Kritik
Foto: Screenshot Spiegel

Journalistisch ist es natürlich möglich, ein Thema genauso zu behandeln. Nur: Dann handelt es sich um ein ganz subjektives Autorenstück, eines, das am besten mit dem Hinweis „Kommentar“ überschrieben sein sollte. Im Fall des Appells von Precht, Zeh und Co. hat sich der „Spiegel“ entschieden, den neutralen Weg der Nachricht zu gehen, zumindest auf dem Papier. Denn wie bereits geschrieben, ist der Gesamteindruck eher: Hier geht es um vieles, nur nicht um neutrale Berichterstattung. Wenn Leserinnen und Lesern schon im Einstieg die Leitplanken zum Denken mitgegeben werden, verstößt das nicht nur gegen journalistische Standards, es ist auch fehlender Respekt gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit, die für eine andere Lösung in einer der größten gesellschaftlichen Debatten seit dem zweiten Weltkrieg steht. Man muss nicht für einen „Waffenstillstand jetzt“ sein, man muss hinterfragen, wie diese Forderung umgesetzt werden soll. Aber es muss möglich sein, diese Position zu diskutieren, um den Diskurs, um Meinungen zu bilden. Dafür darf sich Journalismus eben nicht blind auf eine Seite schlagen. In diesem Sinne haben „Emma“ und „Zeit“ einen wesentlich höheren Beitrag zum demokratischen Austausch geleistet, indem sie den offenen Brief und den aktuellen Appell veröffentlicht haben, als der „Spiegel“ mit dem Versuch, eine neue journalistische Gattung für die eigene Markenbildung zu nutzen: die kommentierende Nachricht.    

Glaubwürdigkeit des Journalismus steht auf dem Spiel

Verbundenheit und Unterstützung mit der Ukraine sind wichtig, aber eines ist doch ganz klar: Man wird nicht zum Putin-Versteher, wenn man in einer Nachricht auf der nachrichtlichen Ebene bleibt, wenn man verschiedene Positionen zum Krieg darstellt und politische Entscheidungen hinterfragt. Aber man zerstört die Glaubwürdigkeit des Journalismus nachhaltig, wenn man sich von wichtigen Grundsäulen verabschiedet. Und das ist nicht nur eine Befindlichkeit wegen kleiner Formulierungsfragen. Welche Auswirkung dieses unlautere Spielen mit den Formen hat, hat Marlis Prinzing gerade erst bei MEEDIA gezeigt, als sie die Ergebnisse des neuesten News Reports des Reuters Instituts der Universität Oxford ausgewertet hat. Mit Blick auf die Ergebnisse warnt die Medienwissenschaftlerin, dass der Krieg eine „riskante mediale Schlagseite“ offenbare.

So fühlten sich gerade in Deutschland zwar mehr als 50 Prozent der Befragten informiert, aber deutlich weniger als die Hälfte hätten das Gefühl, „genügend über die Auswirkungen des Kriegs oder über die verschiedenen Sichtweisen zu erfahren“. Prinzing sieht auf der einen Seite „bedingungslose, freiwillige Solidarität mit der Ukraine“ und auf der anderen eine „Unerbittlichkeit, mit der jene angegriffen und in Schubladen gesteckt werden, die andere Argumente vorbringen.“ Für sie erscheinen „die Grenzen hin zum Kriegsaktivismus und zum Vernachlässigen der eigentlichen Rolle von Journalismus“ fließend. Und das bleibt nicht ohne Auswirkungen: die Zahl derjenigen, die Nachrichten inzwischen ausweichen, nimmt laut Reuters News Report wesentlich stärker zu als in den letzten Jahren. 

Die Lösung könnte recht naheliegend sein: Journalistinnen und Journalisten sollten sich auf ihre Grundfähigkeiten besinnen, das heißt: informieren, berichten und mit Hintergründen einen Mehrwert schaffen. Gerade der „Spiegel“ sollte sich auf das alte Augstein-Motto stützen, „Sagen, was ist“ und nicht schreiben, was genehm erscheint. Die eigene Meinung bildet sich im nächsten Schritt, genauso wie das Vertrauen ins Medium.   

Weitere Links:

Hier geht es zum Appell für eine Verhandlungslösung, veröffentlicht bei „Zeit Online“.

Hier geht’s zum „Spiegel“-Artikel über den Aufruf zum Waffenstillstand

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